Markus gehört zu einer Corona-Risikogruppe, die vielen nicht bekannt ist. Ich habe mich mit ihm getroffen, um über seine Erkrankung, seinen letzten Psychiatrieaufenthalt unter Coronabedingungen und die Frage, warum er sich hat impfen lassen, zu sprechen.

Markus, 26, Topfit, geimpft

Zu den Risikogruppen einer Corona-Infektion gehören zum Teil sehr kranke Menschen. Menschen wie Markus*. Markus ist 26 Jahre alt, Sportler, er hat einen Ruhepuls von 67, arbeitet in Vollzeit und sein Arzt sagt, er hätte “Top Blutwerte”. Markus hat seine erste Impfdosis bereits erhalten, als ich ihn treffe. Aber eine Infektion mit Corona könnte Markus das Leben kosten.

Der Himmel ist grau an diesem Frühlingsnachmittag, dunkle Wolken türmen sich auf. Markus trägt eine Winterjacke, Jeans und lächelt, als er mich sieht. “Ich habe schon gewartet, bin immer lieber ein bisschen früher da, wenn ich verabredet bin” sagt er. Wir setzen uns und Markus beginnt zu erzählen. Davon, wieso er so schwer krank ist, dass er zur Prioritätsgruppe 2 der Impfprioritäten gehört und von einem Psychiatrieaufenthalt während der Pandemie.

Depressionen können unglaublich antriebslos machen - Quelle: unsplash


Zu Tode betrübt…


“Naja, ich bin BiPo, war ziemlich oft in der Psychiatrie und ja, deshalb bin ich gefährdet.” BiPo, das ist eine Abkürzung für eine bipolare Störung, die sich durch zwei völlig gegenteilige Symptome bemerkbar macht. Früher hat man dazu “manisch depressiv” gesagt, was dem Charakter der Erkrankung aber nicht ganz gerecht wird. Depressionen sind oft heilbar, eine bipolare Störung ist das nicht. “Manchmal bin ich so depressiv, dass ich den ganzen Tag nicht aus dem Bett komme. Und jetzt nicht einen Tag, sondern wochenlang” beschreibt Markus eine depressive Episode, “ich habe deshalb schon Jobs verloren”.


…und Himmelhoch jauchzend

Der andere Pol, der der Manie, wird oft für weniger schlimm gehalten, aber Markus sieht das anders: “das ist beides schlimm, vor Allem, weil ich in der Manie nicht merke, dass ich manisch bin, weil ich mich euphorisch fühle, aber totalen Quatsch mache. Einmal habe ich meinen Bausparvertrag aufgelöst und mir von dem Geld ein Auto gekauft – dabei habe ich einen Dienstwagen.”

Das beides klingt nach sehr belastenden Symptomen, aber erklärt nicht direkt einleuchtend, wieso die Erkrankung auf einer Ebene mit zB. multipler Sklerose steht, was die Impfpriorisierung angeht. Aber Markus war vor kurzem stationär in einer Psychiatrie, um neu auf Medikamente, die ihm ermöglichen, weitestgehend ohne Symptome zu leben, eingestellt zu werden. Der dortige Arzt hat ihm eindringlich geraten, sich impfen zu lassen.

Manische Episoden fühlen sich für Betroffene oft wie Glück an - Quelle: Unsplash


Was es heißt, während der Pandemie in der Psychiatrie zu sein

“In der Psychiatrie ist es nie schön, ich habe da leider schon einige Aufenthalte hinter mir. Aber zur Zeit ist es beinahe grausam, weil ja alles wegfällt”. Wegen der Hygienemaßnahmen finden in vielen psychiatrischen Kliniken nur wenige Anwendungen statt. “Sport geht zum Beispiel nur total eingeschränkt, ich durfte joggen gehen auf dem Gelände, das war’s”. Das Gelände verlassen durfte Markus nicht, zu groß ist die Gefahr für die Klinik, dass sich eine Patient*In ansteckt. “Dann muss ja die ganze Station, das ganze Haus in Quarantäne, da sind auch alte Leute, die eine Infektion bestimmt nicht überleben”.

“Therapiesitzungen oder Gruppen finden unter total strengen Auflagen statt. Ich verstehe das total, aber du kannst mit der Therapeutin halt auch gar nicht richtig arbeiten, wenn die Maske das Gesicht verdeckt. Du weißt nicht, ob sie gerade lächelt oder die Mundwinkel verzieht, das verunsichert”.

Markus sagt, er sei weitestgehend symptomfrei, solange er immer gut medikamentös eingestellt ist. Und er hofft, dass das vorerst so bleibt, denn eine Psychiatrie ist ein Ort, an dem es durch die Pandemie noch schwieriger ist, als ohnehin. “Wenn du einen Depressiven hast, der da hingeht, um mehr Antrieb zu bekommen, der hat es im Moment wirklich schwerer als sonst.” Das läge aber keinesfalls am Personal, sagt er, “die geben sich alle super viel Mühe, sind ständig für dich da, obwohl sie wegen der ganzen Auflagen selbst völlig überlastet sind. Das ist mir auch wichtig: Es geht nicht nur um Intensivpfleger, da muss viel mehr drauf geschaut werden, dass es auch in anderen Bereichen viel mehr Arbeit gibt.”

The Farewell
Psychatrie während der Pandemie ist schwierig - Quelle: Unsplash

“Ich habe ja in beiden Situationen schon Mist gebaut”

Aber Markus hat sich impfen lassen, obwohl er Bedenken hatte. “Naja, ich dachte, als junger Mann bin ich eh' als letzter dran - und ob das dann noch sinnvoll ist? Aber der Arzt hat mir dann erklärt, warum ich einen Anspruch habe und den nutzen sollte.”

Markus hat eine bipolare Störung, deshalb gehört er zur Prioritätsgruppe 2, obwohl er, wie er sagt, “Fit wie ein Turnschuh” ist. “Der Arzt hat gefragt: was ist denn, wenn du depressiv bist, Corona hast und es nicht zum Arzt schaffst? Was ist, wenn du manisch bist und trotz schwerem Verlaufs denkst, du steckst das schon weg? Und das ist irgendwie einleuchtend, ich habe ja in beiden Situationen schon Mist gebaut!”

Der Himmel klart auf

Markus erzählt mir noch eine Menge über sich und sein Leben, nicht nur tiefgründiges, sondern auch belangloses und es kommt mir vor, als würden wir uns schon lange kennen. Aber vielleicht ist das so, wenn man über etwas so intimes wie psychische Erkrankungen spricht. Als er geht, Grüßen wir uns freundlich per Ellenbogencheck. Der Himmel klart auf, die Sonne scheint hindurch, es wird spürbar wärmer und ich habe das Gefühl, ein klein wenig besser zu verstehen, wie sich die Schwankungen, mit denen Markus zu kämpfen hat, wohl anfühlen müssen.

Dieser Text wurde von keiner Fachperson verfasst. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Sollten Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie die Telefonseelsorge unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 (kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar) oder wenden Sie sich an Ihre*N Ärzt*In. Hilfe bei der Suche nach Therapeut*Innen bietet außerdem die 116117

*Zum Schutz seiner Persönlichkeit wurde der Name und das Alter geändert.

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