Es ist dunkel. Ich sehe nichts.
Es ist still. Ich höre nichts.
Aber ich fühle den warmen Wind der meine Nase kitzelt, es duftet nach Sommer. Und ich spüre die Kleidung an meinem Körper, es ist ein leichter Stoff.

Ich spüre, dass ich auf einem weichen Untergrund sitze. Es scheint Gras zu sein.
Ich versuche etwas zu sehen und zu hören. Nichts.

Ich taste langsam weiter den Untergrund ab. Ich merke eine weiche Kante, meine Hand berührt einen weiteren Stoff. Es handelt sich dabei jedoch nicht um meine Kleidung. Ich glaube, das ist eine Decke. Ich ertaste die Struktur und die feinen Fasern. Es fühlt sich gut an.

Ich glaube tausend kleine Lebewesen um mich herum zu wissen. Schmetterlinge, Ameisen und Bienen. Sie sind tüchtig und glücklich. Ich fühle mich wohl.

Ich bin auch glücklich.

In diesem Moment berührt mich eine Hand. Sie greift freundlich und dennoch fest um meine Hand. Ich kenne diesen Händedruck. Diese feinen Adern auf dem Handrücken und diese zarten Finger mit ihren weich geformten Fingernägeln. Es ist die Hand von Maria. Maria, meine beste Freundin. Ihr Duft kitzelt in meiner Nase. Sie riecht so wunderbar. So wunderbar, wie das gewaltige Blumenmeer, das um uns herum sein muss.

Maria drückt mir einen runden Gegenstand in die Hand, ich lasse meine Finger über die Oberfläche gleiten und erkenne innerhalb von Sekunden, dass es sich um einen Apfel handelt. Ich führe die Frucht an meinen Mund heran und nehme einen Bissen. Das Stück wandert über meine Zunge. Der Apfel schmeckt süß und sauer und herb zugleich. Er ist frisch und saftig. Die Schale ist knackig, aber nicht zu knackig und das Fruchtfleisch ist fest, aber nicht zu fest. Das ist ein perfekter Apfel. Wie gern würde ich mir jetzt diesen perfekten Apfel ansehen.

Aber ich kann noch immer nichts sehen und hören. Denn ich bin blind und taub. Ich war es für immer und werde es wohl für immer sein.

Ich weiß nicht wie die Farbe grün oder rot oder gelb aussieht. Ich habe keine Vorstellung davon, wie Vogelgesang klingt. Ich werde mir nie einen echten Regenbogen ansehen können. Und doch habe ich eine tüchtige Fantasie. Sie macht die Welt in mir drinnen zu einem Paradies.

Ich rieche, schmecke und fühle. Und ich habe meine wunderbare Maria, die mir die Welt da draußen beibringt. Ich weiß, wie es sich anfühlt respektiert und geliebt zu werden. Und dieses Gefühl ist der wohl größte Schatz, den mir das Universum schenken konnte.

Mein Leben könnte anders sein, aber es ist so wie es ist. Es ist schwerer, aber absolut lebenswert.

Es ist mein Leben.
Taub, blind, respektiert und geliebt.