… oder, von Irgendwo ins Nirgendwo

Es ist Sommer. Die Sonne brennt vom Himmel, als würde sie jedes Leben vernichten wollen. Heiß flirrt die Luft über der Wüste von Nevada. Manch einer könnte meinen, in diese ungastliche und menschenfeindliche Gegend verirrt sich kein einziges Lebewesen. Trotzdem führt eine breite Asphaltstraße durch das Ödland und bringt die Menschen von einem zum anderen Ort. Die nächste Stadt ist meilenweit entfernt. Fast unerreichbar.

Diese unwirtliche Gegend hat aber auch Schönheiten. Tiere sind zu beobachten. Eidechsen, Schlangen, alle, die es gern warm haben, siedelten sich hier an.

Einsame Wanderer könnten in dieser unendlichen Weite nie ankommen, hätten sie nicht genug Wasser und Proviant dabei. Wasser, das Lebenselixier, ist Mangelware hier draußen. Nur wer schnell genug im nächsten Ort ankommt, kann sich am kühlen Nass laben.

Von weitem ist ein leises Brummen zu hören. Ansonsten ist es still in der Wüste. Der Asphalt brodelt vor Hitze. Schnell könnte ein Autoreifen daran festkleben, wäre der Fahrer nicht gewitzt genug, auf dem Randstreifen zu halten. Aber auch dort ist es nicht gewiss, nicht steckenzubleiben.

Das Brummen wird lauter, es kommt näher. Die Geier am Himmel starren auf den einsamen Fahrer herab, als wäre er es, den sie als nächstes mit ihren harten Schnäbeln zerteilen. Nein, Menschen sind nicht ihre Opfer, sondern Tiere, die zu wagemutig waren, sich hierher zu verirren.

Endlich ist ein Motorradfahrer zu sehen, der auf seiner Harley Davidson sitzt und Strecke hinter sich bringt. Das Dröhnen des Motors klingt wie Musik in den Ohren.

Der Fahrer ist von weither gekommen, um den Sommer in der Wüste zu verbringen. Am Rücksitz hat er sein Gepäck festgeschnallt. Bereit, auch eine Nacht im Freien zu verbringen.

Seine langen Haare quellen unter dem Helm hervor. Sie flattern im Wind wie Fahnen. Der Bart ist zerzauselt, die Augen durch eine Sonnenbrille geschützt. An den Beinen enganliegende Lederhosen, als würde ihm diese Hitze nichts ausmachen. Sein Oberkörper ist unter der offenen Lederweste nackt und von der Sonne gebräunt, die blonden Brusthaare ausgeblichen. Wie viele Tage er wohl schon im Freien verbracht hat? Keiner weiß es, nur der Motorradfahrer selbst.

Er hat noch viel Strecke vor sich, bis er das nächste Etappenziel erreicht. Ob er je dort ankommen wird? Ob das Benzin ausreicht bis zur Tankstelle. Mitten in der Wüste stehenzubleiben, ein Horror für jeden, der allein unterwegs ist. Banges Warten auf einen anderen Verrückten, der sich hinaustraut.

An einem Felsen, der aus dem Sand ragt, wie ein Monument, macht der Biker Rast. Schweiß glänzt auf Stirn und Brust. Er tropft herab. Sofort verdunstet jeder winzige Tropfen. Hinterlässt keine Spur, als hätte es sie nie gegeben.

Der Motorradfahrer schaut in die Ferne, schützt seine Augen mit der Hand. Als könne er in der Ferne bereits sein Ziel sehen. Aber noch ist es weit bis dorthin.

Er fährt weiter. Nach endlos vielen Meilen sieht er endlich eine Tankstelle. Eine erneute Rast wird eingelegt. Gierig trinkt der Wasser aus dem Kühlschrank.

Der Tankwart kommt hinzu. „Einsamer Biker“, sagt er zu ihm. „Hast du es noch weit? Woher kommst du, wohin willst du?“

Der Mann lächelt. „Irgendwo ins Nirgendwo“, antwortet dieser, ehe er sich wieder auf seinen Donnerstuhl setzt und weiterfährt, bis er irgendwo im Nirgendwo angekommen ist.

© Milly B. / 29.06.2021

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