Als klar war, dass über kurz oder lang die Entscheidung anstehen wird, zusammenzuziehen, habe ich mich, wenn ich in Offenbach „zu Besuch“ war, gefragt: Kannst du dir vorstellen, hier zu leben?

Ich schlenderte durch die Straßen und obwohl ich Offenbach durchaus schön finde, war die Antwort lange „Nein“. In Garmisch geboren, danach nach München gezogen. 51 Jahre bin ich jetzt. Fünf Jahrzehnte in derselben Ecke heimisch.

Halt! Was macht „Heimat“ eigentlich aus?

Die Definitionen sind total unterschiedlich

Für meine Freundin sind es die Berge. Für manche Nordlichter bestimmt das Meer. Heimat kann Umgebung sein, die Landschaft, die Witterung, die Art, wie die Häuser gebaut sind. Das überzeugte „Ich bin einfach ein Stadt-/Land-Kind!“ kann eine Rolle spielen.

Für manche ist es die Verwurzelung: Die Familie, der Freundeskreis, all die Menschen, die man kennt, besonders natürlich die man liebgewonnen hat. Die Arbeitsstelle, die man aufgeben müsste. Die eigenen vier Wände. Das Vertraute.

Für andere ist es der Ort, wo sie ihre Kindheit verbracht haben.

Wieder andere sind etwas poetischer: Heimat ist, wo du geliebt wirst.

Oder nüchterner: Heimat ist da, wo ich bin.

Für mich war es etwas überraschend anderes.

Auch wenn kein Umzug ansteht: Frag dich mal!

Alles wird erst richtig interessant, wenn man näher hinschaut. Die erste Zeit bin ich bei Fragen wie „Will ich aus München wegziehen?“ oder „Kann ich mir vorstellen, in Offenbach zu wohnen?“ über das „Nein“ gar nicht hinausgekommen.

Doch eine Ja/Nein-Frage ohne Begründung bringt nie sonderlich viel. Mal ganz absehen davon, dass oft viele andere Aspekte reinspielen, die mit der Ursprungsfrage – hier der Heimat – gar nichts direkt zu tun haben, kommen wir nicht weiter. Das ist bei allen Themen so, bei denen wir uns besser kennenlernen möchten oder eine Entscheidung treffen müssen. Wir brauchen Substanz! Und die liegt immer im WARUM oder im WEIL.

Das gilt genauso fürs Gespräch mit anderen: Wie oft setzen wir nach einem Ja oder Nein sofort was Eigenes drauf oder gehen über zum nächsten Thema? Viel spannender und persönlicher wird es, sobald wir interessiert nachfragen, warum das so ist. Meist braucht es nicht mal eine Frage. Es genügt ein aufmerksames Schweigen mit einem erwartungsvollen Blick, dass da jetzt gleich noch was kommt. Du wirst sehen: Dein Gegenüber redet weiter!

Als ich angefangen habe, mir die Frage konkreter zu stellen, mir etwas längere Antworten gab, wo ich einhaken konnte, stieg mein Erkenntnisgewinn, wie ich über Heimat tatsächlich denke. Unter anderem, wie ich die Begriffsdefinitionen überhaupt gewichte. Denn auch wenn ich einiges davon so sehe, ist nichts davon für mich ein Thema gewesen, das mich streng im Süden gehalten hätte.

Besonders überrascht bin ich darüber, das für mich „Heimat“ die bairische Sprache ist! Dazu muss man wissen, dass mein Mann ein Niederbayer ist. Wir amüsieren uns nonstop, was für eine lustige Sprache wir sprechen und seit wir uns kennen, haben wir unseren Dialekt, der durch Jahrzehnte in Job und Alltag verhochdeutscht wurde, reaktiviert.

Das war es! Das würde ich nicht wollen: An einen Ort zu ziehen, wo alle um mich herum anders reden.

Bis dahin wusste ich nicht, dass mir das überhaupt großartig wichtig war. Klar: Man redet mit der Familie oder verfällt in den Dialekt, wenn jemand ihn spricht. Doch selbst in einer Großstadt wie München musst du einen echten Bayern manchmal mit der Lupe suchen. Es ist also jetzt nicht so, dass ich dort ständig davon umgeben war. Und doch hat die Sprache eine so große emotionale Bedeutung für mich - erstaunlich!

Frag dich doch mal! Die wenigstens von uns haben einen Umzug in eine völlig andere Gegend vor sich, gerade darum ist so eine Frage besonders gut, etwas über sich zu erfahren. Denn wir stellen sie uns sonst nicht.

Definier mal zunächst: Was ist Heimat (alles) für dich? Führ es ruhig näher aus, vielleicht möchtest du verschiedene Heimatbegriffe kategorisieren, die eher formaleren und die, die dir emotional so richtig viel bedeuten. Schreibs dir auf! Nur im Kopf kann man sich das nicht alles merken, da gehen wichtige Dinge verloren.

Dann: Was genau ist es, was dich dort bindet/dir wahnsinnig wichtig ist/du nicht missen möchtest … oder sogar nicht missen könntest? Um dann erneut an die Substanz zu gehen mit einem „weil“. Und gegebenenfalls da wieder einhaken mit einem "warum".

Wie gesagt: Heimat ist hier nur gerade Thema. Das Prinzip mit den Fragen, dem Für-dich-definieren, dem Reinzoomen in die Substanz mit deinen völlig subjektiven Begründungen ist das, wo du am meisten über dich erfährst.

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