Paul saß an seinem Schreibtisch in dem kleinen Zimmer und der Regen trommelte gegen das Dachfenster. Es war Freitag. Es war immer freitags. Da saß er vor seinen Hausaufgaben und konnte sich nicht konzentrieren. Mama würde in einer Stunde von der Arbeit nach Hause kommen, dann musste er fertig sein. „Los, Paulchen, streng dich an, dann hast du es bald geschafft und wir fahren noch ein bisschen Skateboard!“, hörte er seinen Papa sagen.

Doch die Stimme war nur in seinem Kopf. Papa war nicht da und er vermisste ihn unendlich. Niemand sagte „Paulchen“. Seit es passiert war, war sowieso alles anders. Sie hatten ihr schönes Haus verlassen müssen und waren in diese kleine Dachwohnung gezogen, in der es im Winter zu kalt war und im Sommer so heiß, dass er nicht schlafen konnte. Paul sah dem Regen zu, wie er das Fenster hinunterlief. Auf seinem Schreibtisch stand ein Foto von seinem Papa. Er stellte sich vor, wie sich am Fensterrahmen ein Regentropfen durchdrückte und hinabfiel. Direkt auf Papas Foto. Wie eine Träne. Von denen hatte er viele vergossen. Jetzt fühlte er sich nur noch innerlich vertrocknet.

Er sah auf sein Matheheft und die Zahlen verschwommen vor seinen Augen. Kam da doch noch eine Träne? Besser jetzt, bevor Mama wieder da war. Wenn sie kam, war sie so erschöpft von der Arbeit im Krankenhaus, dass sie sich erst mal aufs Sofa legte. Und sie machte sich immer solche Sorgen um ihn. Lieber jetzt. Seit es passiert war, war er immer tapfer. „Du bist schon so ein großer Junge!“, hieß es und so tat er dann auch. Der Regen prasselte nun stärker, als hätte er seine wilden Gedanken erraten. Nein, er war kein großer Junge. Er war nicht stark und er kam nicht klar, seit es passiert war. Seine Noten waren schlecht geworden, er hatte keinen Appetit mehr und dachte in der Schule nur daran, dass alles wieder so werden sollte wie früher.

Er fragte sich, ob er schuld daran gewesen war, dass es passiert war. Hatte er etwas falsch gemacht? Ihm half kein „Alles wird gut!“ oder „Mit der Zeit wird es leichter.“ Am liebsten wollte er nur noch unter seine Decke. Für immer.

Das Türschloss knackte. Paul schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er hatte keine einzige Aufgabe gelöst. Mama kam zurück. Er sprang auf und lief ihr entgegen, um ihr mit den Einkaufstaschen zu helfen. Doch dieses Mal stellte sie die Taschen direkt in dem kleinen Flur ab und sah ihn an: „Paul, was ist los?“ Durch seine tränennassen Wimpern blickte er sie mit großen Augen an. „Paul, komm her, sag mir bitte was los ist!“

Paul glitt in ihre Arme und weinte: „Mir fehlt Papa so sehr!“ Mama drückte ihn ein Stück von sich weg, sah ihm ins Gesicht und hielt in an den Armen fest. „Aber Paul, du weißt doch, alle zwei Wochen, immer freitags, bist du doch wieder bei Papa!“

Es war trotzdem jedes Mal wie Sterben.