Aufstehen. Arbeiten. Abend. Aufstehen. Arbeiten. Abend. Manchmal gibt es so Phasen, da rauschen die Wochen nur so durch. Die Tage verschwimmen ineinander, weil sie so von Routine und Verpflichtungen geprägt sind. Jetzt, zu Corona-Zeiten, wo die eigene Welt vorübergehend kleiner geworden ist, ganz besonders.

Wenn es ganz blöd läuft, sind es nicht nur kurze Ausnahmephasen, sondern es geht Monate oder sogar Jahre so.

Schaue ich zurück auf mein Leben, habe ich das Gefühl, dass ich zwischen 30 und 40 mehr oder weniger ein ganzes Jahrzehnt verloren habe. Nicht, dass ich da nichts gemacht hätte, ich habe sogar sehr viel gemacht – aber ich war, wenn ich mal so insgesamt draufblicke – eher passiv.

Reagiert und nichts getan

Es gibt ja Phasen, da wird man einfach vom Alltag geschluckt … oder lässt sich schlucken. Damit meine ich noch gar nicht die Extremfälle, wie Schicksalsschläge, gesundheitlich schwierige Diagnosen oder älter werdende Eltern, die viel mehr Zeit und Kraft beanspruchen, als es vorher schon war.

Ich meine wirklich dieses Reagieren. Das Dahinleben in den mehr oder weniger gleichen Abläufen. Diese Gleichförmigkeit, die die Phasen oft unbemerkt ausdehnt.

Mitunter macht sich dann das „Nur noch“- und „Wenn, dann“-Denken bemerkbar:

  • Nur noch dies und das durchstehen. Ab x wirds entspannter!
  • Das mach ich dann, wenn y Umstände günstiger sind.

Nur leider reiht sich eine dieser Aussagen an die nächste. Und während man im Autopilot den Alltag so dahinlebt, abarbeitet oder vor lauter Verpflichtungen gar nicht mehr die Energie hat, groß was in der Freizeit zu tun, kann schon mal ein Jahr an einem vorbeizischen. Oder zehn. :-)

Das rollende Auto

Hin und wieder fällt mir ein, was ich vor bestimmt 25 Jahren mal in irgendeinem Seminar gehört habe: Wenn du ein Auto anschieben willst, ist es wahnsinnig schwer, es überhaupt ins Rollen  zu bringen. Aber wenn es mal rollt, musst du Kraft aufwenden, es stoppen zu können.

Ich finde, das ist eine exzellente Analogie! Denn um aus der Autopilot-Routine rauszukommen, muss man etwas anderes machen. Das ist für manche Leute leichter, als für andere. Denn es spielt natürlich eine Rolle, woraus dein Alltag so besteht:

  • Bist du mit der Zeit passiver geworden und in einer dumpfen Routine gelandet, die du komplett in der Hand hast?
  • Oder gibt es weitere Einflüsse und Verpflichtungen, von denen du dich fremdbestimmen lässt?

Das klingt jetzt vielleicht provokant, wenn ich sage „fremdbestimmen lässt“. Damit will ich keinesfalls sagen, man kann Verpflichtungen immer ändern. Manchmal schon, wenn es Verpflichtungen sind, die man sich ständig aufhalst (sich für alles verantwortlich fühlt oder zu oft „ja“ schreit, obwohl es andere auch machen könnten).

Doch es gibt natürlich aktuelle Umstände, die in der Priorität ganz nach vorne rutschen. Die zusätzlich zum meist eh schon vollen Alltag reindrücken. Was dann aber meist hinten runterfällt, sind wir selbst.

Genau dieses Bestimmenlassen, dieses Sich-ganz-weit-hintanstellen, füttert den Autopilot.

In meinem verlorenen Jahrzehnt habe ich viel gemacht, ich habe mich hauptsächlich um meine Arbeit gedreht. Ich bin ins Fitnessstudio gegangen und habe mich abends ausgeruht, indem ich englische Serien geschaut habe. Doch genau diese ständig gleichen, äußert passiven Abläufe führen in den unguten Autopiloten.

Es ist an uns, den Alltag aktiv aufzumischen, gelegentlich was neu oder anders zu machen, etwas auszuprobieren. Wenn wir das wollen. Das müssen keine umwälzenden Neuerungen sein, und es soll beileibe kein Druck entstehen.

Das Aufschütteln der Routine, das Einladen von ein wenig mehr Abwechslung ist der Clou.

Klar bleiben gleichförmige Phasen nie aus, doch immer dann, wenn man nur so ins Abarbeiten gerät und die ewig gleichen Abläufe macht, tickt die Uhr schneller. Dann lassen wir uns die Zeit durch die Finger rinnen.

Darum finde ich das Bild vom Autopiloten auch so gut. Denn den Autopiloten müssen wir bewusst abschalten, wenn er uns stört, und das heißt: Aktiv was anderes machen. Selbst wieder das Steuern übernehmen. Und wenn es nur Kleinigkeiten sind, die das Gleichförmige durchbrechen.

Dann kommt das Auto ins Rollen.

Foto: Oliver Lauberger

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