Mit 16 hat mich eine Lehrerin mit diesem Nietzsche-Zitat bekanntgemacht. Seitdem begleitet es mich durchs Leben und ich lege allen diese Haltung dringend ans Herz!

Unser Gegenwarts-Ich ist anders als unser Vergangenheits-Ich war und unser Zukunfts-Ich sein wird.

Es klingt immer so gewaltig, wenn davon die Rede ist, dass wir uns als Persönlichkeit entwickeln. Als ob man immer ganz bewusst an sich arbeitet oder was erreichen will. Dabei werden wir ganz automatisch „anders“ – und das auf ganz vielen Ebenen.

Kleine Alltagsdinge, die einen plötzlich stören oder die man anders sieht als kürzlich. Feste Standpunkte, die sich aufgeweicht haben oder komplett gedreht.

Klar gibts die großen Sprünge:

  • Wenn man zurückschaut auf frühere Lebensphasen: Mit 20 hab ich dies und das, in den 30ern war jenes …
  • Besonders wenn man negative Erfahrungen oder Krisen hatte, relativiert sich vieles.
  • Oder man hatte eine sehr starre Ansicht zu bestimmten Menschen, jetzt aber lernt man jemanden näher kennen oder lieben und bekommt plötzlich einen anderen Zugang.

Ich werde also ständig meine Meinung ändern. Und wenn es nur die banale Alltagsüberzeugung ist, dass ich plötzlich keine ganze Pizza mehr esse, weil mir eine halbe reicht.

Auch – und gerade – die Überzeugungen, die man über sich hat, lohnt es sich, verändern zu dürfen. Denn die nehmen wir gerne als Tatsachen hin, doch wenn ich beispielsweise die feste Meinung habe „Ich bin zu ungeschickt [diesunddas zu machen]“ und das nie aktualisiere, dann limitiere ich mich ungemein. Indem ich bestimmte Dinge erst gar nicht ausprobiere und indem, ich mir von Haus aus den Wind aus den Segeln nehme.

Das bedeutet nicht, …

… dass das, was ich zuvor gedacht habe, falsch war. So ein Schwarz-Weiß-Sehen herrscht gerne vor, wenn es um Meinungen geht. Gerade darum ist das „denkende“ im Nietzsche-Zitat so toll. Ich habe nachgedacht, jetzt denk ich eben neu darüber. Und damit ist es nicht getan, wenn ich morgen/übernächstes Mal/in einem Jahr wieder nachdenke, sieht es möglicherweise wieder anders aus.

Kurskorrekturen sind ausdrücklich erlaubt

Beharrlich an etwas dranzubleiben, es durchzuziehen, finde ich total wichtig. Viel zu oft fangen wir gar nicht erst an oder geben viel zu früh wieder auf. Das geht mir nicht anders als den meisten.

Gleichzeitig erlebe ich es um mich herum ständig, dass Leute sich gezwungen fühlen, etwas weiterhin zu machen (oder sich schlecht fühlen, weil sie es schleifen lassen und ständig im Genick haben).

Wer sich erlaubt, seine Meinung zu ändern, der hat kein Problem, jederzeit etwas zu verändern – sogar wenn es um größere Vorhaben geht. Selbst, wenn man im ersten Überschwang vollmundig überall erzählt hat, was man jetzt machen wird.

  • Wenn ich superbegeistert eine Sportart beginne, mir vielleicht eine teure Ausrüstung kaufe, aber nach einigen Wochen keine Lust mehr drauf habe …
  • Wenn ich jahrelang gesagt habe, vegane Ernährung finde ich blöd, mich aber jetzt immer mehr in diese Richtung bewege …
  • Wenn ich eine Fortbildung gemacht oder ein Business aufgezogen habe, viel Zeit investiert habe, jetzt aber gemerkt habe, dass ich was anderes machen will …
  • Wenn ich mit meinem Partner ans andere Ende von Deutschland oder der Welt gezogen bin, oder von der Stadt aufs Land oder umgekehrt und merke, ich fühle mich nicht so wohl …
  • Wenn, wenn, wenn …
Gerade im Tun sammelt man erst richtige Erfahrung, merkt – und erfühlt – was einem gut gefällt oder am Herzen liegt. Es ist total natürlich, dass man sich verändert.

Dazu kommt, dass das Leben komplexer ist: Es spielt immer eine Menge rein, was neue Prioritäten setzt. Das muss nicht mal die große Veränderung sein, es kann auch einfach sein, dass einen die Arbeit gerade so einspannt, dass man viel zu müde ist, um jetzt in diesem Moment Sache X weiterzumachen.

Es ist total okay – und richtig – in dieser Hinsicht flexibel sein zu dürfen. Ein unterbrochener oder veränderter Kurs führt dennoch weiter!

Das bedeutet nicht, …

… abdrehen oder aufgeben, nur weil was schwer oder unbequem wird.

Gelassenheit macht beweglicher

Sobald wir uns erlauben, unsere Meinung natürlich ändern zu dürfen, lebt es sich sehr viel gelassener:

  • Wir können zeitnaher in unserem Sinne (re)agieren.
  • Der Impuls verschwindet, sich vor irgendwem - vielleicht vor uns selbst - rechtfertigen zu müssen.
  • Statt dessen können wir uns mit der Substanz auseinandersetzen: Was will ich denn [nicht mehr] und warum? So brauche ich nicht verharren, nicht So-tun-als-ob und mir nichts versagen.

Ich kann mich aufs Leben konzentrieren und immer wieder Entscheidungen justieren.

Das bedeutet nicht, …

… die pauschale Haltung von „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ im Sinne von Unzuverlässigkeit vor sich und anderen.

Charakterstärke!

Schließlich zeugt es in meinen Augen von einem starken Charakter,

-> zugeben

und

-> zustimmen

zu können, dass man jetzt etwas anders sieht als zuvor. Ganz besonders dann, wenn es um Dinge geht, die man sehr vehement vertreten hat. Der denkende Mensch ändert nun mal seine Meinung.

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