Meine früheste Erfahrung mit dem Schlechtreden war mit 5. Ich hatte mich so gefreut, endlich in die Schule zu kommen!

Auf einmal war ich mir nicht mehr so sicher.

Jeder Erwachsene verzog das Gesicht: „Was? Du kommst zur Frau Schlegel???“

Streng sei sie. Gemein. Gehauen soll sie auch schon haben!

Frau Schlegel stand kurz vor ihrer Pensionierung. Jeder kannte sie, weil sie seit mehreren Jahrzehnten an unserer Dorfschule tätig war – Generationen waren bei ihr in der Klasse.

Richtige Angst vor dem ersten Schultag hatte ich zwar keine, aber skeptisch war ich schon. Wie diese böse Frau Schlegel wohl ist?

Sie war wunderbar.

Ja, sie war streng. Aber nie gemein. Sie hatte klare Regeln, Disziplin im Klassenzimmer war selbstverständlich. Als Erwachsene würde ich sagen „sie hat gefördert, aber eben gefordert“. Der schlechte Ruf, der Frau Schlegel vorauseilte, hat nicht zu meinen Erfahrungen gepasst.

Ich kann nicht beurteilen, ob sie früher eine andere Lehrerin war. Ich weiß nicht, wie viele der Menschen, die sie schlecht geredet haben, ihr Urteil auf eigenen Erfahrungen basiert und wie viele einfach nachgeplappert haben, was allgemein erzählt wurde. Sicher ist, dass das nicht das letzte Mal bleiben würde.

„Was? Du kommst zu Herrn Rabe?!“

Jetzt könnte man meinen, dass die Schule eine besonders einschneidende Zeit ist und dass rein vom Erwachsenen-Kind-Gefälle her eher Schieflage – und das Gefühl des Ausgeliefertseins – besteht. Wenn da jemand Regeln aufstellt, auf ihre Einhaltung besteht und möglicherweise tatsächlich hie und da streng (oder unfair) ist, bleibt das hängen. Das mag erklären, dass Erwachsene sich bemüßigt fühlten, ein fünfjähriges Kind vor einer Lehrerin zu warnen.

Als ich mit 18 in der Verwaltung der Polizei anfing, wurde ich ab dem ersten Tag mit dem Ruf meines Chefs konfrontiert: Du Arme! Der Herr Rabe ist ein ganz Übler! Mit dem ist nicht gut Kirschen essen! Der reißt alles an sich und weiß alles besser. Ganz schwieriger Mann!

Vielleicht hatte ich aus meiner Erstklässlerinnen-Erfahrung gelernt, jedenfalls ging ich gelassen an meinen neuen Arbeitsplatz: „Lass die Leute reden. Ich mach meine eigene Erfahrung.“

Was soll ich sagen?

Herr Rabe war ein No-Nonsense-Typ. Er hatte drei Telefonapparate auf dem Tisch, die ständig geläutet haben. So jonglierte er mit parallelen Anrufen und weil wer er seine Zeit nicht gestohlen hatte, bellte er nach dem Abheben in den Hörer: „Bitte sprechen!“

Er kam schnell auf den Punkt. Er war kein Mann vieler Worte. Er war es gewohnt, das Sagen zu haben. Darum hatte er eher einen Befehlston drauf. Und sehr genaue Vorstellungen, wie, wann, was zu geschehen hat.

Da war es wieder:

Klartext. Regeln. Disziplin. Und ein starkes Auftreten.

Dann wechselte ich in den Vertrieb einer Bildagentur, hier lernte ich den Namen einer Kundin kennen, die in der gesamten Branche berüchtigt war: Frau W.! Eine fiese Frau sei das, die hektisch ihren Willen einfordert. Sie war gehasst und gefürchtet.

Ich bekam den Kundenkreis der Werbeagenturen von „L bis Z“ und weil Frau W. als Freelancerin für mehrere große Agenturen tätig war, landete sie bei mir.

Ja, Sie trat einschüchternd auf. Ja, Sie war an der Grenze zum Unhöflichsein. Dennoch kam ich super mit ihr klar. Vielleicht, weil wir Bayern ebenfalls nicht immer die Charmantesten sind. Vor allem aber, weil ich gegenhalten kann, wenn es sein muss.

Wie bei Frau Schlegel und Herrn Rabe, deckte sich meine eigene Erfahrung mit Frau W. nicht mit dem, was mir zuvor zugetragen wurde. Ganz subjektiv kam ich mit ihrer Art bestens zurecht. Und genau darum geht es mir. Wir sind nicht alle gleich. Es gibt Dinge, die du gelassen meisterst, die mich verrückt machen. Es gibt Leute, die dich aus dem Konzept bringen und mich schmunzeln lassen. - Jeder von uns kommt mit einer bestimmten Art von Denke, Verhalten oder Meinung nicht so gut klar. Und auch das ist nicht in Stein gemeißelt. Es gibt Begegnungen, die uns überraschen, die uns bereichern und aus denen wir lernen.

Gute Devise: Eigene Erfahrungen machen!

Es ist schwer, sich nicht davon beeindrucken zu lassen, was andere über jemanden sagen. Besonders, wenn es negativ ist. Erst recht, wenn Verstärker dazukommen, die die Meinung zu validieren scheinen. Etwa:

„Alle“ sagen das (wie in meinen Beispielen oben). Wenn viele Leute, noch dazu welche, die sich nicht untereinander kennen, dasselbe sagen, dann muss es doch stimmen, oder?

Eine Person, der man nähersteht, sagt es. Manchmal ist es die Loyalität, oft bürgt die persönliche Verbindung dafür, dass was als richtig – oder gewichtiger – gewertet wird. Ist ja völlig normal.

Und doch treibt das manchmal ganz schöne Blüten. Eine Bekannte von mir hat als Erwachsene ihren Halbbruder kennengelernt und einen wunderbaren Kontakt zu ihm und seinen Geschwistern bekommen. Bis auf einen: Das Schwarze Schaf der Familie, mit dem alle den Kontakt abgebrochen haben. Warum, weiß meine Bekannte nicht. "Willst du diesen Halbbruder nicht gerne mal kennenlernen?" - "Nein, den mag niemand, das wird schon seinen Grund haben!"

Ich finde das schade. Vielleicht bekäme sie den schlechten Ruf bestätigt. Aber vielleicht verpasst sie auch was, wenn sie die Ansichten und Erfahrungen der anderen einfach so übernimmt. Vielleicht hätte sie einen ganz anderen Zugang als die direkte Familie und es wäre bereichernd, diesen Halbbruder zu kennen - für beide Seiten.

Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich besser damit fahre, unvoreingenommen in neue Begegnungen zu gehen. Dass ich selbst überprüfen will, wie ICH jemanden erlebe. Ob ich die Person sympathisch finde und mit ihr klarkomme. Nicht zuletzt, weil ich mir das genauso wünsche: Dass andere unbeeinflusst auf mich zugehen und nicht einfach irgendwas als wahr übernehmen, was ihnen von anderen zugetragen wird.

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