Liebe Frau Merkel,

ich weiß, dass dieser Brief nichts ändern wird, aber vielleicht hilft er mir selbst. Ich wünsche mir, dass Sie ihn zu Ende lesen. Vielleicht wird er lang, das weiß ich nicht, aber ich möchte, dass man mir zuhört. Das man uns zuhört. Nur einmal, weil wir ansonsten stumm sind und untergehen in einem Meer von Menschen, die eigene Sorgen haben. Manchmal kommen mir unsere Sorgen wie Luxusprobleme vor, aber auch ich habe als Bürgerin dieses Landes ein Recht darauf, gehört zu werden. Oder nicht?

Es ist so: mein Partner lebt in Österreich. Und ich wohne in Norddeutschland. 750 km trennen uns. Das ist nicht so schlimm. Damit kann man außerhalb einer Pandemie gut leben, weil unsere Liebe stark ist und wir verrückt genug sind. Wir haben einfach jeden Tag ein Kreuz auf den Kalender gemacht und schon waren die 8 Wochen um und wir haben uns am Bahnhof aufgeregt in die Arme geschlossen.

Schlimm ist aber, dass wir uns seit 8 Monaten nicht gesehen haben und einfach kein Ende in Sicht ist. Der Kalender ist leer.

Wir leben jeder unseren eigenen Alltag. Und gehen jeden Abend traurig ins Bett. Wir glauben an die Wissenschaft und halten uns seit Anbeginn der Corona-Krise akribisch an die Regeln: treffen keine Freunde. Seit einem Jahr. Unsere Eltern sind fast schon Fremde für uns geworden, denn auch sie treffen wir nicht. Wir arbeiten stattdessen jeden Tag bis zum umfallen, da wir „systemrelevant“ sind und zu der Traurigkeit, dass wir uns nicht sehen können, gesellt sich mit einem Mal: Einsamkeit. Als Introvertierte halten wir es ja gut alleine aus. Aber als introvertierte Verliebte geht man irgendwann auch mal kaputt - wenn man seinen Partner nicht sehen kann. Wenn Berührungen fehlen. Und gemeinsames einschlafen. Ein Telefon ersetzt keine Küsse. Keine körperliche Nähe.


Menschen, die wir kennen, sind in den letzten Monaten in den Urlaub gefahren. Menschen um uns herum jaulen wegen der Maskenpflicht. Machen ihr Ding. Partys im Keller. Fahren fröhlich durch die Republik, um Geburtstage zu feiern. Und wir? Glauben weiterhin an die AHA-Regeln. Daran, dass wir keine Menschen treffen, um die Infektion zu stoppen.

Weihnachten haben wir überlegt, uns zu sehen: es ist uns nur erlaubt, 72 h beisammen zu sein, um nicht in Quarantäne zu müssen. Wir haben Unterlagen ausgefüllt, uns eine gegenseitige Einladung geschickt und dann ist es doch gescheitert: weil man nach einem Arbeitstag am Heiligenabend einfach nicht schnell 750 km fahren kann, um kurz darauf wieder den Rückweg anzutreten. Das Herz will, aber der Kopf rät davon ab. Sekundenschlaf auf der Autobahn? Zugausfälle und Zeitdruck wegen der 72 h. Was wenn dieses. Oder jenes. Ein längerer Aufenthalt wäre besser, aber: Quarantäne kann sich keiner von uns leisten - wir müssen allzeit für unseren Arbeitgeber parat stehen.


„Wann sehen wir uns?“

„Das weiß ich nicht.“


Zehntausende feiern dicht gedrängt auf Demos, während wir alleine unsere Geschirrspülmaschinen einräumen. Die Flieger nach Mallorca sind voll, während wir Tag für Tag erschöpfter werden, weil die Arbeitstage einfach immer anstrengender werden. Draußen im Park grillen Menschengruppen, während wir weiterhin keinen unserer Freunde treffen, damit diese Pandemie einfach mal aufhört. Ein Kollege bekommt Besuch aus einem Risikoland: das voll besetzte Auto fährt einfach über die Grenze. Keine Einreiseanmeldung. Keine Kontrolle. Keine Quarantäne. Und wir sitzen alleine auf der Couch und vermissen uns.

Wir sind so müde. Und traurig. Jedes Mal, wenn die Zahlen wieder ansteigen, ist es für uns wie ein Schlag ins Gesicht. Wir halten uns zurück, weil wir aus dieser Pandemie raus wollen, aber vielleicht zerbricht unsere Liebe daran? Sind all die anderen Menschen (deren Mallorca Urlaub, deren Querdenker-Demos, deren Grillabende) wichtiger, als unsere Liebe? Es scheint so. Denn sonst könnte man doch etwas machen, oder? Etwas, dass auch binationalen Paaren hilft?

Mein Partner ist die Liebe meines Lebens. Aber wenn man sich nicht sehen kann und sich jeden Tag zusammen reißt, während andere Menschen auf eben diese Corona-Regeln mit Hohn und Gleichgültigkeit reagieren, fragt man sich irgendwann, „Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?“

Vielleicht sollten wir uns auch in einen vollen Bus setzen und zu einer Demo fahren, damit wir uns dort heimlich treffen können?

Vielleicht unter dem Schlagbaum einer Grenze durchschmuggeln?

Vielleicht krank schreiben lassen und so der Quarantäne entgehen?

Vielleicht, vielleicht, vielleicht.


Stattdessen: machen wir nichts. Sitzen einsam in unseren Wohnungen und denken an den anderen. Weil: wir nicht wichtig sind. Weil wir nur ein Liebespaar sind, das sich nicht sehen kann und andere Menschen wohl mehr Rechte haben. Weil wir „Almans“ sind, die sich an die Regeln halten und nicht mal bei Rot über die Straße gehen. Weil wir nicht aus unserer Haut können.

„Liebe Frau Merkel, was können wir tun, um nicht an Liebeskummer zu sterben?“

Fragen der It-Mitarbeiter aus einem Callcenter irgendwo in Österreich und die Paketzustellerin der Deutschen Post, irgendwo in diesem Land.

Dir gefällt, was Kerstin Braunburg schreibt?

Dann unterstütze Kerstin Braunburg jetzt direkt: