Das hat mein Vater sein ganzes Leben lang gesagt. Er hat es geschafft.

Wir haben häufig über den Tod gesprochen, schon als er noch lange nicht am Horizont war.

Ich finde es gut, wenn man miteinander über das Sterben reden kann. Zum einen, weil gewisse Dinge einfach geregelt werden müssen. Zum anderen finde ich es wichtig, dass die Angehörigen wissen, wie man zu den Dingen steht. So ist es einfacher, Entscheidungen zu treffen, und man ist sich sicher, diese Entscheidungen im Sinne des Verstorbenen zu treffen.

Einmal sagte mein Vater: „Ich fände es gut, wenn der Tod klingeln würde und sagen ‚In vierzehn Tagen komm ich!‘, dann könnte man sich drauf einstellen, noch einige Dinge regeln und wäre bereit.“

Auch sonst war mein Vater recht pragmatisch.

Fünf Dinge, die er – wie ich meine – goldrichtig im Leben gemacht hat:

1. Anpassungsfähig sein

Sich anzupassen, das klingt für manche möglicherweise unattraktiv, und doch ist es die höchste Form der Flexibilität, gerade wenn man mit ungünstigen Umständen konfrontiert ist.

Mir gefällt das Wort „Anpassungsfähigkeit“ besonders gut, denn es geht ja nicht nur darum, sich anpassen zu können, sondern darum,

  • willig zu sein und sich nicht gegen die Realität zu sträuben
  • und sich dabei fest im Blick zu behalten.

Es gibt im Leben immer wieder Situationen oder längere Phasen, in denen man eingeschränkt ist oder unter widrigen Bedingungen irgendwie durchkommen muss. Da hilft eine „Es ist, wie es ist“-Haltung enorm.

Wohlgemerkt meint das nicht, passiv die Dinge hinzunehmen oder gar zu resignieren. Es geht darum, sich mitbewegen zu können. Wie ein Wellenreiter mit der Welle mitzugehen – auch dann, wenn das Leben einem eine Scheißwelle serviert. Obenauf zu bleiben (oder wieder hochzuklettern) und zu navigieren. Das, was man eigentlich will, für eine gewisse Zeit vielleicht mal herunterzuschrauben, um nicht gegen die Realität anzukämpfen. Wer sich anpassen kann und gleichzeitig die Welle reitet, achtet auf sich, erkennt das an, was derzeit ist, und kommt letztlich besser durch.

2. Sich die Welt stetig größer machen

Mein Vater hatte kein bestimmtes Hobby, er hat sein ganzes Leben lang ausprobiert und ist phasenweise tiefer eingetaucht. Mir fällt gar nicht mehr alles ein, was er alles gemacht hat.

Basteln und reparieren war sein Metier. Früher, auf dem Land, stellte man seinen Sperrmüll vor die Türe. Dann zog man um die Häuser und schaute, was noch brauchbar war. Ich weiß nicht, wie viele Räder er so für die Kinder und Enkel gerettet und aufgemotzt hat.

Er war ein sehr guter Zitherspieler, was gar nicht so leicht war, weil mein Vater durch einen Arbeitsunfall ein Stück vom Daumen verloren hatte.

Mit vierzig oder so hatte er eine Häkelphase. Am Panoramafenster im Wohnzimmer hatten sie Hunderte von Kakteen stehen. Mein Vater hat einigen davon bunte Blüten gehäkelt, um die Spaziergänger zu foppen.

Einige Zeit hatte er eine große Voliere im Wintergarten und hat sich mit Begeisterung um die Vögel gekümmert. Einmal schlüpften sogar Junge.

Auf irgendeiner Kur hat er das Korbflechten gelernt. Danach hat er mit Begeisterung geflochten, was das Zeug hielt: zweifarbige Körbe, Wanduhren, Tabletts. Mörderstabil und gleichmäßig.

In späteren Jahren hat er autodidaktisch gelernt zu malen, von Miniaturlandschaften auf kleinen Papprollen bis hin zu perspektivischem Malen.

Das ist nur ein kleiner Auszug. Diese Neugier und dieses Sich-einige-Zeit-in-etwas-vertiefen finde ich ganz wunderbar!

Die Devise, etwas auszuprobieren, und zwar über die reine Anfangsphase hinaus, ist großartig. So erwerben wir Know-how, neue Fähigkeiten und wir können für uns feststellen, ob uns etwas richtig Spaß macht.

Genauso wichtig war es, damit aufzuhören, wenn es nicht mehr so Freude machte oder wenn etwas Neues zum Ausprobieren anstand.

Sich-die-Welt-größer-zu-machen wurde ein besonders wichtiger Zug, als die Krankheiten und altersbezogene Einschränkungen mehr wurden. Mein Vater hat stets geschaut „Was geht noch?“, „Wie kann ich was anders machen?“, „Wie könnte ich kompensieren, was nicht mehr oder nicht mehr so gut geht?“. Klar war er mitunter frustriert, besonders weil die Einschränkungen in den letzten Jahren ernster – und bleibender – waren. Doch er ist nie komplett im Frust steckengeblieben, sondern hat sich in dem Maß, das möglich war, Stück für Stück seine Freiheiten und Selbstständigkeit zurückgeholt.

Das war mit Ausdauer und Training verbunden. Einmal war er nach einem langen Aufenthalt auf der Intensivstation so geschwächt, dass er auf Normalstation etwas wacklig auf den Beinen war. Er wollte eine Münze für den Kaffeeautomaten aufheben und setzte sich dabei unfreiwillig auf den Hintern. Zu seiner Überraschung kam er nicht mehr hoch. Er musste sitzenbleiben, bis jemand ins Zimmer kam und ihm aufhalf. Als er endlich wieder zuhause war, trainierte er das Aufstehen vom Boden. Bis er es wieder selbst konnte.

3. Vorausschauend handeln

In seinen Siebzigern beschloss mein Vater: „Mit 80 gebe ich freiwillig meinen Führerschein ab.“ Er war ein umsichtiger, guter Autofahrer. Er ist viel gefahren. Da mit zunehmendem Alter das Wahrnehmen und die Reflexe schlechter werden, war für ihn klar: Ich mache das nicht, da werde ich zur Gefahr für mich und andere. Mit 80 hat er sein Auto verkauft.

Vorausschauend war er auch, als jemand ein Dreirad für Erwachsene loswerden wollte. Er hat es auf Vordermann gebracht und angefangen, damit zu üben. „So ein Dreirad fährt sich völlig anders, besonders in den Kurven. Ich lerne es lieber jetzt. Wenn ich es mal brauche, kann ich es.“

Irgendwann hat er sich ein Handy besorgen lassen. Das erwies sich später als unverzichtbar für die diversen Krankenhausaufenthalte. 100 % kam er nicht damit zurecht, aber die Basics rund ums Laden und Telefonieren haben geklappt.

Ach, und vor einigen Jahren hat er uns viele alte Briefe gegeben, manche haben wir ihm als Kinder geschickt. Vieles waren Briefe von ihm als junger Mann, bevor er Familie hatte. Ich habe sie noch nicht gelesen.

Man muss sicherlich nicht alles planen, doch eine gewisse Vorausschau tut gut. Nicht nur fürs Leben. Das Reden über das Sterben und das Regeln aller Formalitäten und Vollmachten gehört dazu. Am besten schon viel früher. Ich habe meine Patientenverfügung seit ich Vierzig bin und meinem engsten Umfeld mehr als einmal gesagt, wie ich zu Organspende, etc. stehe.

4. „Jeden Morgen tanze ich Walzer.“

… das war etwas, das mich sehr überrascht hat. Ich wusste nicht, dass mein Vater ein begeisterter Tänzer war. Dass er jeden Morgen Walzer tanzt, hat er mir vor zwei Jahren erzählt. Seine Frau wollte nicht mittanzen, darum ist er alleine durch die Wohnung und gelegentlich um sie herumgewalzt. Danach war Frühgymnastik im dritten Programm dran.

Das alles ging nicht mehr so leichtfüßig wie früher, die Krankenhausaufenthalte haben da bereits ihren Tribut gefordert. Aber es ging eben doch immer noch was.

Wie großartig, die Musik und das Tanzen zu bewahren. Was für eine Leichtigkeit und Lebensfreude schwingt da mit!

5. Sich das Lachen bewahren

Mein Vater hatte immer den Schalk im Nacken. Schon als junger Mann war kein Aufwand zu viel für einen guten Gag. Ich kann von Glück sagen, dass ich den Sinn für Humor gleich von beiden Elternteilen mitbekommen habe. Wir können über uns lachen und wir können in jeder noch so doofen Situation ein Witzchen machen – und wertschätzen.

Als ich ihn kürzlich im Krankenhaus anrief, war er auf der Intensivstation und wieder einmal dem Tod von der Schippe gesprungen:

- „Du bist schon ein zäher Hund!“
- „Mehr Hund als zäh.“

Zwei Wochen später, er war wieder zuhause, war es soweit. Zwar ohne Ankündigung, dafür ging es schnell. Dafür bin ich dankbar. Ich wünsche ihm einen bayrischen Himmel wie im „Brandner Kaspar“ – inklusive Wirtshaus mit Kegelbahn.

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