Es ist natürlich sehr geheim. Da es mir sehr peinlich ist. Dabei, peinlich wäre das falsche Wort, eher todpeinlich.

Heiligabend, arbeiten. Von einigen Kunden bekomme ich Kekse, Schokolade, Trinkgeld und nette Karten. Ich freue mich über alles und werde immer ein bisschen rot, wenn man mir etwas überreicht.

Schließlich klingele ich bei Haus Nr. 48. Dort wohnt eine Familie, die sechs Mal im Jahr zwei riesige Pakete bekommt. So groß wie Umzugskartons. Darauf prangt ganz groß ein Schild mit dem Inhalt: Bifi. Da müssen Hunderte drin sein. Und nach acht Wochen hat diese Familie Hunderte Bifi verspeist? Krass! Natürlich wissen sie, dass ich weiß, was ich ihnen bringe.
Das weiß ich übrigens meistens, weil die Leute es mir ungefragt erzählen. Ich mag das.

„Ganz schön schwer, das winzige Paket!“

„Meine Schneeketten!!! Danke!“


„Hey, ich bringe euch gerade noch rechtzeitig euer Weihnachtsgeschenk! Gut, dass ihr da seid!“

„Puh, letzte Rettung. Kein Geschenk, sondern eine Tischdecke für heute Abend!“


Ich weiß also alles. Und stehe vor Haus Nr. 48. Heute nur mit einer kleinen Büchersendung. Als die Tür aufgeht, stehen da drei Menschen, nehmen die Sendung in Empfang und strahlen mich an.

„Als kleines Dankeschön, weil du uns immer so gut mit Post und Paketen versorgst....“ Frau M. reicht mir eine bunte Geschenktüte. Ich schaue rein, muss laut lachen: Bifis! Bestimmt 20 Stück in allen Geschmacksrichtungen! Ich freue mich sehr über diese Idee und ziehe fröhlich von dannen.

Im Postauto: esse ich einen Bifi. Später noch einen. Auf dem Zustellstützpunkt verschenke ich viele an Kollegen, habe nur noch 5 / 6 Stück, als ich Zuhause bin. Zwei Tage später sind auch diese weg.

Was alle wissen: ich bin Vegetarierin. Seit zig Jahren. Auf der Arbeit gibt es extra für mich Käsebrötchen, wenn einer Frühstück ausgibt. Ich habe letztens erst wieder erzählt, wie sehr mir die Tiere leid tun. Tun sie auch. Immer. Irgendwie war ich an diesem Tag kein Vegetarier und habe mit mir selbst gebrochen.

Wüsste das einer meiner Kollegen, würde er sicher denken:

„Klar, da macht sie auf Vegetarier und tut auf gesundheitsbewusst und sportlich und stopft sich ohne Ende Bifi rein! Das ist entsetzlich! Heuchelei! Was sie wohl sonst noch macht?“

Dann würde die Vegetarierpolizei kommen und eine Akte über mich anlegen. Zu Recht.

Ich habe es also verheimlicht, war deswegen total unauthentisch und habe mich zwei Tage geschämt. Ein Kollege hat noch gefragt, was ich mit den restlichen mache.

„Erstmal mit nach Hause nehmen.“, habe ich gesagt und gemerkt, wie ich rot werde.

Ich hätte natürlich auch vor mir selbst dazu stehen können. Konnte ich aber nicht. Und wenn ich vor mir selbst nicht dazu stehen kann, dann auch nicht vor anderen.

Es ist so: ich stehe dazu, dass ich einmal im Jahr Currywurst esse. In Gedenken an meinen Vater. Das werde ich beibehalten. Nur aus diesem Grund.

Es ist auch so: ich finde Rindfleisch äußerst bedenklich wegen BSE. Ich finde Schweinefleisch äusserst bedenklich wegen Arachidonsäure. Ich finde Geflügel bedenklich wegen Antibiotika. Ich mag den Geschmack von Fleisch nicht mal. Ich habe Mitleid mit den Tieren. Und dann werde ich plötzlich maßlos, weil mir jemand Fastfood in Form von getrocknetem Mischfleisch unbekannter Herkunft schenkt? „Mampf mampf“ hinter getönten Scheiben?

Verdammt, das gibt mir sehr zu denken und meine Leute wären entsetzt!

Daher: breiten wir den Mantel des Schweigens über dieser Geschichte aus. Es ist interessant, wie viele Facetten man selbst hat. Wie viele verschiedene Gedanken. Dass man zugleich „Ja“ und „nein“ sagen kann und „vielleicht“ denkt. Nicht immer ist alles stimmig oder passt zusammen. Ab und zu ist da ein kleiner Abgrund, ...eine Kellertreppe ins Untergeschoss des eigenen Statements.

Mein Gewissen ist nun erleichtert und ich verspreche, dass ich an mir arbeiten werde! Und ihr behaltet das natürlich für Euch!


Dieser Beitrag ist zuerst auf Quora als Antwort auf die Frage "Bei welcher Tatsache über Dich wären viele entsetzt?" erschienen.