Unzählige Kommentarspalten, die Titelseiten des Boulevards und sogar Auto-Heckscheiben geißeln regelmäßig das westlich-demokratische Justizsystem. Es gelte, endlich wieder mit der „vollen Härte des Gesetzes“ durchzugreifen - zumal es ein Unding sei, wenn ein „Kinderschänder“ mit 2 Jahren Gefängnis davonkäme.  Die Justiz sei "weichgespült" und "lasch". All diese Empörung ist nur allzu verständlich: Wen überkommt nicht die Wut, wenn wir mal wieder von skrupellosen U-Bahn-Schlägern lesen, die ihre Opfer mit Schlägen und Tritten traktierten - ohne dass auch nur ansatzweise ein Grund erkennbar gewesen wäre? Wer sehnt sich in solchen Momenten nicht nach Vergeltung, nach der Wiederherstellung der Würde, nach Gerechtigkeit? Unser Wunsch nach Bestrafung ist Ausdruck eines urmenschlichen Instinktes - doch es gibt auch Gegenmeinungen.

Vor kurzem machte der ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli mit einem verblüffenden Vorschlag von sich Reden. Er schlug vor, ausgerechnet jene Institution abzuschaffen, in der er aus voller Überzeugung über Jahre und Jahrzehnte tätig war: Das Gefängnis. Was so kühn und frivol klingt, ist tatsächlich nur die Wiederholung einer eigentlich uralten Forderung, die auch schon die sogenannten Abolitionisten in den 1970er-Jahren vertraten. Anstatt Kriminelle wegzusperren, so hieß es, sollten lieber die gesellschaftlichen Ursachen für Kriminalität bekämpft werden. Was hat es mit diesem utopisch anmutenden Gedanken auf sich? Wäre die Abschaffung von Gefängnissen auch nur ansatzweise realistisch – und was soll an deren Stelle treten?

Um das Zusammenspiel von Unrecht und Strafe besser zu verstehen, hilft ein kleiner Blick in die Juristik und Philosophie. In der Strafrechtstheorie wird grundsätzlich zwischen „absoluten“ und „relativen Straftheorien“ unterschieden. Absolute Straftheorien gehen vom klassischen Prinzip der „ausgleichenden Gerechtigkeit“ aus, also davon, dass das erlittene Unrecht auf Seiten des Opfers durch das Hinzufügen eines äquivalenten Leids auf Seiten des Täters zu kompensieren sei – das klassische Bild des „Auge um Auge“. Demgegenüber stehen die relativen Straftheorien, die meinen, dass Strafen deshalb notwendig seien, weil sie eine abschreckende Wirkung auf denjenigen ausstrahlten, der vor hat, eine Straftat zu begehen. Entweder werde so der Täter abgeschreckt, seine Tat zu wiederholen (was als Spezialprävention bezeichnet wird) oder die Gesellschaft als Ganzes werde vor einer potentiellen Straftat gewarnt (die sogenannte Generalprävention). Vor allem Letzteres kennen wir aus dem Alltag nur zu gut: einen Kinofilm aus dem Netz runterladen? Vorsichtig. Bei Rot über die Ampel laufen? Vielleicht. In Anwesenheit einer Polizeistreife? Wohl lieber nicht.

Tatsächlich ist der Glaube, dass höhere Strafen zu einem Mehr an Sicherheit führen würden, ein populärer Mythos. In der kriminologischen Forschung ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die Strafhöhe kaum einen Einfluss darauf hat, ob Täter sich für eine Tat entscheiden, meint die Juraprofessorin Elisa Hoven. „Die wenigsten sagen ja: Ich würde gern ein Kind missbrauchen und wäge ab: Welche Strafe bekomme ich? Na ja, bei einem Jahr mache ich es, bei zwei nicht“. Entscheidend seien andere Faktoren: „Weitaus  bedeutsamer  sind  die moralische Verbindlichkeit der Normen, die Häufigkeit der Deliktsbegehung im Verwandten- und Bekanntenkreis, die vermuteten Reaktionen des sozialen Umfelds sowie das subjektive Strafempfinden“ kommentiert auch der Kriminologe Wolfgang Heinz. Das heißt nicht, dass Strafen völlig nutzlos seien. Denn viel abschreckender, da sind sich beide einig, sei die „Aufdeckungswahrscheinlichkeit“. Es macht also durchaus Sinn, wenn die Polizei alkoholisierte Autofahrer aus dem Verkehr zieht und mit einer angemessen Strafe belegt. Doch die abschreckende Wirkung höherer Strafen ist viel begrenzter als allgemein angenommen wird.

Ganz im Gegenteil warnen Forscher seit Langem davor, dass durch den Aufenthalt im Gefängnis kriminelles Verhalten häufig erst entstehe. Wie kommt dieser paradoxe Sachverhalt zustande? Wir alle wissen, mit welchem Stigma ehemalige Häftlinge belegt sind, das nicht zuletzt in Mafiafilmen und Krimiserien beständig reproduziert wird. Sie haben größte Schwierigkeiten, wieder in die Berufswelt einzusteigen, einen lückenhaften Lebenslauf, einen oder mehrere Einträge im Führungszeugnis, müssen mit dem dubiosen Image des Ex-„Knackis“ kämpfen und wurden über Jahre von Freunden- und Bekanntenkreisen isoliert. Nicht selten haben sie im Knast noch mehr physische und psychische Gewalt erfahren und griffen in der Tristesse des Gefängnisalltags zu illegalen Rauschmitteln. Eine Bekannte, die bereits in den Genuss einer Haftstrafe kommen durfte, erzählte mir deshalb einmal sinngemäß, dass es leichter sei, im Knast an Drogen zu kommen, als außerhalb. So verwundert jedenfalls nicht die hohe Rückfallquote, eine erneute Straftat zu begehen. Nach Angeben des Bundesjustizministeriums wird im Zeitraum von neun Jahren jeder Zweite entlassene Häftling wieder straffällig. Jeder Dritte landet in dieser Zeit wieder im Gefängnis.

Während die relative Strafvorstellung, also das Prinzip, (potentielle) Täter abzuschrecken, allerdings noch eine gewisse Berechtigung hat, kann das über die absolute Straftheorie so nicht gesagt werden. Denn wenn das Prinzip der „gerechten Strafe“, die der Täter ja zurecht „verdient“ hätte, konsequent zu Ende gedacht würde, müssten Mord und andere schwere Delikte ja ebenso harte Strafen nach sich ziehen. Welche absurden Ausmaße dieses Denkweise nach sich ziehen kann, verdeutlichte 1975 der französische Philosoph Michel Foucault in seinem berühmten Werk „Überwachen und Strafen“. Dort schildert er am Beispiel Frankreichs den Übergang des frühneuzeitlichen Strafsystems, das noch auf Rache und Vergeltung gepolt war, zum heutigen Gefängnissystem, das mehr und mehr vom Gedanken der Resozialisierung eingenommen wurde. Akribisch recherchierte Foucault, mit welcher Grausamkeit – und zugleich minutiöser Präzision – die Delinquenten der Pariser Straßen gepeinigt wurden. Hast du jemandem die Hand abgeschlagen? Dann wird dir die deinige abgeschlagen! Hast du jemandes Haus in Brand gesteckt? Dann wird dir dasselbige widerfahren. Sogar Tatort und Uhrzeit wurden zum Teil noch imitiert. Wer das biblische Prinzip des Auge um Auge allen Ernstes auf die gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen will, wird eines Tages in einer bürokratischen Dystopie erwachen. Einer Dystopie, in der das Bemühen um Äquivalenz sich ad absurdum führt.

Dazu gesellt sich eine Reihe weiterer Probleme: Wie viele Insassen wurden denn in den Vereinigten Staaten nicht schon unschuldig zum Tode verurteilt? Wie viele Länder dieser Welt nutzen die Todesstrafe nicht als gezieltes Instrument gegenüber Kritikern? Und was macht es für einen Sinn, in einer Welt, in der es nicht ohnehin schon mehr als genug Unheil gibt, das vom Opfer erfahrene Leid durch die äquivalente Bestrafung des Täters auch noch zu verdoppeln – immer mit der Möglichkeit im Hinterkopf, dass der Richter sich beim Schuldspruch auch geirrt haben könnte?

Sollten wir uns nicht eigentlich fragen: Was sind eigentlich die Wünsche der Opfer von Gewalttaten? Wie gedenken sie mit den verantwortlichen Tätern umzugehen? Es gibt Studien, in denen Angehörige von Mordopfern befragt wurden. Die meisten Angehörigen sinnen tatsächlich weniger nach Vergeltung, als vielmehr danach, den Täter zu verstehen – die Beweggründe des Täters zu verstehen und umgekehrt auch vom Täter verstanden zu werden. Sie wünschen sich, dass der Täter die Schwere des Schmerzes, die Trauer um den erlittenen Verlust nachvollzieht. Um dem gerecht zu werden, sind in einigen Ländern inzwischen Täter-Opfer-Dialoge möglich. Dabei sitzen die Hinterbliebenen der Verstorbenen allerdings nicht dem eigentlichen Mörder, sondern dem Mörder eines anderen Opfers gegenüber. Psychologen sind der Auffassung, dass auf diese Weise der Verlust am besten verarbeitet werden kann, ohne die Angehörigen emotional zu überfordern. Die Vorstellung des vergewaltigten Opfers, das sein Leben lang blutrünstige Rachepläne schmiedet, passt zwar ganz gut in die cineastische Kill-Bill-Ästhetik im Stile Tarantinos, entspricht aber nicht im Geringsten den Anliegen der Opfer.

Doch was ist die Alternative? Vor allem unter Anarchisten ist die Idee des Abolitionismus sehr präsent. An Stelle des Strafvollzugs sollen Menschen, die gewalttätig oder andersweitig ausfällig geworden sind, aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. „Aussperren statt Einsperren“ lautet das Motto. So nett dieser Gedanke auch ist, so verkennt er doch, dass eine Gesellschaft nicht wie eine mittelalterliche Stadt funktioniert, deren Abtrünnigen man einfach verbannen und hinter den Stadtmauern absetzen könnte. Und selbst wenn: der Gedanke, Mörder und andere Schwerverbrecher in eine von der Gesellschaft abgetrennte Zone auszusetzen, erinnert viel eher an die blutrünstigen Tribute von Panem, als an ein menschenwürdiges Gesellschaftsmodell. Die Ideen der Abolitionisten und Anarchisten erweisen sich daher leider als Luftschlösser, wenn sie konsequent zu Ende gedacht werden.

Wie eine deutlich realistischere Alternative aussehen kann, zeigt sich derzeit etwa in Schweden. Dort wird seit einigen Jahren, parallel zum klassischen Gefängnis, ein sehr lobenswertes Modell erprobt. Straffällige, die eigentlich eine Haftstrafe antreten sollten, werden in staatlich überwachte Wohnhäuser überführt. Dort haben sie die Möglichkeit, ein Leben in Würde führen zu können, fernab von verrosteten Gitterstäben und düsteren Zellen. Der Besuch der abendlichen Grillparty oder der Lieblingskneipe ums Eck sind natürlich trotzdem nicht gestattet, denn abgesehen vom Aufenthalt im Haus dürfen sich die Verurteilten nicht frei bewegen. Eine Ausnahme bildet der Gang zur Arbeit oder der Besuch von ausgewählten Familienmitgliedern. Das muss allerdings vorher angemeldet werden und wird mittels eines am Körper angebrachten elektronischen Sensors kontrolliert.

Das ist notwendig. Denn es wird immer ein paar „dangerous few“ geben, es wird immer eine Hand voll gewissenloser Mörder und unbelehrbarer Gewalttäter geben, deren Freiheit ein Risiko für die Gesellschaft darstellt. Deshalb bleibt das Wegsperren von Menschen, also der Freiheitsentzug, auch ein unverzichtbares Mittel, nur sollte er eben in einem menschenwürdigen Rahmen vollzogen werden, in Wohnhäusern oder kleinen Wohngruppen, die die klassische Form des Gefängnisses ersetzen. Das bedeutet: „Freiheitsentzug statt Gefängnis“.

Auch der eingangs zitierte Gefängnisdirektor Thomas Galli ist der Auffassung, dass das System der Strafverfolgung nicht gänzlich abgeschafft werden soll. Allerdings sollte der Freiheitsentzug nur das allerletzte Mittel, eine ultima ratio, sein. Anstatt jedes Jahr Abertausende von Menschen einzukerkern, sollten vielmehr gezielte Geldstrafen, gemeinnützige Arbeit („Schwitzen statt Sitzen“), pädagogische Angebote, sowie professionell begleitete Täter-Opfer-Dialoge treten. Einen weiteren sinnvollen Ansatz fährt das holländische Strafsystem: dort werden kleinere Delikte, wie etwa Diebstahl oder Graffitti, nur noch selten verfolgt und sich stattdessen auf die „großen Fische“ konzentriert. Dieser „selektiven Strafverfolgung“ ist es zu verdanken, dass die Niederlande die Anzahl seiner Gefängnisse innerhalb weniger Jahre um 50% reduzieren konnte.

Nicht zuletzt ist die Bewachung und Unterbringung von Gefangenen auch irrsinnig teuer. Jeder Häftling kostet dem Staat die unvorstellbare Summe von rund 130 Euro pro Tag – eine Zahl, die offiziell mehrfach bestätigt wurde. So verwundert es nicht, dass der ökonomische Schaden, der durch Ladendiebstahl entsteht, durch die anfallenden Prozesskosten jährlich um das 1,9-fache und durch die Haftkosten sogar um das 3,6-fache übertroffen wird. Diejenigen, die die entsprechenden Geldstrafen nicht zahlen können, müssen eine „Ersatzfreiheitsstrafe“ antreten, was arme Menschen natürlich überproportional häufig trifft. Diese unnötigen Kosten, die für die gesamte Gesellschaft anfallen, könnten vermieden werden, wenn Finanzschwächeren die Chance geboten würde, ihre Geldstrafen auch durch gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Und gerade in Zeiten des Coronavirus (viele Wissenschaftler warnen ja bereits davor, dass sich solche Pandemien in Zukunft häufen werden) ist es absolut unverantwortlich, Menschen massenhaft auf engstem Raum zu sperren. Auch wir als „unbescholtene Bürger“ sollten daher ein Interesse an einer Überwindung der „prison culture“ haben, die nicht nur enorm teuer ist, sondern auch viele potentielle Infektionsherde bereitstellt.

Vielleicht wäre es ein erster Schritt, das Phänomen der Kriminalität einfach einmal als solches anzuerkennen, es zu entdramatisieren: Kriminalität hat es, und wird es, in allen Gesellschaftsformen geben. Kriminalität, so könnte man sagen, ist normal. Zwar können wir die Strafverfolgung nicht gänzlich abschaffen, aber wir sollten sie a) grundlegend reformieren, b) umfassend reduzieren und c) um alternative Formen der Konfliktbewältigung ergänzen. Man könnte sagen, es ist an der Zeit, die Ideen der Abolitionisten aus den ´70er-Jahren wieder aufzugreifen, allerdings nicht im Sinne eines absoluten, sondern im Sinne eines relativen Abolitionismus.

Wo sonst könnte eine demokratische Gesellschaft ihre Reife am ehesten beweisen, wenn nicht im Umgang mit ihren Gefangenen?

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