Ich bin seit mittlerweile 16 Jahren in der Pflege. Bin Fachkrankenschwester für Intensiv und Anästhesie. War 7 Jahre auf einer interdisziplinären Intensivstation. Bin viel eingesprungen. War zuständig für viele Dinge. Man konnte mich immer anrufen, wenn man eine Frage hatte. Habe zig Einarbeitungen gemacht, hatte immer Auszubildende dabei. Bin häufig zusätzlich ins Krankenhaus gefahren, wenn man mich brauchte. Habe nebenbei noch ehrenamtlich in einem Hospiz gearbeitet. Kurz: Ich habe für meinen Job gelebt.

Ich liebe meinen Job, aber er hat mich kaputt gemacht. 2012 hatte ich mein erstes Burnout. Seither kämpfe ich mit Depressionen. Mittlerweile auch mit Panikattacken. Vor 6 Jahren bin ich in die Anästhesie gewechselt. Es war eine Flucht. Raus aus dem engen Patientenkontakt, weil ich denen nicht mehr gerecht werden konnte. Nicht auf Grund meiner Erschöpfung, sondern auf Grund des Systems. Man hat keine Zeit mehr die einzelnen wichtigen Tätigkeiten richtig auszuführen, man kann nicht mehr präventiv arbeiten. Man kann nicht mal mehr richtig therapieren. Alles ist auf Kante genäht. Es reicht (in den meisten Fällen) gerade noch so, dass alle Patienten überleben. Man geht nach Hause und fühlt sich schlecht. Weil man so nie arbeiten wollte. Und dann hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man stumpft ab, wird ein Arschloch oder man geht. Letzteres habe ich getan.

In der Anästhesie hat man den Vorteil, man kann keine Beziehung zu den Patienten aufbauen. Die allermeisten laufen so an einem vorbei. Man lernt sie kurz kennen vor der Narkoseeinleitung, und nach der OP Dauer gibt man sie wieder ab. Die wenigsten sieht man je wieder. Bei den wenigsten kriegt man einen Verlauf mit. Es ist Arbeit am Fließband. Doch auch in diesen 6 Jahren hat sich das System noch weiter verschlechtert. Früher hatte man einen OP Saal, war der früher fertig konnte man mal ein paar Dinge „aussenrum“ erledigen oder aber früher gehen. Mittlerweile springen wir zum Teil in 3 OP Sälen parallel rum, das aussenrum passiert auch irgendwie parallel. Man kann auch hier nichts mehr richtig machen.

Und dann kam Corona. Und als wären wir Zuhause mit der eigenen Familie nicht schon genug mehrbelastet, kriegen wir, die im Krankenhaus arbeiten, es doppelt ab. Man hofft auf die Vernunft der Menschen, auf die Strategien der Politik. Man klärt auf, man bittet, man wird laut. Doch das alles nützt nichts. Wir werden nicht gehört. Die Politik ändert nichts, nicht an der Corona-Strategie, die nicht funktioniert und schon gar nicht an unseren Arbeitsbedingungen, die schon so lange so schlecht sind und immer schlechter werden. Die Menschen sind nicht vernünftig, sie gehen auf Demonstrationen, halten sich nicht an die Regeln und treten uns mit Füßen. Jeden Tag.

Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Das ist nicht mehr der Beruf, den ich mal so gerne gemacht habe, für den ich gelebt habe. Ich würde ihn gerne weiter ausüben, mit guten Arbeitsbedingungen und mit einem guten Gefühl, wenn ich am Ende des Dienstes nach Hause gehe. Mit mir entgegen gebrachter Wertschätzung. Das alles wurde schon so oft geschrieben, es interessiert ja doch keinen. Auch dieser Beitrag wird daran nichts ändern. Das hier ist lediglich meine Geschichte, meine Gedanken dazu.

Ich war jetzt 4 Wochen krank Zuhause, habe meine eigene Notbremse gezogen. In der Hoffnung, dass ich wieder mit mehr Kraft zurück kehren kann. Dem ist nicht so. Ich habe heute den ersten Arbeitstag, es ist relativ ruhig. Und trotzdem sitze ich hier mit keinem guten Gefühl. Ich gehe wieder mit Bauchschmerzen arbeiten. Das wollte ich nie wieder erleben. Die Gedanken auszusteigen werden lauter. Doch was dann?!

Ich kann nichts anderes. Und viel mehr, ich will ja auch nichts anderes. Aber die Hoffnung darauf, dass sich etwas ändert schwindet. Ich habe gekämpft für bessere Arbeitsbedingungen. 16 Jahre lang. Von Anfang an bei ver.di, seit letztem Jahr auch noch beim Bochumer Bund. War 8 Jahre lang im Betriebsrat. Und seit 2 Jahren bin ich laut auf Twitter. Ich muss mir nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht. Aber ich bin fertig.

Wenn man mich fragt, was ich jetzt tun möchte, wie mein Weg aussehen könnte muss ich mit den Schultern zucken. Ich weiß es nicht. Mein Traum wäre mittlerweile ein Bürojob, am besten noch mit Option auf Homeoffice. Flexible Arbeitszeiten, damit ich meine 4jährige auch betreuen kann. Nur leider müsste ich dabei noch mindestens genauso viel verdienen wie jetzt, da ich Hauptverdienerin meiner Familie bin. Um eine neue Ausbildung oder ein Studium zu machen fehlt mir die Kraft. Es ist ein Teufelskreis. Und so werde ich erst mal weiter arbeiten gehen. Bis sich mir irgendwann eine Tür öffnet, die mir helfen kann. Bis dahin werde ich eben öfter mal meine eigene Notbremse ziehen. Ich werde mich nicht weiter für dieses System aufopfern. Es hat mich schon kaputt gemacht, ja fast in den Suizid getrieben. So weit werde ich es nicht mehr kommen lassen. Wenn die Politik nichts für uns tun möchte, fein, aber ich werde auch nichts mehr "mehr" tun. Dienst nach Vorschrift, bis ich für mich eine Lösung gefunden habe. An alle im Gesundheitswesen arbeitenden die noch nicht so kaputt sind: lasst euch nicht so kaputt machen. Es dankt euch keiner!

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