Jasmin Thoma:  Ohne Identität

Rezension Roman Jasmin Thoma „Ohne Identität“


Alina studiert Kultur-und Sozialanthroplogie in Wien. Die Bundeshauptstadt ist von ihrem Wohnort im Burgenland nicht gleich um‘s Eck und Neuland für die junge Studentin. Lange Bahnfahrten sind für die Besuche der Vorlesungen und Seminare notwendig. Abseits ihres Studiums hat sie einen Traum: Sie möchte professionelle Musikerin werden. Ein Freund aus der Musikszene attestiert ihr auch das vorhandene Talent und unterstützt sie bei Probeaufnahmen. Das Geld für den Dreh eines ersten Videos hat sie angespart.

Da nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Am Heimweg von der Uni wird sie von einer ihr Unbekannten angesprochen. Die von Alina sofort als Bettlerin Eingestufte stellt sich als „Maria“ vor und beginnt geschickt ein Netz um die Studentin zu spinnen. Sie erzählt ihr von Familien-und Wohnungsproblemen und der Notwendigkeit in ihre Heimat zurückreisen zu müssen. Und als ihr Alina beim nächsten Treffen einen gar nicht so kleinen Geldbetrag überlässt um eine der Bettlerin angedrohte Delogierung abwenden zu können, ist der erste Schritt in die Abhängigkeit der sehr konsequent vorgehenden Person getan. Bei weiteren Treffen überlässt die empathische Studentin der aufdringlichen Frau immer größere Geldbeträge, bis zu guter Letzt das ganze für den Start ihrer Musikkarriere angesparte Geld verbraucht ist.

Als intelligente Frau kann Alina selbst kaum nachvollziehen wie sie sich in solchem Maß hat manipulieren lassen können, und sie ist oft versucht die Reißleine zu ziehen und die Betrügerin – als solche entpuppt sich die psychologisch sehr gewandt agierende „Maria“ letztendlich – zurück zu weisen  und nicht mehr zu treffen. Aber die Studentin fühlt sich in zunehmendem Maße ohnmächtig und erwacht beinahe zu spät aus diesem Zustand erst zu einem Zeitpunkt, zu dem sie nicht nur finanziell sondern auch bereits gesundheitlich geschädigt worden ist.

Dass sie trotzdem mit nur einem blauen Auge davon kommt verdankt sie ihrer Familie und Freunden, die nachdem sie sich zuerst ihrer Oma geöffnet hat selber auf ähnliche Vorfälle in ihrem Leben verweisen können.

Und ihr sie bei ihren Musikprojekten unterstützender Freund hat auch in dieser misslichen Lage eine Lösung parat, um Alinas Traum doch noch realisieren zu können.

Die Autorin erzählt die Geschichte in einer klar strukturierten sachlichen Form, ohne dem Buch die Spannung zu nehmen. Jasmin Thoma, der der beschriebene Vorfall unter ihrem bürgerlichen Namen tatsächlich selbst passiert ist, besitzt den Mut, die Geschehnisse durch das Schreiben ihres ersten Romans aufzuarbeiten. Zugleich soll er Warnung sein, seine Empathie und vielleicht auch Leichtgläubigkeit hintan zu stellen und sehr genau darauf zu achten, wem man wirklich Hilfe angedeihen lassen will.


Chris Peterka