Herr Holbein schloss seine Buchhandlung auf, wie jeden Morgen. Er betätigte den Bakelitschalter rechts neben der Tür und unzählige Wandlämpchen flammten auf. Er mochte das indirekte Licht, so dass man sich beim Lesen nicht geblendet fühlte. Seine Bücher hatten es verdient, dass sie in feierlichem Licht zur Geltung kamen. Er atmete tief ein. Wie sehr mochte er den Geruch der Bücher! Sie dufteten nach Wissen und Zur-Ruhe-kommen, nach Staub und vergessenen Geschichten. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er ganz nah an eines der Bücher trat und daran schnupperte. Bevor er es aufschlug, strich er mit seinen Fingern über den Buchrücken, als wolle er das Buch beruhigen. Es sollte bereit sein, seine Geschichte preiszugeben. Er brauchte diesen sinnlichen Bezug zu seinen Lieblingen. Sie waren seine Gefährten, ein Leben lang schon.

Seine menschliche Gefährtin, seine Frau, war vor über 5 Jahren dem Krebs erlegen. Er war mit ihr durch diese schlimme Zeit gegangen, bis zum Ende. Nun war er allein. Mit seinen Büchern war er aber nicht einsam. Seit dem Tod seiner Frau hatte er tapfer, jeden Morgen, seine Buchhandlung aufgeschlossen. Seine Kinder bestanden darauf, dass er die Buchhandlung für immer schloss, und sahen sich verschwörerisch an, als er lautstark protestierte. Mehr als einmal hatten sie diese unsägliche Diskussion geführt. Doch er wollte nichts davon hören und wehrte sich. Sie konnten ihm doch nicht seine Bücher, seine Welt wegnehmen!

Irgendwann kamen keine Kunden mehr. Sie bleiben nach und nach aus. Selbst Nachbarinnen, die ihm lange treu geblieben waren, kamen nach einer Weile nicht mehr. Anfangs stellten sie ihm ab und zu einen Kuchen vor die Tür oder eine Weinflasche, indessen holte sie das Leben ein und sie beschäftigten sich mit anderen Dingen. Doch dann kam Anna.

Anna war ein kleines, schüchternes Mädchen. Sie war wohl um die 8 Jahre alt und stand eines Tages in der Buchhandlung, als hätte sie sich verlaufen.

Doch sie hatte sich nicht verlaufen. Sie war genau da, wo sie sein wollte.

„Guten Tag, ich bin Anna. Liest du mir etwas vor?“ Herr Holbein musste über diese kleine, vorwitzige Person schmunzeln. Das hatte er noch nie erlebt!

„Na, gut. Du weißt aber schon, dass du in einer Buchhandlung bist?“ Anna nickte, tastete sich im schummrigen Licht ungelenk vor. Es schien, als hätte sie eine Gehbehinderung, dachte Herr Holbein. Das Mädchen setzte sich umständlich in den Ohrensessel, der in der Nähe des Eingangs stand: „Oh, ist das gemütlich! Liest du jetzt etwas vor? Ich mag alles!“  Herr Holbein fühlte sich überrumpelt. Was hatte er zu verlieren, wenn er dem Mädchen diese Freude tat? „In Ordnung. Aber du bist ganz still, ja? Und am Ende sagst du mir, wie es dir gefallen hat!“ Anna nickte abermals.

Er zog ein Buch aus dem Regal und setzte sich auf einen alten Stuhl mit Schnitzereien, sein Lesesessel war ja belegt. Anna zog die Beinchen an und kuschelte sich in den Sessel. Dann begann er ihr vorzulesen. „Tom“ – Keine Antwort. „Tom!“ – Tiefes Schweigen. „Was ist denn schon wieder los mit dem Jungen? To-om!“

Anna sah ihn nicht an, aber sie lauschte seiner sonoren Stimme aufmerksam und das gefiel ihm. Sie gluckste an den richtigen Stellen und bog ihren Körper nach vorne, wenn die Spannung nicht mehr auszuhalten war. Er machte dann eine extra lange Pause, um ihre Neugierde noch mehr anzustacheln. Anschließend entspannte sie sich und schloss die Augen. Manchmal dachte er, sie sei eingeschlafen. Doch im nächsten Moment lachte sie wieder hell auf und er wusste, dass sie es einfach nur genoss. So wie er auch.

Und so begann alles.

Anna kam von da an jeden Samstagnachmittag zu ihm in die Buchhandlung. Er freute sich schon die ganze Woche darauf. War ein Buch zu Ende, ging er durch die Regale und überlegte, welches Buch ihr noch gefallen könnte. Er strich über sie und erwartete beinahe, dass sie riefen: „Nimm mich!“

Nachdem er sich entschieden hatte, legte er drei Auserwählte auf seinen Schreibtisch. Sie mussten alle zusammen warten, bis Anna wiederkam. Dann ließ er sie aussuchen, welches sie hören wollte. „Anna, welches Buch soll ich heute vorlesen?“, fragte er sie. Sie ließ sich dann sogar die Titel vorlesen und entschied schnell. Er hatte den Eindruck, dass sie keine Sekunde ihrer wertvollen Lesezeit verschwenden wollte.

Sie blieb die ganzen Wochen und Monate über so still wie sie von Anfang an gewesen war und wich meistens seinem Blick aus. Anna öffnete immer nur vorsichtig die Ladentür, lauschte der kleinen Glocke, die dann immer zu bimmeln begann, und setzte sich schnell in den nahen Sessel. Sie erzählte nie etwas von sich, von ihren Eltern, ob sie Geschwister hatte oder wo sie wohnte. Und er fragte nicht. Er wollte den Zauber der Situation erhalten und nicht durch Realitäten verderben. Anna erschien im wie eine kleine Fee, die in sein Leben getreten war, um ihm wieder einen Sinn zu geben. Sie reisten quer durch die Kinderliteratur, und bei manchen Büchern kam es Herr Holbein so vor, als hätte man ihn in seine eigene Kindheit zurückversetzt. Er genoss noch einmal die Geschichten, die er als Kind gelesen hatte. Aber am meisten gefiel ihm, dass er dieses kleine Mädchen so glücklich machte. Er vergaß darüber seine eigene Einsamkeit, die er all die Jahre beiseitegeschoben hatte. Und durch seine neue Gefährtin war er nicht mal mehr allein.

Anna ging immer exakt nach zwei Stunden. Sie trat unsicher vor die Tür, um in einer Woche wiederzukommen. Sie nahm ihren Langstock, der draußen auf dem Gehweg an der Wand lehnte, in die rechte Hand und begab sie sich auf den schwierigen Weg nach Hause. Das Schild „Buchhandlung geschlossen“ konnte sie nicht lesen und er hatte es nie beachtet.