Kürzlich stand mir ein Kollege gegenüber, auf dem Ärmel seiner Uniform klebte ein kleines Abzeichen: We Do Bad Things To Bad People stand darauf. Solche Patches, Gummi-Abzeichen mit Klettrückseite, sind unter Sicherheitskräften beliebt, gerne auch mit Sprüchen wie: „Wir machen auch Hausbesuche“. Und sie sorgen immer wieder für Ärger.

Viele Polizisten – nach meiner Beobachtung fast ausschließlich männliche – umgeben sich gern mit der Aura des modernen Kriegers. Sie trainieren ihre Muskeln, nutzen privat beschaffte Kleidungsstücke mit unzähligen Taschen, tragen Kurzhaarfrisuren auf dem Kopf und Karabiner-Haken an den Rucksäcken.

Woher auch immer diese Neigung unter Sicherheitskräften kommt: Auch ich bin nicht immun dagegen. Als Streifenpolizist kam ich mir vor wie eine Ein-Mann-Spezialeinheit, weil ich die Waffe im Holster am Oberschenkel tragen durfte, und nicht mehr altmodisch an der Hüfte. Als wir vor einigen Jahren taktische Westen bekamen, die über der Uniform getragen werden, statt darunter, dürften nicht nur mir die Augen geleuchtet haben.

Grundsätzlich halte ich so ein martialisches Erscheinungsbild auch nicht für problematisch. Polizisten machen ihren Job unter anderem im Windschatten der verbreiteten Annahme, sie wären geschulte Kämpfer. Ohne Gewalt ist Polizeiarbeit in vielen Bereichen schlechthin nicht denkbar. Ein Großteil unserer Maßnahmen – vom einfachen Platzverweis oder einer Gewahrsamnahme (Gefahrenabwehr) bis zur Beschlagnahme von Beweismitteln oder einer Verhaftung (Strafverfolgung) – muss unter Umständen mit Zwang durchgesetzt werden. Wenn das Erscheinungsbild der Beamten abschreckt und dadurch den einen oder anderen Widerstand abwendet: Wunderbar.

Demonstrative Bedrohlichkeit

Ich erinnere mich an einige Situationen, die ich womöglich nur durch die bewusste Ausstrahlung von selbstbewusster Bedrohlichkeit heil überstanden habe. Zwei Beispiele:

Am Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen beobachtete ich in meiner Freizeit, wie drei junge Männer mit wütenden Gesichtern und geballten Fäusten zwei anderen Personen hinterherrannten. Ich stellte mich den dreien in den Weg, setzte den Bis-hierhin-und-nicht-weiter-Blick auf, den man schon nach wenigen Jahren im Streifendienst lernt, und sagte laut: "Polizei! Was auch immer das werden soll: Lasst es bleiben!"

Mein Eingreifen ließ sie glücklicherweise den Rückzug antreten. Jeden der drei Jungs allein hätte ich vermutlich handeln können. Hätten sie ihre Überzahl aber zu nutzen gewusst, wären sie eine ernsthafte Gefahr für mich geworden.

In einer anderen Situation hatte ich es – diesmal in Uniform – mit einem gewaltbereiten Mitglied eines Rockerclubs zu tun. Ich musste ihn allein und ohne Aussicht auf zeitnahe Verstärkung davon abhalten, in die laufende Festnahme seines Begleiters einzugreifen. Zuvor hatten die beiden einen jungen Mann vor unseren Augen zusammengeschlagen. Nun stand mir ein offensichtlich gewaltbereiter, deutlich größerer Mann voller Adrenalin gegenüber und wog erkennbar seine Chancen ab, an mir vorbei zu seinem Kumpel gelangen zu können. Ich musste alles aufbieten, was mir an Selbstbeherrschung und Drohpotenzial zur Verfügung stand, einschließlich des Schlagstocks in der Hand, um die Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren.

Manche entdecken ihren Hang zur Gewalt

Nahezu jede Streifenpolizistin und jeder Streifenpolizist kann solche Anekdoten erzählen. Situationen zu bewältigen, die jeden Moment in blanke Gewalt umzuschlagen drohen, ist eine der eindrücklichsten Lernerfahrung junger Polizeibeamter. Doch einige von ihnen entwickeln nicht nur die Fähigkeit, Gewalt als letztes Mittel einzusetzen: Sie entdecken ihren Hang zur Gewalt.

Was haben die Patches damit zu tun? Zwar sind wenige dieser Abzeichen strafrechtlich relevant, doch viele fragwürdig. Und manche befördern eine Gewaltaffinität. Ob Polizisten private Abzeichen an ihren Uniformen tragen dürfen, entscheidet das jeweilige Innenministerium. In Berlin ist es verboten, dennoch veröffentlichte der offizielle Twitteraccount der dortigen Polizei ein Bild eines Beamten mit einer dünnen blauen Linie auf einem schwarzen Patch. Diese Thin Blue Line steht in einer verbreiteten Interpretation für ein Selbstbild der Polizei als letzte Bastion, die – zur Not mit Gewalt – verhindert, dass die Gesellschaft ins Chaos abrutscht.

Aber We Do Bad Things To Bad People, also: "Wir tun schlimmen Menschen schlimme Dinge an" – das geht über jede gerechtfertigte Gewalt hinaus und überschreitet die Grenze zur Selbstjustiz. Ein Polizist ist in keiner Position, einem vermeintlich "schlimmen Menschen" in strafender Absicht "schlimme Dinge" anzutun. Strafen für begangene Verfehlungen zu verhängen, ist Sache der Gerichte. Kollegen, die einen solchen Satz vor sich hertragen, dürfen sich über Fragen nach ihrem Verständnis von Gewaltenteilung also nicht wundern.

Foto von Leon Seibert / Unsplash

Mir ist eine Sicherung durchgebrannt

Was legitime Gewaltanwendung ist, lernen Polizistinnen und Polizisten in der Ausbildung. Im Idealfall ist sie auch danach noch regelmäßiges Thema in dienststelleninternen Fortbildungen und Trainings, wie auch ich sie als Polizeitrainer durchgeführt habe. Leider nutzen die meisten Kolleginnen und Kollegen die dafür erforderlichen Ausbildungstage viel zu selten. In den Hundertschaften, zu deren Kerngeschäft die Bewältigung von eskalierenden Lagen gehört, ist die Fortbildungsintensität höher als im Streifendienst.

Im Dienst wird das dann auf die Probe gestellt. Lehrreich für mich war eine Szene mit einem besonders vorlauten Dauerstraftäter. Jeden Tag saß er wieder im Bahnhof, in dem er Hausverbot hatte. Jeden Tag mussten wir erneut eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs anlegen, einen Platzverweis aussprechen und meist auch durchsetzen, Belehrungen vornehmen, Diskussionen führen, Provokationen ignorieren und Abfälligkeiten ertragen. Nach Wochen und Monaten dieser Endlosschleife ist mir eines Abends eine Sicherung durchgebrannt: Ich habe den Störenfried so lange über den Bahnhofvorplatz geschubst und brüllend runtergeputzt, bis er – ein mehrere Jahrzehnte älterer Mann – in Tränen ausgebrochen ist.

Ein solcher Ausraster war und ist für mich derart untypisch, dass mein Streifenpartner und ich hinterher vollkommen perplex waren. Ich schämte mich für dieses unprofessionelle Verhalten. Seither habe ich diese Grenze nicht noch mal überschritten. Aber ich habe seit diesem Kontrollverlust einen differenzierteren Blick auf Fälle von mutmaßlicher Polizeigewalt.

Es stecken eben doch Menschen in diesen Uniformen. Deren Selbstbeherrschung hat Grenzen. Selbst wenn sie sich noch so sehr mit der Verantwortung auseinandersetzen, die ihnen auferlegt wurde: Erst im Dienst können sie durch die wiederholte Konfrontation das erforderliche hohe Maß an Stressresistenz und Frustrationstoleranz entwickeln – am besten in Begleitung erfahrener Kolleginnen und Kollegen. In wenigen Monaten praktischer Ausbildung lässt sich das nicht erreichen.

Der Mann aus meiner Anekdote bot meinen Kolleginnen und mir viele Gelegenheiten für diesen Lernprozess. Regelmäßig brachte er mindestens einen der eingesetzten Beamten zur Weißglut, fast genauso regelmäßig mussten wir unserem Platzverweis körperlich Nachdruck verleihen. Die Interaktionen mit dem notorischen Hausfriedensbrecher ermöglichten zahlreichen Kollegen, an sich selbst zu erproben, bis zu welchem Punkt sie das Gespräch noch professionell führen konnten. Zu erkennen, wann besser die Streifenpartnerin übernimmt, fällt schwerer, als man meint. Es erfordert einen reifen Umgang mit dem verbreiteten Impuls, jede polizeiliche Situation dominieren zu müssen.

Der Vertrauensvorschuss muss immer wieder verdient werden

Die Grenze von Gewaltfähigkeit zur Gewaltaffinität (beide Begriffe stammen von Prof. Dr. Behr, nachzulesen u.a. in seinem Text Gewalt und Polizei. Ambivalenzen des innerstaatlichen Gewaltmonopols in der APuZ 21-23/2019) ist fließend und zugleich höchst relevant. Was Polizistinnen und Polizisten als Dekoration an sich tragen, sollte keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie den Balanceakt auf diesem schmalen Grat beherrschen. Bleiben Sprüche wie We Do Bad Things To Bad People unwidersprochen, bilden sie die Grundlage für eine problematische Verselbstständigung. In meiner Zeit im Streifendienst habe ich Kollegen erlebt, die sich die "Wiedereinführung der Ordnungsschelle" wünschten oder "eine handfeste Belehrung in einer dunklen Ecke" vornehmen wollten. Ich habe miterlebt, wie die Grenzen der Legitimität deutlich überschritten wurden. Und womöglich habe ich sie selbst einige Male ausgereizt.

Aufgrund der fundierten Polizeiausbildung und des professionellen Leitbildes, dem sich die deutschen Polizeien verpflichtet fühlen, bleiben derartige Vorfälle Ausnahmen. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Vertrauensvorschuss, der uns Polizistinnen und Polizisten gewährt wurde, muss immer wieder von Neuem verdient und gerechtfertigt werden. Das geht nur, wenn wir notwendige Gewalt vom Exzess unterscheiden können – und bereit sind, uns gegenseitig immer wieder an diese Unterscheidung zu erinnern.


Dieser Text erschien ursprünglich am 09. März 2021 auf ZEIT Online.