Schon in den nächsten Wochen wird quer durch Europa das NATO-Großmanöver "DEFENDER Europe 2021" starten eine der größten Militärübungen seit dem Kalten Krieg. Ein besonderer Fokus wird diesmal auf der Schwarzmeer-Region liegen. Ein klarer Wink an Moskau.

Von April bis Ende Juni wird die NATO eines der größten Militärmanöver seit Jahrzehnten durchführen. Die Ausmaße sind beeindruckend. Rund 30.000 Soldaten aus 27 Staaten werden quer durch Europa Fallschirm- und Landungsoperationen, Offensiven und Defensiven sowie schnelle West-Ost-Truppenverlegungen üben. Die Kriegssimulation ist eine direkte Wiedergeburt der westlichen Großmanöver aus dem Kalten Krieg.

Aus "Reforger" wird "DEFENDER"

Damals hieß diese Art von Manövern "Reforger". Sie wurden jährlich (manchmal auch mehrfach im Jahr) zwischen 1969 und 1993 durchgeführt und simulierten die Anfangsphase eines Krieges gegen die Sowjetunion auf dem europäischen Kontinent. Reforger ist eine Abkürzung für "REturn FORces to GERmany" – also eine Rückkehr der Truppen nach Deutschland. Die Manöver sahen vor, dass bei einem Kriegsausbruch die USA ihr Personal auf den europäischen Kontinent verlegten, auf das Territorium von West-Deutschland vorrückten, die dort massiv eingelagerten Kriegsbestände aktivierten und gegebenenfalls eine Gegenoffensive starteten, um die sowjetischen Truppen zu zerschlagen. Die NATO erklärte dabei stets, dass die Manöver nur die Abwehr eines sowjetischen Überraschungsangriffes durchspielten.

Angesichts der massiven Truppenverlegungen aus dem Westen in den Osten sah man das Ganze in Moskau naturgemäß anders und befürchtete, dass die West-Allianz damit einen Angriff auf den Ostblock nicht nur eintrainierte, sondern möglicherweise sogar direkt vorbereitete. Auf sowjetischer Seite wurden die Manöver dementsprechend genauestens beobachtet und meistens mit einer Versetzung der eigenen Raketentruppen in die Alarm- und Gefechtsbereitschaft begleitet. In anderen Worten: Die jährlichen Reforger-Manöver, die massive West-Ost-Truppenverlegungen mit sich brachten, erhöhten stets die Gefahr einer möglichen Eskalation, insbesondere durch mögliche Fehlinterpretationen der anderen Seite, falsche Lageeinschätzung oder auch einfach nur durch technische Fehler.

Nach einer dreißigjährigen Pause reaktiviert die NATO nun also solche Manöver, wenn auch unter dem neuen Namen "DEFENDER Europe". Die "Denke" des Kalten Krieges ist somit offiziell zurück. Unter dem Stichwort der "Eindämmung Russlands", das vor allem in Washington gepflegt wird, werden Tausende Soldaten der multinationalen NATO-Streitmacht wieder das schnelle Vorrücken in den Osten einüben. Diesmal allerdings selbstverständlich nicht nur bis Deutschland, sondern gleich direkt bis an die russische Grenze.

Wie Corona für die NATO zu einem Problem wurde

Interessanterweise hat ausgerechnet die Corona-Pandemie der NATO einen Strich durch die Rechnung gezogen, zumindest im Jahr 2020. Bereits im vergangenen Jahr hätte der "DEFENDER Europe 2020" zum größten Manöver seit dem Kalten Krieg werden sollen. 37.000 Soldaten aus 18 Staaten sollten trainieren. 20.000 davon wären US-Truppen, die aus Übersee auf den europäischen Kontinent verlegt werden und nach Osteuropa vorstoßen. Doch die COVID-19-Pandemie hatte da ihre eigene Logik. Die Manöver mussten erheblich verkürzt und aufgeteilt werden. Die größte Teilübung wurde im Endeffekt die amerikanisch-polnische "Allied Spirit-20" mit "nur" rund 4000 US- und 2000 polnischen Soldaten.

Die Einschnitte vom letzten Jahr sollen nun ausgiebig in diesem Jahr kompensiert werden. Zwar sollen etwas weniger Soldaten trainieren, dafür aus mehr Staaten. 27 Länder stellen Personal zur Verfügung, darunter auch Nicht-NATO-Mitglieder, wie etwa die Ukraine und Georgien. Quer durch Europa, insgesamt auf dem Gebiet von 16 Ländern, soll Krieg trainiert werden. Die Geografie der Manöver reicht von der Ostsee im Norden direkt an der russisch-estnischen Grenze bis an die Schwarzmeer-Küste im Süden.

Der Fokus auf die Schwarzmeer-Region

Brisant ist der Fokus der neuen Manöver. Der Schwerpunkt der Truppenübungen soll auf dem Balkan und der Schwarzmeer-Region liegen. Das Ziel sei es, die Allianz-Truppen für potentielle Krisen in der Region vorzubereiten. Geübt werden Flottenmanöver in den Gewässern des Schwarzmeeres, eine Truppenverlegung direkt an die Grenzen der Ukraine sowie eine Art "Luftbrücke" nach Georgien an der östlichen Schwarzmeer-Küste. Das Schwarzmeer wäre damit praktisch von drei Seiten in NATO-Hand: Im Westen Rumänien und Bulgarien, im Süden die Türkei und im Osten eine Truppenpräsenz in Georgien. Gegen wen sich das Ganze richtet, ist schwer zu übersehen. Der einzige "potentielle Gegner" im Schwarzmeer ist Russland.

Die Manöver verstärken damit die bereits bestehende Tendenz der Aufrüstung in der gesamten Region.

So bekommt die Ukraine über das Schwarzmeer massive US-Militärhilfe zugeschickt, wovon sicherlich ein Großteil an der Trennlinie im Donbass landet.

Ausgerechnet jetzt schickte Washington massive Militärhilfe an Kiew. Der amerikanische Frachter Intermarine Ocean Glory, der für das US-Militär arbeitet, passierte die Tage den Bosporus in Richtung der Stadt Odessa. An Bord: 350 Tonnen Kriegsgüter, darunter 35 Hummer-Jeeps.

Da die Ukraine auch aktiv beim DEFENDER-21 eingebunden werden soll, obwohl sie kein NATO-Mitglied ist, wird gegenüber Moskau direkt signalisiert, dass die NATO sich ab nun noch deutlicher auf die Seite von Kiew stellen wird – auch militärisch. Zudem will Kiew mit Hilfe des Westens eine schlagkräftige Küstenwache aufstellen, mit der sie auch einen "überlegenen Gegner" in Schach halten könnte – eine sogenannte Moskito-Flotte.

Die USA verstärken ihrerseits weiter ihre Präsenz im Schwarzmeer. Washington schickt immer öfter seine Kriegsschiffe in die Gewässer sowie seine Aufklärungsflugzeuge und -Drohnen an die russische Luftgrenze. Rechtlich ist das nicht verboten (zumindest für eine vertraglich recht begrenzte Zeit) und doch stellt sich jedes Mal die rhetorische Frage, was der US-Aufmarsch an russischer See- und Luftgrenze im Schwarzmeer soll.

Moskau reagiert auf die Vorgänge mit ähnlicher Aufrüstung. Die russische Schwarzmeerflotte, die seit Jahrhunderten ihren Stützpunk in der Krim-Stadt Sewastopol hat, wird rasant modernisiert und mit neuen Waffensystemen ausgestattet. Zudem wird die Verteidigung der Halbinsel deutlich ausgebaut. Bereits zur Sowjetzeit galt die Krim als ein "unversenkbarer Flugzeugträger": Da die Halbinsel extrem weit in das Schwarzmeer hinausragt, liefert eine Stationierung von Kriegsschiffen, Kampfjets und Abwehrsystemen dort signifikante militärstrategische Vorteile. Zuletzt hieß es in diesem Zusammenhang sogar, dass Moskau die neusten S-500-Abwehrsysteme zuallererst auf die Krim liefern wird. Damit könnte Russland nahezu das gesamte Schwarzmeergebiet unter eine Luftabwehrhaube packen und im Prinzip zu einer No-Fly-Zone machen.

Es ist zudem anzunehmen, dass Russland auf "DEFENDER 21" mit einer Reihe von kleineren "Gegen-Manövern" in seinem Süden reagieren wird.

Kurzum, die Logik des Kalten Krieges ist offiziell zurück. Die NATO trainiert wieder massive West-Ost-Truppenverlegungen und simuliert einen Krieg gegen einen "potentiellen Gegner aus dem Osten". Russland antwortet mit der Aufrüstung seiner Grenzregionen und führt Gegen-Manöver durch. Flankiert wird das Ganze von einer rhetorischen Aufrüstung beider Seiten.

Kalter Krieg 2.0 steht nicht vor der Tür. Er ist schon da.

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