Ich bin Christin. Katholisch getauft. Ich habe meine 1. Heilige Kommunion erhalten, bin gefirmt worden und denke, dass ich eine gute Christin bin. Meine Kinder sind ebenfalls getauft und haben auf ihren eigenen Wunsch hin ihre 1. Heilige Kommunion erhalten.

Für mich persönlich bedeutet Christ sein in erster Linie, Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst bedeutet für mich jeden so zu akzeptieren wie er/sie/es ist. Dabei spielt es für mich keine Rolle ob jemand heterosexuell oder queer oder PoC ist, welchen Glauben er hat oder ob jemand behindert ist. Auch nicht ob jemand vegan, vegetarisch lebt  oder Fleisch isst.  Für mich steht der individuelle Mensch im Vordergrund.

DIE HAT GESAGT, WIR SIND IHR EGAL!!!!!

Ja ich weiß, irgendwer wird mich jetzt steinigen, weil ich sagte es spielt für mich keine Rolle. Was ich damit meine für mich kommt es auf die inneren Werte an. Ich akzeptiere jeden so wie er ist, seine Bedürfnisse und Lebensweise. Ich versuche auch nicht jemanden zu missionieren. Ich respektiere andere Lebensmodelle.

Was ich aber möchte, dass sich andere mir gegenüber auch so verhalten. Das andere auch akzeptieren, wenn ich meine Version Christin bin und lebe. Ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil es ein Schaulauf ist.

Das habe ich schon als Kind mit 9 Jahren festgestellt. Es war den Leuten nicht wichtig was da vorne gepredigt wurde, sondern man ging hin um sich zu zeigen, die neueste Garderobe zu präsentieren und geschäftliche wie auch gesellschaftliche Kontakte zu pflegen. Wer nicht ständig in die Kirche rannte, der war auch kein Teil der Gemeinschaft. Das ist für mich nicht christlich.

Meine letzte Beichte liegt am 17.04.22 genau vierzig Jahre zurück. Es war meine erste und bis heute meine letzte Beichte. Ich finde das Modell der Beichte übrigens überholt. Denn niemand, auch kein Pastor kann entscheiden ob ich eine Sünde begangen habe oder nicht. Das kann nur ich und evtl. noch Gott. Oder das Gesetz. Und selbst das ist Auslegungssache, es gibt Ermessensspielräume und es gibt Bewährung.


Glaube als Anker in schwierigen Zeiten

Mein Glaube hat mir in schweren Zeiten geholfen nicht zu verzweifeln. Gebete sehe ich als Meditation an. Sie helfen mir zur Ruhe zu kommen und in Zwiegesprächen evtl. eine Antwort zu finden. Ich bete nicht jeden Tag. Ich bete wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Gebete helfen mir mich auf ein bestimmtes Problem zu konzentrieren. Das kann ich zwar auch auf andere Weise aber ich habe nicht ständig einen Bastelkoffer bei mir. Beten kann ich überall und zu jeder Zeit.

Ich habe während meiner Grundschulzeit, in Vorbereitung auf die Kommunion das alte und neue Testament gelesen. Ach was verschlungen. Ich habe darin Antworten gefunden, die mir meine Eltern nicht geben konnten oder wollten. Ich habe Trost In den Worten gefunden, wo meine Eltern kein Verständnis oder Trost für mich hatten. Und ich habe dort später Zuflucht gefunden, wenn ich von Mitschülern gemobbt wurde.

Durch die Vorbereitung auf meine 1. heilige Kommunion habe ich eine Art Gerüst um mich bauen können, das mir geholfen hat zu wachsen und nicht zu verzweifeln. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Sind die Texte alt? Ja, denn sie entstanden zu einer Zeit, in der die Kultur und das Leben völlig anders waren als heute. Jedoch habe ich die Texte für mich mit den Situationen verglichen die mich belasteten oder die mich auf irgendeine Art und Weise beschäftigten.

Ich kenne keinen Text davon auswendig. Das ein oder andere Gleichnis ist mir im Gedächtnis geblieben. Was mir aber dadurch gegeben wurde ist Verständnis für andere Lebensmodelle. Auch wenn die Kirche selbst ein großes Problem damit hat.

Verliebter Kaplan - Rauswurf

Ein Beispiel aus meiner Kindheit: Wir hatten einen tollen Kaplan, der sehr weltoffen und für damalige Zeiten sehr sehr modern war.

Er leitete unseren Religionsunterricht, er hatte immer ein offenes Ohr für unser Probleme. Und die waren sicherlich nicht immer Kirchenkonform. Aber er half dabei Lösungen oder Kompromisse zu finden, mit denen jeder leben konnte. So predigte er auch.

Eines Tages war er weg. von jetzt auf gleich und natürlich wollten wir wissen wo er abgeblieben ist, denn normalerweise wurde jemand ordentlich verabschiedet, wenn er seinen Dienstort wechselte. Warum er weg war? Weil er sich verliebt hat und eine Frau heiraten wollte. Das war natürlich ein absolutes NoGo in der katholischen Kirche. Damals wie auch heute. Und für mich war es einer der ausschlaggebenden Gründe mit dem alten Bild der Kirche nicht mehr einverstanden zu sein, zu hinterfragen und auch zu rebellieren. Für mich, nicht für andere. Aber der nun ehemalige Kaplan hatte für mich eine Vorbildfunktion. Hat er mir doch dadurch gezeigt, dass es ok ist für sein eigenes Leben einzustehen und seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Und das man sich nicht verstecken muss.


Moderne Zeiten - Nicht meine Kirche

Heute kommen noch weitere Lebensmodelle dazu.Auch hier ist die katholische Kirche nicht damit einverstanden. Es werden Steine in den Weg gelegt, es wird ausgegrenzt und es werden Lebenswege abgeschnitten und vor allem eine freie Entfaltung verhindert. Es werden Jobs gekündigt oder nahegelegt zu kündigen und wenn dies nicht der Fall ist, werden andere Mittel eingesetzt. Andere werden erst gar nicht eingestellt, weil sie nicht dem Bild der Katholischen Kirche entsprechen. Dazu gehören nicht nur QueerPersonen sondern auch Geschiedene.

Das ist nicht meine Kirche. Muss eine Kirche unbedingt etwas mit dem Glauben oder der Lebensart zu tun haben? Nein, muss es nicht. Bin ich darum eine Heuchlerin? Nein. Ich bin jemand der für sich durch den Glauben einen Weg gefunden hat mit der Welt klar zu kommen, wo andere mir keinen Halt geben konnten. Die 10 Gebote sind wie Regeln. Ohne Regeln kommt niemand durchs Leben. Bin ich dadurch ein schlechter Mensch? Nein, weil ich jeden so akzeptiere wie er/sie/es ist.


Richtwerte - Gesetze - Gebote

Für mich z.B. sind die 10 Gebote Werte, die sich auch in anderen Bereichen wiederfinden. Nehmen wir das Grundgesetz. Auch diese basieren auf den Werten von gegenseitigem Respekt. Nur eben ausführlicher und in den gut 70 Jahren ständig erweitert und angepasst. Die Entwicklung geht langsam voran. Ja, es braucht immer viel Zeit, bis etwas im Grundgesetz verankert wird. Und währenddessen entwickelt sich die Gesellschaft weiter und neue Anpassungen sind nötig.

Dazwischen gibt es die Möglichkeiten für das eigene Recht vor einem Gericht zu kämpfen. Manchmal sind die Urteile wegweisend für neue Wege. Manchmal scheinen sie einzuschränken, zu behindern und auch zu diskriminieren.

Besonders in sozialen Bereichen ist die Rechtsprechung nicht immer zufriedenstellend. Und auch die Gesetzgebung ist mehr als Fragwürdig und manches mal sogar Verfassungswidrig.

Die einen gehen nur vorbei, werfen einen Blick auf die, die da am Boden liegen,und leben ihr eigenes Leben, das so viel reicher zu sein scheint, als das von Hilfebedürftigen. Hauptsache sich die Finger nicht schmutzig machen, nirgendwo anecken und bloß nichts gegen die Opposition unternehmen.

Dann kommen Andere und kämpfen für jene, die keine Stimme haben. Sie kämpfen für Gleichberechtigung, Erhöhung der Regelsätze, für Mehrbedarf oder in Einzelfällen noch für ganz andere Dinge, die ein Menschenwürdiges Dasein ermöglichen. Dazu zählt auch der Kampf und die Akzeptanz zur Anerkennung anderer Lebensmodelle, als das der veralteten Denkweise.

Sie opfern sich auf und helfen wo sie nur können. Sei es mit Geld, Lebensmitteln, Kleidung oder Schulbüchern, Zeit im Ehrenamt  und manchmal auch mit dem Auto um anderen zu helfen, deren Leben etwas zu erleichtern oder zu retten. Jeder von ihnen macht irgendwann etwas, das anderen hilft. Ob nun bewusst oder auch unbewusst.

Übrigens, das ist die moderne Fassung von “Der barmherzige Samariter” falls euch das Gleichnis etwas sagt. Und das hat rein gar nichts mit Christentum zu tun. Es hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. Wenn man das Christentum von der Institution Kirche trennt und die alten Texte in die Moderne transferiert, wird man feststellen, dass es die Werte sind, die die Menschlichkeit ausmachen. Nicht mehr und nicht weniger.


Ich bin nicht Bibelfest - Na und?

Kürzlich zitierte jemand aus dem 3. Buch Mose Kapitel 20, Vers 13 „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so ist das ein Greuel und beide sollten des Todes sterben.“

Ob das nun wirklich so von Moses verbreitet wurde, oder ob in der Zeit von Kaiser Konstantin diese Aussagen als Kompromiss für eine einheitliche Kirche getroffen wurde, keiner von uns kann das bezeugen, denn es war niemand dabei.

Fakt ist jedoch, dass es im Jahr 325 n. Chr. das Erste Konzil von Nicäa stattfand. Also vor 1.697 Jahren und dort viele Kompromisse geschlossen wurden, damit es zu einer einheitlichen Kirche werden konnte.

Aber wie es immer ist, wurde auch mit dem obigen Zitat andere Passagen verschwiegen. Ich musste zwar etwas suchen, aber ich erinnerte mich daran, dass es auch andere Sprüche gab, die doch mehr Verständnis offenbaren, als es heute von der katholischen Kirche praktiziert wird.

Die Bibel kennt allerdings starke Zuneigung zwischen Menschen gleichen Geschlechts. So sagt Rut zu ihrer Schwiegermutter Noomi: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ (Rut 1, 16) Erstaunlicherweise sind diese Worte von Frau zu Frau als Trauspruch heute für Braut und Bräutigam beliebt.  Auch David zeigt starke Gefühle, er weint über seinen verstorbenen Freund Jonatan: „Deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.“ Welche Art von Liebe damit gemeint ist, bleibt offen. Quelle:Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Man  muss die Bibel nicht auswendig kennen, man  muss nur wissen wo man suchen kann.

Nun hat sich in den letzten 1697 Jahren die Menschheit entwickelt. Und während sich die weltlichen Geschicke langsam in die Moderne entwickelten, blieb die Katholische Kirche weitestgehend auf dem alten Stand.

Eine erste Trennung dieser Kirche fand im 16. Jahrhundert statt. Auch damals war man nicht mit den Gebahren der Katholischen Kirche zufrieden. Ich glaub die bekanntesten Gründe waren der Ablasshandel, wo man sich durch den Kauf eines Ablasses von seinen Sünden befreien konnte. Aber auch andere Reformen trugen dazu bei die evangelische Kirche aufzubauen, der heute 83 Mio Christen angehören, weltweit.

Und vielleicht braucht es noch eine oder mehrere Reformen um die Katholische Kirche als Institution in die Moderne zu bringen.

Was aber nicht bedeutet, dass alle Christen diese altmodische Weltanschauung vertreten. Ich darf meinen Glauben so ausüben wie ich möchte, das garantiert mir das Grundgesetz. Auch so ein Wert. Und wenn ich sage ich bin Christin, die Menschen in ihrer Lebensweise so akzeptiert, wie sie sind, dann ist das meine Entscheidung und niemand hat mir meinen christlichen Glauben oder die Intensität oder Art mit der ich diesen ausübe abzusprechen.

In der Katholischen Kirche gab es viele Skandale, die dem Ansehen geschadet haben. Auch wenn ich Christin bin, bin ich damit nicht einverstanden. Weder mit Kindesmisshandlung, mit Kindesmissbrauch, Diskriminierung noch mit den vielen anderen Dingen auf der Liste und schon gar nicht mit dem Umgang damit. Ich kann meinen Glauben von der Institution Kirche trennen und meine eigene Meinung dazu haben und ich verachte was da geschehen ist zutiefst.

Darf ich keine Demokratin mehr sein?

Das ist wie mit der Politik. Ich kann eine eigene Meinung haben und muss nicht mit allem Einverstanden sein, was da oben verzapft wird. Bin ich auch nicht, denn es schränkt mein Leben und das von Millionen anderen ein und gefährdet sogar die Gesundheit. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir in einem demokratischen Land leben und jeder einzelne kann etwas tun um die Zustände zu verbessern. Darf ich mich jetzt nicht mehr Demokratin nennen, weil ich mit der Politik, vor allem der Sozialpolitik, nicht einverstanden bin?

Bin ich jetzt auch eine Heuchlerin?

Wir leben alle in einer Gemeinschaft. Um friedlich miteinander leben zu können gibt es Regeln, brauchen wir Regeln. Ob diese nun durch das Grundgesetz, die Straßenverkehrsordnung, das Strafgesetz, das bürgerliche Gesetzbuch, das Sozialgesetzbuch definiert werden spielt keine Rolle, denn sie sind alle auf Werten aufgebaut, die auch in verschiedenen Glaubensrichtungen gelten. Auch wenn das ein oder andere Gesetz oftmals frei interpretiert und manchmal auch zum Nachteil Betroffener ausgelegt wird.

Und die Regeln meines Glaubens helfen mir meine Menschlichkeit zu bewahren.