Weil Themen wie Klimaschutz, Arbeitsmarkt, physische, psychische und wirtschaftliche Folgen der Pandemie oder auch Zuwanderung wohl einfach zu komplex sind, stürzt sich der gemeine Wahlkämpfer auf das, bei dem nun wirklich jede:r mitreden kann: Sprache und so Zeug.

Das kennen Sie: Zeug liegt auf dem Wohnzimmertisch, dem Nachtkästchen und in Schubladen. Zeug findet sich in Jacken-, Hosen- und Handtaschen, in Schränken und auf der Hutablage. Im Keller liegt es rum, zuhauf sogar, und Himmel hilf: Schauen Sie mal in den Kofferraum! Zeug hat man zuhause oder dabei, man hütet es oder wirft es weg. Zeug gibt es in allen Formen und Farben, in allen Größen und Längen. Manche sammeln es, je nach Herkunft hängen manche ein "s" dran, manche reden es auch, und meist ist es dann dummes.

(Unter uns und in Parenthesen: Kennen Sie Christoph Ploß von der CDU? Sagt Ihnen der Name etwas? Wenn nicht, macht nichts. Wenn doch: Auch gut.)

Wenn Sie von diesem Zeug eine Ahnung haben, dann wissen Sie sicher auch Bescheid über Dings. Dings ist ein sprachlicher Platzhalter, ein Dings ist alles und nichts. Wer das Wort kennt und anwendet, braucht nie wieder, das weiß man, nach einem anderen Substantiv zu suchen. Wir sind umgeben von Zeug und von Nubsis und ständig ist da auch dieser Dings, dieser, na, jetzt fällt's mir gerade nicht ein, es liegt mir auf der Zunge, dieser, dieser, ach ja: Dieser Niedergang. Der Sprache. Also dieser Niedergang, der geschützt werden muss. Nein, Quatsch, natürlich muss nicht der Niedergang geschützt werden, sondern aufgehalten. Denn sonst kämen wir ja wohin. (Es ist zwar noch nicht abschließend geklärt, wohin genau, aber wir haben uns vorsorglich schon einmal auf den Weg gemacht.)

(Christoph Ploß ist 35 Jahre alt, also beinahe ein alter Hase. Er ist Vorsitzender der CDU Hamburg, findet die Grünen nur so mittel und sieht überall die Antifa und die Linksextremisten durchs Land marodieren. Er gilt als konservativ. Und mag Friedrich Merz.)

Nun könnte man von Lese- und Schreibkompetenz sprechen und von Büchern und Medien und natürlich von Kommunikation. Von Codes könnte man sprechen, restringierten, elaborierten, geknackten, bekackten, beschmutzten, genutzten. Von Worten auf Feldern, Parketts und Terrains. Und von der Académie française könnte man sprechen, von den Franzosen, die man gerne anführt, die sehr viel Wert auf ihre Sprache legen, denen es ernst ist, die nicht lange fackeln, die einfach eine Ansage machen: Zack, Ruhe, ordinateur, nix Computer!

(Dr. Ploß hat früher einmal, also Anfang der Woche, gefordert, das Gendern zu verbieten, nicht unbedingt am Abendbrottisch, aber zumindest bei staatlichen Stellen. Denn die gendergerechte Sprache sei künstlich, grammatisch (sic!) falsch und ideologisch motiviert.)

Inzwischen wissen wir alle, dass das nicht so einfach ist: So eine Sprache lebt, weil sie angewendet wird. Sie wird gesprochen und deshalb verändert sie sich und häufig sogar schneller als mann möchte und plötzlich reden diese jungen Leute unverständliches... äh... Zeug. Da bleiben Präpositionen auf der Strecke, Verben werden verkürzt, Casus (bitte mit langem "u" aussprechen, das Wort steht im Plural) werden vertauscht, da tauchen Vokabeln auf, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, da steigt ein Baum und dann gibt's ja auch noch Geschlechter.

(Der Abgeordnete Ploß fordert seit kurzem, also seit gestern, kein Verbot des Genderns mehr, sondern verlangt von staatlichen Stellen, sich an die Grammatik zu halten. So ist das nicht weniger als ein linguistischer Beleg dafür, dass die Verbotspartei eine andere ist.)

In einer Welt voller Zeug und Dings beklagen wir den Sprachverfall, weil einige Sprecher auf Endungen verzichten, einige andere bunt und fröhlich Entlehnungen aus dem Englischen, Japanischen und Arabischen einstreuen und wieder andere gerne Sprechende wären. Die lautesten Klagelieder singen wohl jene, die nicht in der Lage sind, die Sprache, die uns allen gehört, so anzuwenden wie sie es von allen anderen verlangen. Nein, ich lache nicht über Rechtschreibfehler oder einen schrägen Satzbau: Ich will dich nur verstehen.

(Es ist nicht verwunderlich, dass Herr Ploß auf den fahrenden Zug des Nicht-Genderns aufspringt: Was könnte uns denn näher sein als das Werkzeug, das wir alle mehr oder weniger gut beherrschen? Zu dem jeder eine Meinung hat, ja: haben muss, weil es uns alle angeht. Ein Wahlkampfthema, an dem man sich reiben kann, ohne sich ernsthaft zu verletzten. Ein Thema, von dem meine keine Ahnung haben und keine Experten zu Rat ziehen muss. Ein Thema, das zulässt, dass jede*r mitreden kann, weil alle glauben, Bescheid zu wissen.)

Der Weg ist lang. Die Reise hat kein Ziel, es verschiebt sich. Wer glaubt, zurückgehen zu müssen, wird nur wieder am Anfang landen. Vielleicht laufen wir im Kreis, stolpern über Steine, holen das unnütze Zeug aus dem Rucksack und packen sinnvolle Dinge hinein. Ein Blick in ein Buch hilft. Eine Frage nach der Bedeutung. Das ehrliche Interesse nach dem Befinden: Wie geht es dir, wenn ich das sage oder schreibe? Sprich mit mir. Sprich wie du magst, aber wenn ich dir wichtig bin, dann sei nicht so stur und verbohrt.

Den Genderstern finde ich übrigens enervierend und ennuyierend. Er ist monovokal: Drei "e", kein anderer Selbstlaut. Eingeweihte wissen um die Gefahr. Binnenkapitale und Unterstrich verfehlen das Ziel um Längen. Es muss sich etwas Besseres finden lassen. Es wird.

(Wer meint, dass ein Stern unser Seelenheil und unsere bloße Existenz infrage stellt und bedroht, der täuscht sich. Es denkt sich nicht klar, wenn das Blut in den Adern pocht. Wut ist kein guter Ratgeber, auch kein nachhaltiger Motivator. Fallen Sie nicht herein auf Christoph Ploß, seine Mentoren und die anderen älteren Herren: Wer seine Sicht auf ein einzelnes Zeichen fokussiert, verliert den Blick für alles andere. Sie werden blind sein für das, worauf es wirklich ankommt. Sie werden nicht merken, dass die wichtigen Inhalte fehlen. Dass Ihnen Geschichten erzählt werden. Dass es kein Programm gibt. Und Sie werden vergessen, dass wir über Wochen und Monate hingehalten und an der Nase herumgeführt wurden.)

Es geht doch gar nicht um Gemeinheiten, die man unserer Sprache antun möchte. Auch nicht darum, dass Texte kompliziert werden und Studierende und Schüler_innen überfordert seien. Es geht um Deutungshoheit und Dominanz, um Ablenkung und Legerdemain.

So viele Worte oder sind es Wörter? So wenig Zeit und so viel zu lesen: tl;dr, schon okay, und dabei wurde noch nichts gesagt darüber, worum es bei diesen ominösen "gender studies" geht, für die unser Steuergeld verpulvert wird, denn das weiß ja niemand so ganz genau, oder?

Nehmen Sie das alles nicht zu ernst. Und sich selbst erst recht nicht. Ja, das gilt auch für Sie. Und für Sie.

Wir sollten Vorschläge sammeln und darüber reden. Ein Sternchen ist doch nicht alles, es ist eine Übergangslösung. Selbst wenn die Vorsitzende irgendeines Sprachclubs irgendwas sagt, schön und gut, aber auch das ist nicht das Maß der Dinge. Einzelne Aussagen taugen nicht als Beweis und Grundlage, das sind Ausreden. Wir werden zueinander finden. Ich bin zuversichtlich.

Im Kühlschrank wartet ein kaltes Dings, na, Bier auf mich. Ich pack mein Zeug und mach mich vom Acker, obwohl wir ja noch gar nicht über das Gendern beim Sprechen geredet haben. Sei's drum. Jetzt machen wir einfach eine Pause.