Zu meinem 50. Geburtstag habe ich mir ein Einrad gewünscht. Eher aus einer Laune heraus. Man muss wissen: Balance ist eher nicht so meins. Der Baum im Yoga. Die Standwaage. Alle statischen Übungen machen mich eher aggressiv. Ich mag lieber, wenn sich etwas rührt.

Meine Freundin schenkte mir das Einrad mit den Worten: „Ich habe recherchiert, das Einradfahren ist gerade in. Wenn du nach ein paar Wochen aufgibst, kriegst du es über Ebay schnell los!“

Ich gestehe, es schien mir lange unmöglich, dass man auf dem Ding fahren kann. Sogar, als ich es schon passabel konnte, kam es mir nicht machbar vor. Also besser gar nicht groß darüber nachdenken …

Mitte August 2019 habe ich angefangen. An einer Schulmauer. Das war super, denn es waren gerade Sommerferien und nichts los. Praktisch jeden Tag gab es kleine Fortschritte, nach vierzehn Tagen z. B.:

Nichts hat mich bisher stärker mit mir selbst in Verbindung gebracht als das Einrad:

… mit meiner Angst und meinem Mut

Ich will vorausschicken, dass ich keiner dieser Kamikazeleute bin, die einfach alles furchtlos ausprobieren – oder irgendwie superbewegungstalentiert sind. Schon in der Schule gabs die zwei, drei Leute, die ALLES sofort gemacht haben: Hochsprung! Barren! Salto! Und weil sie so zuversichtlich waren, waren sie meistens auf Anhieb erfolgreich. Zögern und Angst verhindern allzu oft, dass was geht - es entmutigt oder sorgt für unsicheres Verhalten, was erst recht sabotiert.

Prinzipiell hatte ich keine Angst, aufs Einrad zu steigen. Der logische Teil meines Hirns sagte „Wacklig ist das ja, aber es kann nix passieren!“ Der instinktive Teil sah das anders: Er witterte Gefahr und schlug zwischendurch Alarm.

Zum Beispiel muss man sich, damit das Einrad sich fortbewegt, ein bisschen vorlehnen, dann aber wieder aufrichten, damit der Rücken sozusagen in Verlängerung zum Einrad steht und sich alles stabil im Gleichgewicht halten lässt. Lehnt man sich zu weit vor, kippt die Chose nach vorne. Lehnt man sich etwas zu weit zurück, kippt man nach hinten weg.

Da das Hirn erst lernen muss, die Lage einzuschätzen, um dem Körper die richtige Motorik beizubringen, ist das anfangs ein ständiges Wechselspiel.

… mit meiner inneren und äußeren Ruhe

In den Momenten, wo die Unsicherheit groß oder die innere Angst angesprungen ist, spürte ich innerlich großen Aufruhr. Die Atmung wird hektischer und bleibt weiter oben, die Bewegungen werden unkontrollierter. Ein Graus für die Balance, nicht nur weil der Körper da gerne „verreißt“!

Auch innerlich gerät alles aus dem Gleichgewicht. Wie viel das ausmacht für die Balance, habe ich vor einigen Jahren mal im Max-Planck-Institut bei einer Versuchsreihe mit dem Stabilometer erfahren, einer hochempfindlichen Wippe, bei der es anfangs schier unmöglich ist, ins Gleichgewicht zu kommen: Es haut einen ständig abrupt von rechts nach links. Am allerersten Tag mit nur 10 Minuten kam ich nur einige Male mit Müh und Not kurz in ein wackliges Gleichgewicht, ansonsten bin ich unablässig gekippt. Das Gerät ist derart sensibel eingestellt, dass winzigste innere Unausgewogenheiten sofort aus der Balance hauen. Am nächsten Tag, wieder für 10 Minuten, ging es bereits sehr viel besser und am dritten Tag stand ich fast wie ein Einser! Das war eine tolle Erfahrung, an die ich die letzten Jahrzehnte gelegentlich denke und die mit verantwortlich ist, dass ich mir das Einradfahren zutraute.

Im normalen Alltag achte ich nicht sonderlich auf meine Ruhe, außer sie ist total gestört. Beim Einradfahren bin ich total aufmerksam. Ich schaue, dass ich ruhig starte, ich merke, wenn innerlich die Unruhe aufkommt. Ich bleibe oft einige Zeit auf dem Rad sitzen und bringe meine Atmung wieder in Ordnung, bevor ich weitermache. - Das ist bei anderen Disziplinen genauso. Hohe Konzentration und gefühlter Stress bringen die Atmung durcheinander. Nicht umsonst wird man bei Sport & Co. oft daran erinnert, dass man überhaupt atmet.

… mit meiner Geduld und meiner Frustrationstoleranz

Einmal war ich bei einem neuen Arzt, der nach wenigen Minuten trocken meinte: „Ich sehe schon: Geduld ist Ihre große Stärke!“ :-)

Nun ist es beim Einradfahren so, dass man am Anfang praktisch nur fällt. Ja, man macht Fortschritte, doch die sind am Anfang wirklich sehr klein. Das Einrad ist eine dieser Fähigkeiten, wo viele aufgeben, weil es so scheint, als lerne man es nie. Doch alles, gerade das „ungeplante Absteigen“, ist wichtig, damit das Gehirn versteht, wie der Körper sich verhalten muss, damit er im Gleichgewicht bleibt.

Übrigens ist das Fallen gar nicht so tragisch, denn meistens steigt man tatsächlich einfach ab. Es gibt natürlich richtige und falsche Techniken, doch selbst wenn man einfach unkontrolliert nach vorne oder hinten kippt, ist das fast nie ein Problem, weil man das Einrad einfach fallenlässt. Es ist so gebaut, dass es in den Boden knallen kann – und dann landet man einfach auf den Füßen.

Ich weiß nicht, wie oft ich anfangs abgestiegen bin, hin und wieder absichtlich, um die Technik zu trainieren aber endlos oft unabsichtlich. Nach vielen Monaten konnte ich an einer Hand abzählen, wann ich auf die Seite oder mal auf den Rücken gefallen bin. Da es nicht mit hohem Tempo ist, ist gar nichts passiert. Zweimal bin ich unschön auf Beton gedonnert – Helm-sei-Dank war das nicht tragisch. Und: Ich war immer selbst schuld und konnte nachvollziehen (und dadurch lernen), wie es dazu gekommen ist.

Vor allem durch Hula-Hoop-Reifen und das Jonglieren habe ich gelernt, dass bei Bewegungsdingen die Fortschritte schon kommen – dass Hirn und Körper allerdings ihre Zeit brauchen. Nicht unbedingt viel Zeit, aber viel Gelegenheit für Wiederholungen. Seit einigen Jahren achte ich automatisch auch auf die kleinsten Fortschritte. Früher habe ich, wie viele, nur auf das geschaut, was noch nicht ging. Selbst, wenn ich etwas schon ganz gut gemacht habe, gab es viele Dinge, die noch verbesserungswürdig waren.

Dadurch, dass ich die kleinsten Fortschritte bemerke, kann ich ….

  • gezielter üben, was schon richtig ist und mein Hirn damit bestärken,
  • die Dinge korrigieren, die noch nicht so gut sind, ohne vorschnell frustriert zu werden.
  • Vor allem fühle ich mich super, weil es vorangeht. Sogar dann, wenn es von außen gar nicht so aussieht. Das motiviert ungemein und bringt den Drive, dranzubleiben.

… mit meinem „Will ich“ und gleichzeitiger Überwindung

Da beim Einradüben in vermeintlich gefährlichen Situationen die instinktive Angst hochkocht, war es zu Beginn nicht immer leicht, sofort wieder hochzusteigen. Auch wenn gar nichts passiert ist und ich es – logisch betrachtet - gar nicht schlimm fand.

Man merkt sehr deutlich, dass der Kopf sagt: Alles gut! Alles unter Kontrolle! Ich mach das ja freiwillig und freue mich über die Fortschritte, die ich jetzt schon merke, und wenn sie noch so klein sind. Ich muss nur noch ein paar weitere Stunden machen, dann wird die Sicherheit größer! Gleichzeitig ist der Körper total auf Habacht, Panik und Vorsicht.

Es war sehr interessant für mich, dass dieser instinktive Schutzmechanismus mitunter so stark ist, dass es mich Überwindung kostete, weiterzumachen. Oder nach mehreren äußerst wackligen Versuchen zu sagen: Hey, jetzt machst du noch einen richtig ruhigen, guten Versuch, bevor du aufhörst.

Das Einradfahren fühlte sich für mich manchmal so an, wie wenn ich hier an eine körperlich und mentale spürbare Grenze stoße, wo es leicht wäre zu sagen: Okay, dann doch nicht. Kann ich nicht. Will ich nicht. Ist nichts für mich.

Umso stolzer war ich auf mich - und triumphaler das Gefühl -, wenn ich über mich hinausgewachsen bin.

… mit meiner Zuversicht in mich – und den Prozess

Ich weiß jetzt, dass ich so gut wie alles lernen und meistern kann. Wenn ich bereit bin, in geeigneten Schritten und mit Regelmäßigkeit dranzubleiben. Denn Wiederholung ist, wie gesagt, gerade bei solchen Fähigkeiten der Schlüssel. Das Hirn muss dieser ungewohnten Situation, dem neuen Gerät, den fremden Bewegungen stetig ausgesetzt sein, damit es alles verarbeiten und sich anpassen kann.

Lernen ist eben ein Prozess, kein Batschbumm. Es zählt das Dranbleiben. Wenn ich aufmerksam übe und wahrnehme, was funktioniert und was zu welchen Konsequenzen führt, um mich gegebenenfalls zu korrigieren, dann werde ich besser. Ist doch wurscht, wie lange es dauert! Wer im eigenen Tempo lernt und sich dabei den Spaß bewahrt, fährt - und lernt - besser, als das schnelle Streben nach Perfektion.

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