Eigentlich ist die Militarisierung des Weltraums untersagt, dennoch betreiben die führenden Weltmächte verschiedene Projekte im Weltraum, die auch dem militärischen Bereich zugeordnet werden können. Für besondere Aufmerksamkeit sorgt derzeit das US-Amerikanische Projekt X-37.

Schon seit Jahren forschen die USA an dem Projekt X-37. Dabei handelt es sich um einen „experimentellen, unbemannten, wiederverwendbaren“ Raumgleiter, der von seinem Aussehen ziemlich stark an die früheren amerikanischen Space Shuttles erinnert.

Offiziell sollen die X-37-Gleiter für experimentelle Zwecke genutzt werden, etwa für das Austesten von Manövern in der Erdumlaufbahn und das Einüben von Wiedereintritten in die Erdatmosphäre. Als Energiequelle nutzt der Raumgleiter unter anderem seine Gallium-Arsenid-Solarzellen und kann sich dadurch dauerhaft in der Erdumlaufbahn aufhalten sowie mit seinen Triebwerken Manöver fliegen, die gewöhnliche Satelliten nicht bewältigen können.

Diese Flugeigenschaften, gepaart mit der Fähigkeit des Gleiters signifikante Nutzlasten von 250 Kilogramm zu transportieren, haben schnell das Interesse des Pentagons daran wachsen lassen.

Erste Anzeichen der Militarisierung

Die ersten Anzeichen, dass das Projekt allmählich militarisiert wird, kamen im Jahr 2004 ans Licht. Damals übernahm die US-Militärbehörde DARPA das Projekt von der zivilen NASA. Später wurde das Programm an das Rapid Capabilities Office der US-Luftstreitkräfte übergeben, wo die verschiedenen Modifikationen die Beinamen X-37, X-37A und X-37B erhielten.

Der erste Testeinsatz des Gleiters erfüllte alle Erwartungen. Gestartet am 22. April 2010, dauerte der erste Flug mehr als 224 Tage im Orbit und endete mit einer völlig autonomen Landung auf der US-Luftwaffenbasis Vandenberg im Dezember 2010. Die konkreten Ziele der Mission wurden damals nicht näher erläutert.

Die späteren Tests des Gleiters brachten mit jedem Flug eine größere Einsatzdauer.

Das zweite Exemplar des Raumgleiters (OTV-2) blieb bereits 469 Tage im Orbit, führte verschiedene Manöver durch und landete anschließend erfolgreich ebenfalls auf der US-Luftwaffenbasis Vandenberg. Der dritte Einsatz dauerte 674 Tage. Der vierte Prototyp verbrachte 718 Tage im All, der fünfte kam auf 780 Tage im Weltraum.

Ein X-37-Gleiter auf einer US-Militärbasis

In anderen Worten: Der Gleiter bewies, dass er jahrelang im Orbit operieren kann, mehrfach einsetzbar ist, komplizierte Flugmanöver in der Erdumlaufbahn ausführen und dabei auch beträchtliche Lasten tragen kann.

Schwere Vorwürfe aus Russland

All diese Eigenschaften machen den Gleiter nicht nur technisch beeindruckend, sondern auch militärisch gefährlich. Mitte Juni erklärte Jan Novikov, Chef des russischen Rüstungsgiganten „Almaz-Antej“, der sich auf die Herstellung moderner Raketenabwehrsysteme spezialisiert, dass das Projekt Х-37В längst ein militärisches sei und auf die dauerhafte Stationierung von unbemannten atomwaffenfähigen Bombern in der Erdumlaufbahn hinauslaufe.

Demnach seien die Х-37В in der Lage, Atomwaffen an Bord zu tragen. Derzeit hätte Pentagon bereits sechs solcher Raumgleiter gebaut, einer von denen gerade in der Erdumlaufbahn sei.

„Nach unserer Einschätzung kann der kleine (Gleiter) bis zu drei Atomsprengköpfe tragen, der große bis zu sechs“, so Novikov.

In der nächsten Zeit würden die USA zudem zwei weitere Modelle herstellen und hätten damit potentiell eine atomwaffenfähige „Orbitalbomber“-Staffel von acht Raumgleitern.

Durch ihre Fähigkeit, jahrelang unbemannt zu agieren und komplizierte Flugmanöver zu fliegen, könnten die Raumgleiter dauerhaft im Orbit patrouillieren, auf Befehl jede beliebige Umlaufbahn einnehmen und somit zu beliebigem Zeitpunkt über jedem beliebigen Punkt der Erde ihre tödliche Fracht abwerfen. Die Gefahr, die von diesen „Orbitalbombern“ ausgehen könnte, sei somit beträchtlich.

Spionagegeschichten rund um die X-37B

Dafür, dass die russischen Vorwürfe womöglich in der Tat zutreffen könnten, zeigten die ersten filmreifen Spionage-Geschichten rund um das Projekt.

So wurde in Japan in der Präfektur Kanagawa der 70-jährige Kazuo Miyasaka festgenommen, weil er technische Details über den Raumgleiter X-37B an russische Vertreter übergeben haben soll. Er soll während seiner Arbeitstätigkeit bei einer Forschungsfirma Zugang zu technischer Dokumentation des Raumgleiters gehabt haben. Dies habe er ausgenutzt und mindestens acht als geheim eingestufte Dokumente kopiert und an Russland übergeben.

Später soll Kanagawa seine Schuld komplett eingestanden haben. Welche Strafe dem 70-Jährigen nun droht, ist unbekannt. Die Nervosität, mit der japanische und amerikanische Sicherheitsorgane auf den Informationsleak reagiert haben, zeugt aber eindrucksvoll davon, dass es sich beim X-37B-Projekt sicherlich um viel mehr handelt, als nur um ein ziviles Forschungsprogramm.

S-500 vs. X-37?

Die russische Antwort auf das amerikanische X-37B-Programm dürften die modernsten Raketenabwehrsysteme S-500 sein, die schon bald in Dienst gestellt werden. Die S-500 sind das Nachfolgesystem der S-400. Bereits die S-400 gelten als die besten Raketenabwehrsysteme in ihrem Segment, die S-500 dürften einen noch größeren Vorsprung auf die Konkurrenz haben. Im Zusammenhang mit dem X-37B-Projekt ist aber vor allem ihre Fähigkeit interessant, Flugobjekte aus der nahen Erdumlaufbahn abzuschießen. So sollen die S-500 in der Lage sein, Satelliten aus dem nahen Orbit zu holen – eine Fähigkeit, die bislang kein anderes Abwehrsystem vorweisen kann. Es ist unwahrscheinlich, dass das russische Militär mit den Systemen gegen kommerzielle Satelliten vorgehen will. Viel eher könnten die S-500 als ein Gegenmittel gegenüber den X-37B gedacht und entwickelt worden sein.

In anderen Worten: das Rüstungsrennen ist seit jeher ein Rennen zwischen Schwert und Schild, zwischen Angriff und Verteidigung. Auf Dauer heben sich die Angriffs- und Abwehrpotentiale zweier Seiten auf. Ähnlich dürfte das jetzt mit den neuen Raumgleitern X-37B einerseits und den S-500-Systemen andererseits aussehen.

Dir gefällt, was Nikita Gerassimow schreibt?

Dann unterstütze Nikita Gerassimow jetzt direkt: