Mit einem Ruck riss sie den Brief auf.

„Einladung zur Testamentseröffnung“

Die Sonnenstrahlen brannten durch das Glasdach direkt auf das Papier, als wollten sie einen Scheinwerfer imitieren, sodass sie kaum etwas lesen konnte. Sophie saß auf einer Bank in der Gärtnerei. Auf dieser Bank war sie oft mit ihm gesessen. Sie hatte mit ihren Eltern im Nebenhaus gewohnt und es daher nicht weit gehabt. Von klein auf war sie lieber hier gewesen, in der Gärtnerei bei ihrem Onkel Mick. Er erzählte ihr von den Blumen und Stauden, von Obstgehölzen und Sukkulenten. Schon in ganz jungen Jahren hatte sie ihm in jeder freien Minute geholfen und liebte Pflanzen über alles.

Sophie war 29 Jahre alt und hatte beinahe ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Die letzten Jahre waren nicht einfach gewesen. Ihre Eltern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sie tat sich sehr schwer, dies zu verarbeiten. Ohne Onkel Mick wäre sie erst am Anfang des Weges. Es war für sie beinahe unmöglich, die Trauer zu überwinden. Nicht, weil sie ihre Eltern so sehr geliebt hatte und nun vermisste, sondern weil unbändige Gefühle in ihr tanzten, die sie sich nur schwer eingestehen konnte. Ja, da war auch Liebe. Aber da war auch Angst, Hass und Ohnmacht. Onkel Mick hatte viele Stunden nur zugehört. Immer wieder kam die Panik. Er hatte sie erzählen lassen, und das half ein bisschen. Und nun war auch er fort. So wie alle anderen. Es war keine Verwandtschaft mehr da. Wie hatte er das zulassen können? Sie war noch nicht fertig, noch nicht bereit, nun alles allein zu bewältigen!

Was sollte sie nun tun? Ihr Studium hatte sie nur noch halbherzig durchlaufen. Mehrfach war sie auf ihren psychischen Zustand angesprochen worden. Sie solle sich überlegen, ob sie aufgrund ihrer Instabilität wirklich in der Lage war, mit Kindern zu arbeiten. Sie wollte es schaffen, wollte normal sein. Und nun besaß sie bald eine Gärtnerei, das wusste sie. Onkel Mick hatte ihr auf dem Sterbebett zugeflüstert, dass sie alles erben würde. Und dabei hatte er ganz sanft ihre Hand gedrückt. Sollte sie das Studium aufgeben und sich ihrer großen Leidenschaft, den Pflanzen, widmen? Onkel Mick hätte sich das gewünscht. Ihre Eltern hätten sie für verrückt erklärt, so wie sie es ein Leben lang mit Onkel Mick getan hatten. Das Verhältnis war kompliziert. Der Blick in die Vergangenheit löste eine Panikattacke aus. Ihr Herz raste, sie begann zu zittern und der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie war plötzlich wieder 5 Jahre alt.

„Sophie! Komm sofort herunter und räume den Tisch ab! Du faules Stück! Kannst du nicht mal deiner Mutter helfen?“, brüllte ihr Vater aus dem Erdgeschoss. Sophie ging unsicher, jedoch so schnell wie möglich nach unten und sammelte schnell die Gläser, Teller und das Besteck vom Küchentisch und trug es zur Spülmaschine. „Nein, die Gläser kommen oben hin und das Besteck unten!“, mischte sich nun ihre Mutter ein, „alles muss ich hier selbst machen. Kein Wunder, dass ich bald nicht mehr kann!“ Sophie wurde beiseitegestoßen und stand stumm da. Ihr Vater herrschte sie an: „Entschuldige dich wenigstens! Deine Mutter opfert sich hier für uns alle auf! Du bist schuld, dass es ihr so schlecht geht.“ Sophie murmelte eine Entschuldigung und traute sich nicht, sich zu bewegen, obwohl sie am Liebsten geflüchtet wäre. Zu Onkel Mick. Nach ein paar Minuten war alles still. Ihr Vater saß wieder hinter seiner Zeitung und ihre Mutter hatte sich hingelegt.

„Darf ich rüber?“, fragte sie zaghaft. Ihr Vater hob nicht einmal den Kopf und sagte grob: „Um 18.00 Uhr bist du wieder da!“ Sie rannte hinüber in die Gärtnerei. Onkel Mick topfte gerade Sonnenblumen um. Er dreht sich zu ihr und ließ die Hände sinken. „So schlimm?“, fragte er, obwohl sie noch gar nichts erzählt hatte. Weinend warf sie sich in seine Arme und schluchzte. Er wiegte sie hin und her wie ein Baby und langsam beruhigte sie sich. Nachdem sie sich beruhigt hatte, nahm er sie wortlos an die Hand und ging mit ihr zu dem Pflanztisch, an dem er gerade arbeitete. Er zog einen Hocker hervor, und ab dann arbeiteten sie schweigend nebeneinander. Sophie tauchte ihre kleinen Hände in die Erde. Sie spürte die Feuchtigkeit und Wärme in ihr. Die leuchtenden, bunten Blumen um sie herum lösten etwas in ihr und sie lächelte ihren Onkel an. Er küsste sie auf den Kopf und lächelte zurück. Worte brauchte es nicht.

Langsam ließ die Panik nach. Sophie wusste, dass der Körper irgendwann kein Adrenalin mehr ausschütten konnte und die Panik nachließ. Sie atmete tief ein und aus und ließ ihren Blick schweifen. Dann trat sie an einen Pflanztisch heran und ließ ihre Hände tief in die Erde tauchen. Sie spürte die Feuchtigkeit und Wärme in ihr. Die leuchtenden, bunten Blumen um sie herum lösten etwas in ihr.

Sie wusste nun, was das Richtige war. Nicht für Onkel Mick, sondern für sich selbst.