Wunder vollbringt der Mensch. Er hat es vollbracht Krankheiten auszurotten, die über Jahrtausende Menschen tötete, er schaffte Maschinen, die im Stande sind, mehr zu leisten, als er selbst, er reiste zum Mond, fliegt um die Welt, transplantiert Organe, spielt mit Genen...Man könnte meinen, wir sind im Stande, uns nach und nach mehr von der Welt zu unterwerfen. Doch sind wir so mächtig? Wissen wir was wir tun? Sind wir manchmal zu schnell in der Anwendung, oder zu langsam in der Akzeptanz? Wie umgehen, mit Impfstoffen, "künstlicher Intelligenz" oder dem Internet-of-everything?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, gehen wir zunächst ins Jahr 1938: Lise Meitner erklärte nach experimentellen Beobachtungen von Otto Hahn erstmals einen Prozess, demnach Atomkerne gespalten werden können. Bei diesem Prozess berechnete sie eine freigesetzte Energie, die um viele Größenordnungen die Energieskala von üblichen chemischen Reaktionen übersteigt. Was heißt das? Die Grundlage für die Entwicklung der Atombombe, der Nutzug der Kernkraft war geschaffen!

Es lohnt, sich ins Gedächtnis zu rufen, unter welchen Umständen diese Erkenntnisse enstanden sind: Otto Hahn forschte mit Fritz Straßman in Berlin, Lise Meitner führte ihre Arbeit zusammen mit Otto Frisch in Schweden durch. Doch Meitners schwedischer Aufenthalt war kein Ausdruck von europäischer Forschungskollaboration, sondern schlicht überlebensnotwendig für die in Wien geborene Jüdin. Die Entdeckung der Wissenschaftler fiel also in eine hoch brisante Zeit. Die Nutzung dieser Energiequelle offenbarte ungeahnte Möglichkeiten für denjenigen, der es schaffen sollte, sie technisch auszunutzen. Tatsächlich schufen die Nazis nur vier Monate nach dieser Entdeckung ein militärisches Projekt, um eine Kernwaffe zu entwickeln. Im gleichen Jahr verfasst ein alter Vertrauter Otto Hahns einen Brief, Adressat ist: Franklin D. Roosevelt. Der Absender warnt die US-Regierung eindringlich von den fatalen Folgen, sollte das deutsche Reich durch seine Forschungsaktivitäten in den Besitz einer Atombombe gelangen. Roosvelt setzt in der Tat umgehend eine Atomkomission ein. Zwei Jahre später wird dann das Manhattan Projekt starten, an dem teilweise über 100.000 Forscher an der Entwicklung der Atombombe arbeiten, ein Forschungsprojekt ungekannten Ausmaßes. Wie das Projekt endet, ist bekannt: Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki kosteten über 200.000 Menschen, fast ausschließlich Zivilisten, das Leben. Der Verfasser des Briefes an Roosvelt wird nach dem Krieg sagen, es sei sein größter Fehler gewesen, diesen Brief zu verfassen. Es war Albert Einstein.

Mit den Resten der ausradierten Städte Hiroshima und Nagasaki stellten die Alliierten Untersuchungen an, um die Auswirkungen der Atombombe zu untersuchen. Auf den teils kontaminierten Trümmern spazierten Soldaten in T-Shirt und Shorts - die Gefahr durch Strahlung war damals deutlich unterschätzt. Gerade in den ersten Jahrzenten nach dem Krieg - mancher nannte es gar Atomzeitalter - herrschte eine aus heutiger sicht frappierende Naivität im Umgang mit radioaktiven Stoffen. Man träumte von Autos, Flugzeugen und Schiffen, die mit Kernantrieb liefen. Es gab sogar Herzschrittmacher mit Plutoniumbatterie. Dabei war damals längst bekannt, welche Folgen zu starke Strahleneinwirkung auf den Körper haben kann. Marie Curie, Vorkämpferin der Radiochemie und mehrfache Nobelpreisträgerin, sollte als Folge ihres Jahrelangen Umgangs mit radioaktiven Stoffen an der Strahlenkrankheit leiden, und schließlich daran sterben.

Zurück zur Eingangsfrage: Wie umgehen mit neuen Technologien? Das Beispiel der Entdeckung der Kernspaltung und dem anschließenden Hype zeigen uns, wie dramatisch eine Technologie die Welt verändern kann. Aus heutiger Sicht wirkt sich die Kerntechnik allerdings recht abstrakt auf unseren Alltag aus. Seit dem Hype hat sich auch wieder vieles geändert. Einige Länder sind aus der Nutzung der Kernenergie ausgestiegen, die Atombombe ist zwar nach wie vor eine Bedrohung für die Menschheit, glücklicherweise wurde sie allerdings seit Nagasaki nie wieder in einem Konfilkt eingesetzt. Selbst Kernwaffentests, die ganze Landstriche verseucht haben, sind mittlerweile geächtet. Haben wir also die Kurve gerade noch gekriegt? Noch immer streiten sich die Geister über die negativen Auswirkungen von Kernkraftwerken, und der Notwendigkeit, dem Klimawandel mit Technologie wie eben jener zu begegnen. Gibt es aber Technologien, die, wenn sie einmal im Alltag sind, nicht mehr verschwinden werden? Atommüll kann man vergraben, aber geht das auch mit Social Media?

In den letzten dreißig Jahren hat sich unsere Welt rasend verändert, auch und vor Allem im Alltag. Alle Arten von Daten kann man online stellen und abrufen. Ob den Busfahrplan, die Hausaufgaben oder den Heiratsantrag: Alles kann über das Netz abgerufen werden. In sozialen Medien spielen sich teils groteske Parallelwelten ab. Jede noch so absurde Minderheit findet im Netz ihresgleichen. Das mag bei den Hobbyornithologen zwar unproblematisch sein, allerdings verstärken sich auch zunehmend Menschen gegenseitig in realitätsfernen Weltbildern und extremen Ansichten. Ob Qanon, Pizzagate oder Adenochrom, was lustig klingt, ist für viele ernst. Der Gesetzgeber versucht seit Jahren vergeblich die Auswüchse des freien Netzes einzudämmen. Ob durch Stoppschild, dem NetzDG oder Datenschutzgrundverordnung, was gut gemeint ist, führte bisher selten zum Erfolg. Sind wir also gescheitert? Hätten die Auswirkungen von sozialen Medien früher intensiv diskutiert werden sollen? War die Gesellschaft verblendet? Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Zwar handeln die Betreiber sozialer Medien zunehmends, und sperren einschlägige Inhalte, dies ist allerdings mit vielen Problemen behaftet. Ob private Unternehmen Einfluss auf einen öffentlichen Diskurs haben sollten ist fraglich, insbesondere, wenn die Gesellschaft, beispielsweise in der Form des Staates, darauf kaum einen Einfluss hat.

Die ältere Generation würde vielleicht sagen, das spiele sich doch alles virtuell ab, und hat mit dem echten Leben nichts zu tun. Das ist an sich zwar nicht falsch, doch kann man nicht leugnen, dass es grundsätzlich möglich ist, ein erfülltes Leben zu führen, ohne auf die sozialen Medien angewiesen zu sein. Es soll sogar unter den digital natives Menschen geben, die freiwillig auf die virtuelle Parallelwelt verzichten. Doch die nächsten Technologien warten schon: Künstliche Intelligenz regelt schon viel im Alltag, doch was wird sie noch übernehmen? Immerhin eine Technologie, die selbst für Spezialisten als Black Box daher kommt. Welche Auswirkungen erwarten uns im Zusammenhang mit der nächsten Quantenrevolution, die uns Sensoren beschert, die mit ihrer hohen Präzision Gehirnströme von weitem messen kann. Werden unsere Gedanken bald gelesen, um uns bessere Produkte zu verkaufen?

Technologien setzen sich meistens dann durch, wenn sie versprechen Probleme zu lösen. In ihrer Komplexität können sie auch Menschen verunsichern. Eines ist klar, ein Risiko wird es immer geben, sei es Mißbrauch oder nicht-intendierte Folgen auf Umwelt oder Gesellschaft. So wie es immer ein Risiko gibt, wird es auch immer Skeptiker geben. Ein gutes Beispiel: Impfstoffe. Eine Technologie, die Millionen Leben rettet, und viel Leid erspart. Wie bei jedem Medizinprodukt ist natürlich ein Risiko dabei, das allerdings viel geringer ist, als das Risiko, das von der Erkrankung ausgeht, vor der man sich schützen will. Damit dies gewährleistet ist, gibt es komplexe Genehmigungsverfahren, die statistisch dingfest Daten analysieren, und von unabhängigen Stellen geprüft werden. Man könnte meinen das perfekte System. Doch lässt sich dies wohl nicht so einfach auf Innovationen übertragen, die nicht lokal in einem Körper wirken, sondern die ganze Welt verändern.

Innovationen können gewaltige Veränderungen verursachen. Manchmal können sie auch eine Lawine auslösen, die wir nichtmehr aufhalten können. Gerade deshalb lohnt es sich, manchmal einen Schritt langsamer zu gehen, um sich sicher zu sein, nichts unfassbar Dummes zu tun.

Wir können zum Mond fliegen, DNA lesen und mit Atomen spielen. Aber zu sehen, was wir selbst daraus machen, dazu scheinen selbst wir nicht im Stande zu sein.

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