Placebo

Alles, was wir einnehmen und von dem wir eine bestimmte arzneiliche Wirkung erwarten, hat einen Placeboeffekt.

Schön lässt sich das z.B. an der Einnahme von Baldriantabletten beobachten: Baldrian wird eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen eingenommen und unterstützt sowohl das Einschlafen als auch das Durchschlafen.

Was viele aber nicht wissen: Die Tabletten müssen jeden Tag eingenommen werden, denn die Wirkung tritt erst nach ca. zwei Wochen ein. In der Apotheke höre ich immer wieder, dass die Patienten die Tabletten aber nur hin und wieder einnehmen, und zwar dann, wenn sie das Gefühl haben, nicht schlafen zu können. Und siehe da, nach der Einnahme der Tabletten fällt das Einschlafen leichter.

Aber wie können sie dann wirken? Die Antwort liefert der Placeboeffekt.

Im Wissen, etwas gegen unsere Schlaflosigkeit getan zu haben, beruhigen wir uns, wir sind bereit für den Schlaf — und siehe da: er tritt tatsächlich ein.

Die Wirkung schreiben wir dann natürlich dem Baldrian zu, wir haben ja schließlich gerade eine Tablette eingenommen, damit wir besser schlafen können. Aber es war noch nicht der Baldrian, es war der Placeboeffekt.

Aber woher weiß ich, dass die Tablette verantwortlich war und nicht der Placeboeffekt?

Wenn ich bei Kopfschmerzen eine Tablette nehme, erwarte ich, dass der Schmerz dadurch nachlässt. Aber Kopfschmerzen vergehen meist auch, wenn ich eben keine Tablette einnehme. Die Frage ist nur: wann?

Nehmen wir mal an, jemand gibt mir eine Tablette und behauptet, es wäre eine Kopfschmerztablette. Ich nehme sie ein, in der Annahme, dass dadurch meine Kopfschmerzen endlich verschwinden werden.

Was aber, wenn die Tablette gar keine Kopfschmerztablette war?

Auch dann wären die Kopfschmerzen irgendwann verschwunden, weil Kopfschmerzen selbstlimitierend sind oder weil die Erwartung an die Tablette zu einer Linderung geführt hat.

Selbstverständlich ist man dann felsenfest davon überzeugt, dass es sich dabei um eine Schmerztablette gehandelt hat.

Das Problem ist aber, dass man im Nachhinein niemals weiß, was gewesen wäre, hätte man sich für die andere Option entschieden.

"Diese Tablette wirkt bei mir sehr gut!"
"Da war aber gar kein Wirkstoff drin!"

Andere Beispiele

Ich wache auf, bin müde und nehme eine Tablette gegen meine Müdigkeit. Nach einer Weile bin ich nicht mehr müde. Wäre ich ohne Einnahme der Tablette weiterhin müde gewesen? Man wird es niemals herausfinden können.

Manche Menschen sind davon überzeugt, dass sie sich nur deshalb seit ein paar Jahren keine Erkältung mehr eingefangen haben, weil sie bestimmte Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, die angeblich ihr Immunsystem stärken. Aber woher wissen wir, ob sie sich ohne Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel erkältet hätten? Liegt hier eine Kausalität vor?

Um herauszufinden, ob ein Arzneimittel besser wirkt als ein Placebo, werden Studien gemacht, sogenannte Doppelblindstudien. Hierbei wissen weder die Versuchsleiter noch die Studienteilnehmer darüber Bescheid, zu welcher Gruppe die Teilnehmer gehören. Die eine Gruppe erhält das Placebo, die andere das Arzneimittel mit dem aktiven Wirkstoff. Bei beiden Gruppen tritt der Placeboeffekt auf. Bei der Gruppe jedoch, die das richtige Arzneimittel bekommen hat, erwartet man eine den Placeboeffekt übertreffende Wirkung.

Wird beispielsweise ein Blutdrucksenker gegen ein Placebo getestet, muss das Arzneimittel den Blutdruck stärker senken als es das Placebo es tun würde. Schafft es das nicht, hat das Arzneimittel folglich keinen Nutzen.

Natürlich kann es aber auch vorkommen, dass wenn man zwei Placebos gegeneinander testet, das eine Placebo besser wirkt als das andere. Das nennt man Zufall. Die Homöopathen hingegen nennen es einen Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie.

Es gibt jedoch nicht nur den Placeboeffekt, sondern auch den sogenannten Nocebo-Effekt

Wenn man ein neues Medikament gegen eine Erkrankung einnehmen muss und im Beipackzettel steht als Nebenwirkung Magen-Darm-Beschwerden vermerkt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ebenjene Beschwerden tatsächlich auftreten, größer, als wenn man nichts davon gewusst hätte. Das nennt man den Nocebo-Effekt.

Ein weiteres Beispiel:

Viele Menschen sind lactoseintolerant. Das heißt, ihr Darm bildet nicht genügend Lactase.

Lactase ist ein Enzym, das durch Nahrung zugeführte Lactose, ein Disaccharid, in die beiden Monosaccharide D-Galaktose und D-Glukose aufspaltet. Kleine Mengen Lactose können gespalten werden, größere hingegen nicht. Wird also eine größere Menge nicht in ihre Einfachzucker gespalten, bevor sie in den Dickdarm gelangt, wird sie dort von Darmbakterien aufgenommen und es entstehen die Gase Kohlendioxid, Methan und Wasserstoff, die zu unangenehmen Blähungen führen. Zwei der Gase sind brennbar. Don't try this at home.

Da die Lactose außerdem Wasser in den Darm zieht, kommt es auch zu Durchfällen, die ebenfalls unangenehm sind.

Da viele Tabletten als Trägersubstanz Lactose enthalten, wollen lactoseintolerante Patienten in den meisten Fällen unbedingt lactosefreie Tabletten haben, da sie selbst bei kleinen Mengen Lactose schon einen verrücktspielenden Darm erwarten.

Weil sie es von ihrem Darm erwarten, erfüllt er ihnen ihren Wunsch dann auch meistens. Lag der Durchfall also an der zugeführten Lactose, die in dieser winzig kleinen Tablette steckte oder an der Angst vor den unangenehmen Auswirkungen der Lactose?

Homöopathie

Was beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, soll ebendiese Symptome beim Kranken heilen, beschloss der deutsche Arzt Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts. Dazu müsse die Substanz allerdings verdünnt werden, denn viele Substanzen sind giftig oder schlichtweg ekelhaft. Beispiel ist hier immer gerne das Excrementum caninum (Hundekot).

In der Homöopathie geht man davon aus, dass je weniger “Wirkstoff” vorhanden sei (umso höher also die Potenz), desto wirksamer sei das homöopathische Mittelchen. Die Absurdität leuchtet jedem Menschen mit ein bisschen Sinn für Naturwissenschaften sofort ein. Aus diesem Grund wird das Verdünnen gerne verschleiert, indem die Verdünnung schließlich noch sinnlos geschüttelt und der Vorgang lieber Potenzieren genannt wird.

Denn. Dadurch. Wird. Dann. Energie. In. Die. Verdünnung. Geschüttelt.

Logisch? Nein!

Das, was in der Homöopathie als Wirkstoff bezeichnet wird, ist natürlich auch kein Wirkstoff im klassischen Sinne. Man versucht, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen.

Eine Substanz, die beim Gesunden in unverdünnter Form eine Reaktion des Körpers hervorruft, soll in verdünnter Form ebenjene Reaktion beim Kranken heilen können.

Nur, um Wirkstoff genannt zu werden, muss der Stoff auch wirken. So einfach ist das.

Verschiedene Potenzen

In der Homöopathie unterscheidet man verschiedene Potenzen: Je höher eine Substanz potenziert wurde, desto stärker ist sie. Das klingt nicht einleuchtend, weil es nicht einleuchtend ist.

Die Urtinktur ist ein meistens ein pflanzlicher Auszug, dessen Inhaltsstoffe durch ein Ethanol-Wasser-Gemisch aus der Pflanze gelöst wurden. Sie enthält also “einen Wirkstoff”, der eine arzneiliche Wirkung hervorrufen könnte. Aus der Urtinktur werden dann die verschiedenen Potenzen hergestellt:

D-Potenzen: Verdünnung 1:10

C-Potenzen: 1:100

Q- und LM-Potenzen: 1:50000

D6 bedeutet folglich, dass die Urtinktur sechs mal 1:10 verdünnt wurde und man schließlich eine 1:1.000.000-Verdünnung erhält.

Das nutzlose Schütteln mal beiseite gelassen, macht es keinen Unterschied, ob man das ganze sechs mal 1:10 verdünnt, oder ob man einen Liter aus der Urtinktur entnimmt und 999.999 Liter Lösemittel darauf kippt - die Verdünnung ist dieselbe.

Ich wiederhole:

1 Teil Ursubstanz + 999.999 Teile Lösemittel ergeben eine D6-Potenz.

Wenn wir als weiteres Beispiel eine C12-Potenz wählen, wird hier ein Teil der Urtinktur 12 mal 1:100 verdünnt.

Oder zur Veranschaulichung:

1 Teil Ursubstanz + 999.999.999.999.999.999.999.999 Teile Lösemittel.

1 Liter Ursubstanz verdünnt mit 999.999.999.999.999.999.999.999 Liter Lösemittel.

Die erstellte Lösung wird anschließend auf die Globuli gesprüht, so dass man folglich auch keine gleichmäßige Verteilung des fraglich noch vorhandenen “Wirkstoffes” auf den Zuckerkügelchen hat.

Dass die C12-Potenz stärker wirkt, weil weniger vom Ausgangsstoff drin ist, leuchtet doch sofort ein, oder? Ja, wenn man nicht sehr bewandert auf dem Gebiet der Naturwissenschaften ist.

Ab Potenz C12 und ab Potenz D24 ist statistisch kein einziges Molekül des “Wirkstoffs” mehr in der Verdünnung zu finden. Das heißt, alle weiteren Verdünnungen sind gleichzusetzen mit der vorherigen.

Und nicht nur das: Man kann Hochpotenzen auch beliebig miteinander austauschen, der Placeboeffekt bleibt der gleiche.

Warum glauben die Anwender so vehement an eine angebliche Wirkung der Homöopathie?

Weil der Erfinder der Homöopathie Samuel Hahnemann es sich so ausgedacht hat, weil sie es glauben wollen und weil sie den Placeboeffekt für die Wirkung der Homöopathie halten.

Fazit:

Es gibt bis heute keine Beweise für die Behauptung der Homöopathie-Verfechter, dass die gewählte potenzierte Substanz die Symptome heilen kann.

Genausowenig gibt es Beweise dafür, dass eine Verdünnung/Potenzierung die Wirkung verstärkt.

Im Gegenteil, die Homöopathie wurde immer und immer wieder wissenschaftlich überprüft und immer und immer wieder kam man zum gleichen Ergebnis:

Die Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Folglich ist die Homöopathie nichts anderes als der angewandte, monetarisierte Placeboeffekt. Ob das die Anhänger der Homöopathie wahrhaben wollen oder nicht.

Und niemals vergessen:

Die Homöopathie wirkt nicht natürlich, sie wirkt natürlich nicht.


Aktuelles:

Im April 2021 erscheint mein Buch "Die Wahrheit über unsere Medikamente - Wann sie helfen, wann sie schaden, wann sie Geldverschwendung sind"


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Danke für stilistische und orthographische Korrekturvorschläge der ersten Version an Dr. Ulrike Koock alias Schwesterfraudoktor.

www.Schwesterfraudoktor.de


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