Der wohl umstrittenste Autor der Axel Springer Gruppe - und das will etwas heißen - spricht vom großen Austausch. Höchste Zeit für eine Einordnung.

Rainer Meyer und die neue Rechte

Rainer Meyer, der lieber Don Alphonso genannt werden möchte, ist passionierter Radfahrer. Da wo er lebt, am Tegernsee, da ist die Welt noch in Ordnung. Berge, Häuser im Alpenstil und am Nachmittag ein Stück Kuchen vom Konditor - die Idylle eines kitschigen Heimatfilms eben.

Aber Meyer fährt nicht nur Rad und isst Kuchen, er ist auch Journalist und Blogger, Kolumnist für die WELT. Und er hat einen Twitter-Account, von dem er regen Gebrauch macht. Manchmal schreibt er vom Radfahren, manchmal postet er Bilder von Gebäck und manchmal nimmt er zu aktuellen Themen Stellung. Er provoziert gern, sagen die Einen. Er hetzt seine Follower auf Menschen wie Natascha Strobl und ist eine Art Stichwortgeber für die neue Rechte, sagen Andere.

Dass Teile von Meyers fast 50.000 Followern auf Twitter aus Rechtsextremist:Innen besteht, das steht wohl außer Frage. Er selbst spricht von "Kontaktschuld", wenn man ihn damit konfrontiert. Sein Arbeitgeber Ulf Poschard, Chefredakteur der WELT, nimmt ihn regelmäßig in Schutz, denn Meyer weiß sehr genau, wie weit er verbal gehen kann und reizt diese Grenze gern bis aufs Letzte aus. Zumindest wusste er in der Vergangenheit immer, wie weit er gehen kann. Denn nun schrieb er, bezugnehmend auf einen Kommentar zu einer Demonstration in Neukölln, auf der auch klar antiisraelische  Parolen wie "Intifada bis zum Sieg" skandiert und in Redebeiträgen laut jüdischem Forum die Situation in Gaza mit der Shoah gleichgesetzt wurde, folgendes auf Twitter:

Ein zynischer Kommentar, nichts ungewöhnliches für ihn. Doch auf was für einen Austausch bezieht sich Don Alphonso hier?

Renaud Camus Hirngespinste

In der neuen Rechten tauchte der Begriff des "großen Austauschs" in der heutigen Bedeutung zum ersten Mal um das Jahr 2011 auf. Der französische Autor Renaud Camus veröffentlichte in diesem Jahr das Buch "Le grand remplacement", welches das ideologische Grundgerüst neurechter Organisationen wie der Identitären Bewegung bildet.

Die These, nach der Frankreich (oder wahlweise Deutschland, Österreich) durch eine "Elite" dazu gedrängt würde, die eigene Bevölkerung gegen Muslime aus afrikanischen Staaten auszutauschen, basiert allerdings nicht etwa auf einer wissenschaftlichen Untersuchung oder statistischen Daten, sondern persönlichen Eindrücken Camus', die stark gefärbt von seiner Verwurzelung in rechten und rechtsextremistischen Kreisen Frankreichs sind. Unter anderem führt er dazu ein Zitat des ehemaligen algerischen Staatschefs Houari Boumedienne an, nach dem dieser vor den Vereinten Nationen behauptet habe, den Sieg der Menschen aus dem Süden über den Norden würde man "dem Bauch unserer Frauen verdanken". Allein: Für dieses Zitat gibt es keinen Beleg der Vereinten Nationen. Tatsächlich gibt es überhaupt keinen Beleg für das Zitat, es wurde einfach erfunden.

Renaud Camus

Trotzdem bildet es einen vermeintlichen Beweis für das ideologische Fundament rechtsextremistischer Terroranschläge, so berief sich der Attentäter von Christchurch ebenso wie Stephan Balliet, der zu Jom Kippur 2019 versuchte, in eine Synagoge in Halle einzudringen und Juden:Jüdinnen zu ermorden, daran scheiterte und schließlich die Passant:Innen Jana Lange und Kevin Schwarz kaltblütig erschoss, auf die Verschwörungstheorie des großen Austauschs. Antimuslimische Strömungen wie in Christchurch und Antisemitismus wie in Halle gehen dabei nicht durch Zufall Hand in Hand, die Rede von "Eliten" ist ein Paradebeispiel antisemitischen dog-whistlings. Und die Idee selbst stammt auch nicht von Camus, basiert sie doch auf den Gedanken illustrer Gestalten wie Jean Raspail, der schon 1973 in "Das Heerlager der Heiligen" den Untergang des Abendlandes beschwor und "Sergeant" (wohl Oberscharführer) der Waffen-SS René Binet, einem französischen Überläufer und bekannten Neofaschisten der Nachkriegszeit.

Angst als Identität

Das Ziel dieser Idee ist so einfach wie gefährlich: sie soll Angst vor einer "ethnischen Durchmischung" machen. Camus spricht von "entkultisierung", ein Begriff, der nicht zufällig starke ideelle Nähe zur sogenannten Leitkultur hat. Kann man nämlich nicht mehr von Rassen sprechen, ohne eindeutig als Neonazi identifiziert zu werden, so ist es ungleich leichter, Rassismen kulturell zu projizieren. Der Mechanismus bleibt der gleiche und ebenso die Stereotype, die nicht zuletzt durch die frei erfundenen "Protokolle der Weisen von Zion" geprägt wurden, einem antisemitischen Pamphlet, das wohl 1898 in Russland entstand: "Eliten", "Globalist:Innen", Juden:Jüdinnen bilden eine geheime Verschwörung, wollen die Weltherrschaft übernehmen.

Rechtsextremist:Innen in den USA sprechen vom "white genocide", deutsche Rassist:Innen sprechen von Umvolkung - oder, wie die NPD, ungeniert davon, "fremd im eigenen Land" zu sein. Alexander Gauland fand diesen NPD-Slogan 2016 übrigens "gut und klug". Gut und klug ist daran allenfalls die Strategie, europäische Urängste weiter politisch nutzen zu können. Und letztlich dient die Angst einzig dazu, der Idee des "Ethnopluralismus" Vorschub zu leisten: Kulturelle und ethnische Hegemonie gilt als erstrebenswertes Ziel, vermeintlich Fremde sind eine Gefahr, wahlweise für den Erhalt der "deutschen Ethnie" oder Kultur. Die Identität Identitärer basiert aber nicht auf einer gemeinsamen Kultur oder Ethnie, sie basiert auf Angst vor den Anderen. Und die Anderen, das ist klar definiert, sind People of Color, sind Migrant:Innen, sind Juden:Jüdinnen.

Der "Troll vom Tegernsee"

Natürlich ist Alphonso kein Ethnopluralist oder Antisemit, wollte er mit diesem Tweet doch gerade auf Antisemitismus unter Migrant:Innen aufmerksam machen - in seiner typischen Rolle als "Troll vom Tegernsee", wie die taz ihn taufte. Und trotzdem ist es eben kein Zufall, dass Don Alphonso Zuspruch von Rechten und Rechtsextremist:Innen bekommt, so nutzt er zuverlässig jedes Stichwort, um von genau dieser Reichweite zu profitieren.

»Meines Erachtens wird Deutschland zerbrechen. Vielleicht nicht als Nation, aber als Kulturraum.«

Don Alphonso

Und natürlich kann er etwas dafür, von wem er Applaus bekommt, selbst ihm müsste klar sein, dass diese Menschen ihm nicht wegen der Fahrradfotos folgen. Zwar zieht er sich durch die Rede von "Kontaktschuld" aus jeder Affäre, legt aber bei anderen Maßstäbe an, an denen er sich selbst nicht messen lassen will, wie zum Beispiel Natascha Strobl, der er ihre Kontakte in die linke Szene vorwirft.

Dieses Mal aber könnte er einen Schritt zu weit gegangen sein. Denn der Verschwörungsmythos des "großen Austauschs" ist im Kern klar antisemitisch, er wurde von Antisemiten erdacht und wird von Antisemiten vertreten. Und den Vorwurf wird sich Meyer gefallen lassen müssen: Er reproduziert, wenn auch ironisch, antisemitische Verschwörungsmythen - und leistet damit dem klaren Bekenntnis der Axel Springer SE gegen jeden Antisemitismus, ob in Israel oder in Deutschland, einen Bärendienst.

Bildquellen:
Titelbild "der große Austausch", Renaud Camus, Flickr - CC BY 2.0

Portrait Renaud Camus: Renaud Camus, Flickr - CC BY 2.0

Flagge "Identitäre Bewegung": Freie Bürgerpresse, Flickr - CC BY 2.0

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