Seit Robert eine neue Flamme hatte, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Es verging keine Minute, in der er nicht an Ludmilla denken musste. Er war vollkommen durcheinander. Tag und Nacht dachte er an sie und malte sich die kommende Zeit mit ihr in den buntesten Farben aus. Die Frau hatte ihm den Kopf verdreht. Heute war er nun auf dem Weg zu ihr. Dieses Treffen bedeutete ihm unendlich viel, wahrscheinlich hing auch seine nächste Zukunft davon ab.

In Gedanken versunken fuhr Robert durch die Straßen der Stadt seinem Ziel entgegen. Während er fuhr, war er unaufmerksam, dass er nicht nur einmal fast einen Unfall verursachte. Dank anderer aufmerksamer Verkehrsteilnehmer wurde glücklicherweise Schlimmeres verhindert.

Die Straße, in der Roberts Ludmilla wohnte, lag etwas außerhalb des Zentrums seiner Heimatstadt. Robert hatte Ludmilla vor einigen Wochen auf einer Tanzveranstaltung kennengelernt. Nachdem er sich an ihr fast seine blendamed-weißen Zähne ausgebissen hatte, war sie nun endlich bereit, ihn in ihren heiligen Hallen zu empfangen. Er war glücklich darüber, aber auch aufgeregt.

Robert hatte sich viel Zeit genommen, sich auf das Treffen vorzubereiten. Nichts durfte schiefgehen, alles musste auf den Punkt genau stimmen. Immerhin wollte er bei Ludmilla Eindruck schinden. Er duftete, als hätte er alle Parfümflaschen einer Douglas-Filiale in seiner Wanne entleert und darin gebadet. Das wenige Haar, das ihm noch geblieben war, klebte perfekt gegelt und gestylt am Oberkopf und verdeckte den bereits auftretenden Fußballplatz. Er litt sehr unter diesem Manko und tat alles, um es zu vertuschen. Ungestylt sah er aus wie einer der alten Herren vom Kreischorverband. Damit konnte er bei Ludmilla garantiert keinen Blumentopf gewinnen. In Sachen Blumentopf hatte er ebenfalls vorgesorgt: ein Strauß roter Rosen stand in einer Vase im Fußraum des Beifahrersitzes bereit und wartete auf seinen Einsatz.

Er erinnerte sich an das erste Zusammentreffen mit Ludmilla. Es geschah in seiner Lieblingsbar, in der auch getanzt wurde. Robert fiel Ludmilla auf, die gedankenversunken mitten auf der Tanzfläche stand und allein tanzte. Die Frau fiel auf. Sie war groß, beinahe so groß wie er selbst, gertenschlank und hatte verführerische Rundungen. Die Frau gefiel Robert vom ersten Moment an. Es fühlte sich an wie ein Blitzschlag, der in einen Baum fuhr und diesen durchrüttelte. Er war wie elektrisiert und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr ablenken. Ludmilla zog ihn an, den strammen Busen hatte sie hochgeschnallt, dass man eine Kaffeetasse darauf hätte absetzen können, ohne, dass diese umfiel. Ihre Brüste sprengten beinahe das Oberteil. Sie trug einen Minirock, der knapp unter ihren knackigen Pobacken endete. Ellenlange Beine steckten glänzenden Nylons und die Füße in Highheels, die die Beine noch länger erscheinen ließen. Sie war einfach göttlich anzusehen. Es fehlte nicht viel und Robert sabberte wie ein zahnloser Greis.

Ludmilla bemerkte den stillen Beobachter. Sie sah ihn mit ihren strahlend blauen Augen an, ihre knallrot geschminkten Lippen verzogen sich zu dem charmantesten Lächeln, das er je gesehen hatte. Der Augenaufschlag mit den langen, schwarzen Wimpern ließ ihn dahinschmelzen wie Eis in der Sonne. Sie griff nach seinem Schlips und zog ihn ganz nah an sich heran.

Roberts Herz machte Luftsprünge, heiße Schauer schossen durch seinen Körper und machten auch vor seiner Mitte nicht halt.

„Du bist mir ja einer! Schlimmer Bub…“, säuselte Ludmilla Robert verführerisch ins Ohr, als sie das Dilemma hinter seinem Hosenschlitz bemerkte. Dabei rieb sie ihre Brüste lasziv an Roberts Oberkörper, dass ihm noch heißer wurde als ihm schon war. Was darauf folgte, war wie ein Schuss in den Ofen. Er wurde ohne Gnade ins kalte Wasser geworfen und niemand rettete ihn vorm Ertrinken. Ludmilla ließ ihn zappeln. So sehr er sich auch mühte, die Frau blieb hart. Sie ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern und er kam nicht zum Zug. Sein Ego war angekratzt, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als am Ball zu bleiben und um sie zu werben.

Aber nun endlich, er sah sich bereits am Ziel seiner sehnlichsten Wünsche. Robert näherte sich Ludmillas Straße. Schon an der nächsten Kreuzung musste er abbiegen. Haus an Haus reihte sich links und rechts an der Straße entlang wie Perlen auf einer Kette.  Einige sahen verkommen aus, andere wieder waren saniert und strahlten den Altbaucharme des beginnenden 20. Jahrhunderts aus.

„Wer es mag, warum nicht“, dachte sich Robert und suchte die Hausnummer 69. „Wie passend“, meinte er schmunzelnd zu sich selbst. Sein Kopfkino lief auf Hochtouren, dass er aufpassen musste, nicht sofort über das Ziel hinaus zu schießen. Da sah er die gesuchte Nummer auch schon und konzentrierte sich lieber auf das Kommende.

Robert parkte sein Auto am Straßenrand und stieg aus. Im letzten Moment fielen ihm die Rosen vor dem Beifahrersitz ein. Er nahm sie aus der Vase, schüttelte kurz das Wasser ab. Nachdem er sein Fahrzeug abgeschossen hatte, blickte er sich neugierig um. Die Gegend gefiel ihm nicht sonderlich. Er mochte lieber das Moderne, Klare und Geradlinige.

Vor Ludmillas Haus standen zwei riesige Rotzedern, in deren Wipfeln sich einige Zwergelstern lautstark um etwas stritten. Die Einfahrt zum Hof verstellte ein Baumentaster. Wahrscheinlich sollten die Rotzedern dran glauben.

Vorsichtig schlängelte sich Robert an dem Ungetüm an Baumentaster vorbei, immer darauf bedacht, sich nicht schmutzig zu machen. Wie sähe es aus, verdreckt bei seiner Flamme aufzukreuzen. Das Gezeter der Zwergelstern verfolgte ihn immer noch. Robert schüttelte den Kopf über so viel Krawall und dachte: „Hoffentlich ist das Schlafzimmer nicht zur Straße hinaus. Bei dem Lärm kann es einem ja vergehen.“

Endlich hatte Robert den mit gepflegten Rabatten umrandeten Hof erreicht. Der sah recht einladend aus. Ein paar Bänke waren aufgestellt worden, die zum Verweilen einluden. In einem winzigen Teich am Rande plätscherte ein genauso winziger Springbrunnen vor sich hin. Um den Teich wuchs niedriges Gebüsch, Moos bedeckte den Boden. Eine kleine Oase für eigenartige Tiere, die Robert erst nach genauerem Hinsehen im Moos entdeckte. Anfangs wusste er sie nicht einzuordnen. Aber dann erinnerte er sich an die Biologie und meinte, die Kreaturen den Urinsekten zuordnen zu müssen.

„Was es nicht alles gibt“, sprach er mit sich selbst und erschrak plötzlich. Aus einem der Hoffensterchen erscholl Musik, die so gar nicht für seine verwöhnten Ohren gemacht war. Anscheinend hatte einer der Hausbewohner bösartig seine Ministereoanlage besonders laut gemacht, nur um die werten Nachbarn zu ärgern.

Robert riss sich zusammen. Immerhin war er nicht gekommen, um sich über laute Musik aus Stereoanlagen zu ärgern, oder Urinsekten zu studieren. Er musste schnellstens zu seiner geliebten Ludmilla. Sie wartete bestimmt bereits sehnsüchtig auf ihn. Auf keinen Fall wollte er zu spät kommen und sie damit zornig machen. Das gehörte sich nicht.

Vor der Haustür blieb Robert stehen und begutachtete die Klingelschilder. Ludmillas Name war ganz oben angebracht. Robert schaute an der Fassade nach oben. Parterre und zwei Stockwerke, nicht viel für einen Mann für ihn. Er würde wohl kaum außer Atem kommen. Robert drückte den Klingelknopf. Erst tat sich nichts. Als er noch einmal klingeln wollte, kratzte es in der Gegensprechanlage und eine Frauenstimme meldete sich: „Hier ist Ludmilla, wer da?“, hörte Robert es aus dem Lautsprecher.

„Ludmilla, mein Augenstern. Hier ist Robert. Wir sind für heute verabredet. Hast du das etwa vergessen?“, antwortete Robert aufgeregt. Sein Herz begann zum wiederholten Male an diesem Tag wie wild zu klopfen.

„Oh, Robert. Natürlich erinnere ich mich. Ich erwarte dich bereits begierig. Komm doch hoch, ich wohne im zweiten Stock. Trete einfach ein, die Wohnungstür ist offen“, säuselte Ludmilla mit rauchig klingender Stimme, dass es Robert wohlig den Rücken herunter rieselte. Es wurde aufgelegt und der Türöffner betätigt.

Bevor er das Haus betrat, strich er sich ein letztes Mal durch das gegelte Haar und rückte seinen Schlips zurecht. Vorsichtshalber roch er noch einmal unter seinen Achseln. Nicht, dass er dort einen unangenehmen Geruch verströmte. Das wäre ihm sehr peinlich. Aber alles war bestens.

Eine Parfümwolke hinter sich herziehend, stieg Robert energisch die Treppe hinauf. Er kam nun doch ein wenig außer Atem. Doch das schob er auf die Aufregung, die sich mit jedem Schritt steigerte. Er erreichte Ludmillas Wohnungstür. Sie war nur angelehnt. Robert schnüffelte. Was war das für ein eigenartiger Geruch? War er es vielleicht? Panik machte sich breit. Seine Nase bewegte sich nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in Richtung seiner Achsel. Nein, er war es nicht. Was war das dann und woher kam es? Robert war ratlos.

Auf einmal bemerkte er Schritte, die sich der Wohnungstür näherten.

„Wo bleibst du denn, mein Süßer. Ich hörte dich bereits vor der Tür. Warum kommst du nicht rein?“, hörte er Ludmilla von drinnen rufen. Die Tür wurde vollends geöffnet und vor ihm stand… Roberts Augen wurden rund wie Wagenräder. Er wurde bleich, bekam sogar Atemnot. Das konnte nicht sein! Wer war das? Hatte er sich in der Tür geirrt? Er rieb sich die Augen, schaute panisch auf das Namensschild. Nein, es lag keine Verwechslung vor. Es war Ludmilla, die freudig strahlend vor ihm stand. Aber wie sah sie aus? So hatte er sie gar nicht in Erinnerung. Sie trug eine Kittelschürze aus Dederon*, die ihre neuerdings hängenden Brüste kaum bändigte. War das wirklich seine Ludmilla? Sollte ihr Aussehen, als sie sich kennengelernt hatten, nur Makulatur gewesen sein? Robert verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte eine Frau sich innerhalb kurzer Zeit so krass verändern?

Um den Kopf hatte Ludmilla ein Tuch geschlungen, unter dem fettige Haare hervorquollen. Ihre Augen sahen aus, als hätte sie bereits mehrere Tage nicht geschlafen, Tränensäcke folgten der Erdanziehung und rutschten beinahe bis auf die Wangen. In der Hand hielt Ludmilla einen Teller, darauf Bratheringe.

Robert kam die helle Erleuchtung. Ein ganzer Kronleuchter voller 1000-Watt-Birnen ging ihm auf. Daher kam der Geruch, der so ungestüm seine verwöhnte Nase reizte. Die ungeschminkte Wahrheit kam zutage.

„Ich war eben beim Essen machen. Willst du auch?“, fragte Ludmilla lächelnd und hielt Robert den Teller mit den Fischen unter die Nase. „Ich liebe Bratheringe.“

Robert musste sich zwingen, seinen Magen nicht gleich vor Ludmillas Wohnungstür zu entleeren. „Nein, danke. Das ist gut gemeint. Ich habe schon gegessen“, würgte er gequält hervor. Am liebsten hätte er sich auch noch die Nase zugehalten, so sehr ekelte er sich vor dem Fischgeruch. „Entschuldige, ich muss gehen. Mir fiel eben ein, ein wichtiger Kunde hat mich um einen Termin gebeten. Den habe ich vor lauter Aufregung vergessen. Ich wollte schnell zu dir“, log er, dass sich die Balken bogen. „Der Kunde wird bestimmt schon warten und ungeduldig sein“, entschuldigte er sich kleinlaut und ließ seinen Rosenstrauß fallen. Dann drehte er sich um und lief wie von Hunden gehetzt die Treppe hinab.

„Robert, so warte doch“, rief ihm Ludmilla nach. „Wann sehen wir uns wieder? Robert! So sag doch was!“

„Ich melde mich, sobald ich kann“, antwortete Robert, der bereits unten angekommen war. Er wusste, es war nicht fair, Ludmilla so stehen zu lassen und ihr die Wahrheit zu verschweigen. Doch er konnte nicht anders. Jedes Mal, wenn er Ludmilla zu Gesicht bekäme, würde er sie mit Bratheringen in Verbindung bringen – und er hasste Bratheringe – wie der Teufel das Weihwasser.

© Milly B. / 07.08.2020

*Dederon ist eine Kunstfaser, die zu DDR-Zeiten entwickelt wurde. Daraus wurden vor allen Dingen Kittelschürzen hergestellt, die sehr beliebt waren.

Dir gefällt, was Brit Bäßler schreibt?

Dann unterstütze Brit Bäßler jetzt direkt: