Ein Kommentar von Annette Bulut

Die Coronakrise ist auch eine tiefe Krise des deutschen Journalismus. Wenn Lobbyisten sich als „normale Bürger“ in ´zig Medien weitgehend unbehelligt darstellen können, dann stimmt etwas nicht. Das unzureichende Pandemie-Management haben wir nicht nur etlichen Politikern aller Parteien zu verdanken. Einige Redaktionen und einzelne Journalisten haben - wie Gunnar Hamann in einer detaillierten Analyse jetzt beweist - gewollt oder ungewollt ihren Teil dazu beigetragen.

Der Virologe Prof. Christian Drosten hat die Medien kürzlich in seiner Rede bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises zur Selbstreflexion aufgefordert, denn: „Unsere Realität ist das, was Medien uns spiegeln“.

Der SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker beschreibt die aktuelle Kluft zwischen verzerrter Wahrnehmung und echtem Meinungsbild auf Twitter sehr treffend. Er stellt fest: Die deutschen Medien sind schlecht „immunisiert“ gegen konzertierte Scheinriesen-Propaganda.

Das Thema Scheinriesen-Propaganda führt mich zum Umgang etlicher Medien mit der „Initiative Familien“ (IF), früher Familien in der Krise #noFidK. Weitgehend unbehelligt und mit höchstem professionellen PR-Einsatz sowie erstaunlichen Kontakten in Redaktionen und Politik hinein, hat die wenige Mitglieder umfassende #Kindertruppe es erschreckend leicht geschafft die selbst proklamierte Meinungsführerschaft für Eltern in der öffentlichen Wahrnehmung zu übernehmen.

Ihre Sprecherin Zarah Abendschön-Sawall, die vor wenigen Wochen nachweislich eine Demo in Stuttgart mit Querdenkern gemeinsam organisierte, ist inzwischen eine feste Größe in vielen Redaktionen - nicht nur in öffentlich-rechtlichen Redaktionen. Sie wurde mehrfach als „besorgte Mutter“ dargestellt und nicht als Lobbyistin und Aktivistin.

Wenn sogar öffentlich-rechtliche Sender das dennoch irgendwie rechtfertigen, dann muss es einen gesellschaftlichen Aufschrei geben. Ein erster wichtiger Schritt ist die Programmbeschwerde von Michael Oberst für die Berichterstattung von ARD Extra.

Die nachgewiesene eklatante false balance ist kein Journalismus. In einer lebensbedrohlichen Krisensituation müssen Journalisten den Hintergrund von „Experten“ besonders kritisch ausleuchten und ihre Meinung hinterfragen. Ansonsten ist Lobbyisten Tür und Tor geöffnet die öffentliche Meinungsbildung nach ihrem Gusto zu beeinflussen.

Und das wäre für den medialen Umgang mit der viel größeren globalen Krise, der Klimakrise, eine wirklich fatale Entwicklung.