Als Jensen den König aufdeckte, dampfte die Kacke aber gewaltig: Fünfzig Schleifen für lau auf den Filz geschmissen, Scheiße nochmal: Es ist zwar nur Geld, aber anyway. Blöde Jetons, das wollen sie uns doch glauben machen, nicht das Plastik wert, auf dem eine verfickte Zahl über Gedeih und Verderb entscheidet. Und dennoch können wir’s nicht lassen, nenn’s Spieltrieb oder wie du willst, du bist zum Zocken geboren oder auch nicht, eine mikrokosmische Weltmetapher, that’s all!

Black Jack ist nicht Poker und Skat nicht Mau-Mau. Leck mich am Arsch, Marie, Black Jack ist die Krone der Schöpfung, das Pik As unter den Kartenspielen. („Welch‘ eloquente Wortwahl, da lacht die Koralle!“ würde Stéphanie sagen.) Verdammt, ja, Black Jack ist das Leben pur, jede Entscheidung spiegelt sich wider im Alltag, du betörst die Weiber mit einem satten Hunni, den du in einer Minute verdient hast (keiner spricht von den Verlusten, niemals, nie), und splittest, doppelst, versicherst, wenn’s denn geht.

Da sitzt also Jensen am grünen Tisch, diesmal dealt er, ein Häufchen Chips vor sich liegen, fährt souverän und bedächtig mit der flachen Hand über den Filz und lächelt: „Die Einsätze, bitte!“ Wenn er gut drauf ist, lässt er auch mal ein „Set your bets!“ fallen oder sogar „Faites vos jeux!“, das aber nur selten und auch nur dann, wenn er sich schon den Wolf gewonnen hat.

Stéph ist vorsichtig geworden, sie schenkt sich den Louis und lässt’s bei einem Zehner bewenden. „Muss reichen, ich hab schon genug verzockt heute!“ Sie saugt an ihrer Kippe, nein, sie atmet nicht ein, sie pafft nur nervös und sucht ihren Ramazotti.

Eni und Hamid, wie immer, scheißen auf Vorsicht, die Jungs haben’s verstanden und latzen mies lachend jeder einen Fuffi in seinen Slot. „Hoch die Tussen!“ brüllt Hamid und klatscht sein Pils gegen Enis, es plingt hohl, was soll’s, down the heck, Al Pacino und Nicolas Cage im Hinterkopf: Mit ein bisschen Phantasie und gutem Willen verwandelt sich die abgefuckteste Kneipe in ein Stückchen Vegas.

Der Penner, den keiner kennt (wohl ein Freund von einem Freund von einem Freund, wohl so einer, dem immer diese urban legends passieren), er nennt sich Andreas und trinkt einen winzigen Schluck von seinem Martini, natürlich spreizt er dabei den kleinen Finger in die Gegend, als wollte er sich das Glück durch ein Ritual kaufen. Das nützt nichts wie wir wissen, aber jeder von uns tut irgendwas Blödes, um Fortuna gnädig zu stimmen. Der unbekannte Andreas also weiß nicht so recht, den ganzen Abend schon weiß er nicht so recht, der nervt, der Arsch, in seiner Unentschlossenheit wirft er erst einen Louis, den er zurückzieht, setzt dann einen Zehner, überlegt nochmal kurz und haut den Louis dann doch noch dazu. Dreißig Stutz, Buddy, das hätte schneller gehen können!

Und ich? Mich geht das alles doch gar nichts an, in gewohnter Coolness setze ich einen Hunni, scheinbar ohne Interesse: „Da haste!“ brumme ich Jensen an, als wäre mir alles scheißegal, was es natürlich nicht ist, sang- und klanglos habe ich schon knapp dreihundert Öre in den Sand gesetzt, da zittert dann irgendwann auch der Titan. Also Hundert Dollars in den Slot, du kannst nur gewinnen, wenn du den Einsatz erhöhst. Wie bei den Frauen. Wie im richtigen Leben. Weltmetapher, glaub’s mir!

Das Spiel selbst geht genau so lang wie ich brauche, um mir eine doppelte Schorle ins Gesicht zu klatschen: Keine drei Minuten. Eine Zehn für Stéph, ein As für Eni, die Zwei für Hamid („Nein du!“), Andreas kriegt eine Vier und eine Fünf gibt’s für mich. Jensen zieht sich die Dame. Die zweite Karte macht’s spannend: Stéph kriegt ein As und jubelt, Black Jack, fuffzehn Euronen ausbezahlt und erledigt. Eine Zwei für Eni, eine Sieben für Hamid, Andreas kriegt eine Zehn, Jensen gibt mir eine Fünf und legt seine zweite Karte verdeckt auf die erste.

Okay, so weit, so gut, Eni steht bei dreizehn, will noch eine, kriegt noch eine, kriegt die Vier. „Acht, achtzehn!“ bestätigt Jensen. „Achtzehn!“ nickt Eni. „Reicht.“
Hamid ist bei neun, zieht natürlich noch eine, kriegt die Drei. „Scheiße! Noch eine!“ Der Bube für Hamid. Zweiundzwanzig. Tot!
Der feige Andreas steht bei vierzehn, nippt am Martini und winkt ab. Ich fasse mir an den Kopf, der Kerl spielt wie Karl Arsch.

Ich bin an der Reihe. Zwei Fünfen bei einem Hunni und dreihundert Verlust. Scheiß drauf. „Split!“ Ich schiebe die Karten auseinander und lege einen Chip dazu.
Jensen dealt mir eine Fünf auf die erste Fünf und eine Sechs auf die zweite. Gute Aktion, einmal zehn mit nochmal Splitten vielleicht, einmal elf. Ich schaue in Jensens Augen, er starrt mich ungläubig an, als ich wortlos beide Haufen verdopple. Es liegen vierhundert Steine vor mir, alles oder nichts, fast eine gesamte Monatsmiete, möge das Glück mir beistehen.
Jensen zittert mir die Neun auf den ersten Stapel: Neunzehn, gut gelöst! Und weil’s so schön ist, zaubert er mir ein Bild auf die Elf: Twenty-One, no comment, Bingo. Das Volk klatscht, die Menge jubelt, Jensen versteht die Welt nicht mehr. „Mach jetzt bloß keinen Fehler, Buddy!“ flüstere ich.

Und er macht keinen Fehler. Er deckt sich eine Vier auf, muss noch eine ziehen, es ist die Drei, the dealer must stand on seventeen. Eni gewinnt einen Fuffi mit seiner Achtzehn, Andreas verliert, der Depp hätte auf seine Vierzehn eine Fünf gekriegt, aber die hatte er ja mir überlassen! Jensen schaut mich an und neigt den Kopf leicht nach vorne. „Sauber gespielt, Kollege!“ Ich danke und streiche vierhundert Ocken ein, ratz-fatz wieder im Plus.

Die Hand wechselt, jetzt deale ich, neues Spiel, neues Glück, das letzte Wort ist heute Nacht noch nicht gesprochen, der eine lacht, der andere weint, naja, vielleicht nicht ganz so pathetisch, a matter of give and take and the game never ends. Black Jack ist die Krone der Schöpfung, ist das Leben pur. Weltmetapher eben.

Bitte das Spiel zu machen. Give it a try.