Im Donbass wird wieder geschossen. Mainstreammedien und Politiker zeigen sich überrascht und sprechen von einer unerwarteten Eskalation. Doch diese Einschätzung ist grundlegend falsch. Die Anzeichen stehen bereits seit Ende 2020 auf Sturm. Ein chronologischer Überblick.

Die Eskalation im Osten der Ukraine ist für viele Mainstreammedien und Politiker überraschend gekommen. Plötzlich wird wieder geschossen, plötzlich bewegen sich russische Truppen entlang der ukrainischen Grenze, so die "Message", die vermittelt wird. Diese "Message" entspricht nicht der Realität – bereits seit Monaten mehrten sich böse Vorzeichen. Seit Ende 2020 wurden aus Vorzeichen schon Gewissheiten, trotzdem schwiegen die Massenmedien.

Der Wendepunkt in der neuen Eskalation scheint der Karabach-Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien im Herbst 2020 zu sein.

Was der Karabach-Krieg mit der aktuellen Eskalation im Donbass zu tun hat

Im Herbst 2020 brach im Südkaukasus der Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan los. Es war die stärkste Eskalation seit dem Karabach-Krieg von 1994, sodass der Konflikt bereits zum "Zweiten Karabach-Krieg" getauft wurde.

Der Konflikt stellte die Lage im Südkaukasus auf den Kopf. Die abtrünnige "Republik Arzach", die de facto von Armenien kontrolliert wurde, schien eigentlich eine kaum überwindbare Verteidigung in der Gebirgsregion zu haben, doch sie wurde von der aserbaidschanischen Armee innerhalb von wenigen Wochen in die Knie gezwungen.

Durch den Einsatz von schwerer Artillerie, kleineren mobilen Kampfeinheiten sowie vor allem durch den massiven Einsatz von Angriffsdrohnen aus türkischer und israelischer Produktion wurden die armenischen Verteidigungslinien zermalmt. Aserbaidschan holte sich die meisten im Jahr 1994 verlorenen Gebiete wieder und löste auf militärischem Wege ein Problem, das seit Jahrzehnten absolut festgefahren schien.

Mehr zu dem Konflikt und wie Aserbaidschan es mit Drohnen gewinnen konnte, gibt es hier:

-        Eskalation in Bergkarabach: Ein Überblick über den Konflikt im Kaukasus

-        Kriegsende in Bergkarabach: Warum Türkei und Russland die wahren Gewinner des Konfliktes sind – eine Analyse

-        Ein neues Kapitel in der Kriegsführung? Was die Konflikte in Syrien, Libyen und Karabach über Kampfdrohnen verraten

Der Erfolg von Aserbaidschan wurde aufmerksam in der Ukraine verfolgt, die die selbst erklärten Donbass-Volksrepubliken LDNR schon länger als ähnlich zur "Republik Arzach" betrachtete. Der schnelle Sieg der aserbaidschanischen Truppen über die abtrünnige Region im Südkaukasus beflügelte die Falken in Kiew. Noch bevor die Waffenruhevereinbarung zwischen Armenien und Aserbaidschan unterzeichnet wurde, forderten radikale politische Gruppierungen in Kiew das "Karabach-Szenario für den Donbass" – ein schneller Vorstoß, flankiert von massivem Einsatz von Angriffsdrohnen, der die "Donbass-Republiken" in die Knie zwingt und das jahrelange Problem innerhalb von wenigen Wochen löst.

In anderen Worten: Schon im OKTOBER 2020 gab es Anzeichen, dass Kiew die Lage an der Trennlinie im Donbass zu seinen Gunsten wird verändern wollen.

Und in der Tat. Schon im Oktober 2020 (also noch während des Karabach-Konfliktes) eilte der ukrainische Präsident Selenski in die Türkei, um sich die Bayraktar-Drohnen zuzusichern, die maßgeblich zum aserbaidschanischen Sieg über "Arzach" beigetragen haben.

Türkische Spezialisten wurden in die Ukraine eingeladen, um zügig das Drohnen-Personal zu trainieren. Das Motiv wurde erst gar nicht verheimlicht. Ukrainische Offizielle erklärten offen, dass die Angriffsdrohnen für den Donbass eingekauft werden. Schon damals wurden Warnungen laut, dass diese Politik zu einer Eskalation im Donbass führen wird, doch die Warnsignale wurden mit dem Totschlagargument abgetan, es sei alles "Propaganda".

Ende November 2020 verschärfte sich der Ton in Kiew. Ukrainische Offizielle erklärten, dass der diplomatische Prozess im Donbass halbtot sei. Kiew habe daher nun "einen Plan B für den Donbass". Schon damals wurde vermutet, dass der "Plan B" eine militärische Lösung für den Konflikt nach dem Karabach-Szenario vorsieht – angesichts der aktuellen Eskalation scheinen sich diese Vermutungen zu bestätigen.

Zeitweise hielt man es für möglich, dass die Eskalation sogar noch bis Ende des Jahres 2020 kommen wird. So schnell trat sie nicht ein…die Vorbereitungen brauchten offensichtlich etwas länger.

In der Tat, es blieb nämlich nicht bei den Drohneneinkäufen. Vom Herbst bis Winter 2020 trainierten ukrainische Truppen extensiv „Offensivoperationen“, Panzervorstöße und „Gefechte unter Stadtbedingungen“.

Seit wann die Truppen verlegt werden

Nachdem sich die Ukraine die Angriffsdrohnen aus der Türkei holte, Angriffsoperationen einübte und die eigene Bevölkerung auf den "Plan B" einstimmte, kam schließlich die Truppenverlegung.

Die ersten auffälligen Truppenverlegungen kamen bereits im Dezember 2020. Seit Ende Februar wurden die ukrainischen Truppenkolonnen aus der Zentralukraine in Richtung Donbass immer massiver. Ab Anfang März konnte nur noch ein Blinder (oder eben die Mainstreammedien) die offensichtlichen Truppenverlegungen im Rahmen größerer Offensivvorbereitungen nicht bemerken.

Ganze Züge brachten wochenlang Panzer, Artillerie, Transporter etc. an die Trennlinie.

Die Videos der Truppentransporte waren zahlreich und leicht aufzufinden. Mainstreammedien schenkten ihnen dennoch kaum Beachtung. Auch damals galt das Motto – jegliche Hinweise auf mögliche Offensivvorbereitungen der ukrainischen Truppen seien "Propaganda".

Selbst als bereits Mitte März die ukrainische Armee in die volle Gefechtsbereitschaft versetzt wurde und die ukrainischen Offiziere offen erklärten, nur noch auf den Befehl zu warten, blieb es bei den MSM stumm.

Die Massenmedien schwiegen beharrlich weiter...bis Russland angefangen hat, seine Truppen Anfang April zu bewegen.

Ab dem Moment gab es kein Halten mehr. Russland eskaliere den Konflikt, weil es Truppen bewege, so der übereinstimmende Rote Faden. Besonders absurd zeigten sich da (wie in vielen Fällen eigentlich) die britischen Medien. Die Sun spekulierte allen Ernstes über den Dritten Weltkrieg, weil Putin Anfang April 4.000 Mann innerhalb Russlands verlegte.

Wo all diese empörten Rufe waren, als Kiew schon seit Monaten offen eine Offensivoperation für den Donbass vorbereitete und seit Wochen Hunderte Einheiten schwerer Militärtechnik, darunter solche die ausdrücklich von den Minsker Vereinbarungen verboten sind, an die Trennlinie in den Donbass brachte, ist eher eine rhetorische Frage.

Wie es weitergehen könnte

Die empörten rein einseitigen Überschriften der Boulevardblätter über russische Truppenbewegungen sind auch deshalb so absurd, weil Russland jeden April landesweit Truppen verlegt, und zwar aus zwei Gründen:

1.      Im April finden die jährlichen landesweiten Überprüfungsmanöver statt. Russische Truppen trainieren quer durch das Land vom Südwesten bis nach Kamtschatka.

2.      Im April beginnen die Vorbereitungen für die Siegesparaden in russischen Städten am 09. Mai. Parade-Militärtechnik wird aus ihren Standorten in die Nähe von Städten verlegt.

Und doch sind dieses Mal auch die russischen Truppenverlegungen anders - vor allem weil sie demonstrativ, absolut unverdeckt und mit viel medialem Tramtam durchgeführt werden. In anderen Worten:

Moskau WILL, dass die Truppentransporte gesehen und diskutiert werden, auch und gerade diejenigen in der Näher der ukrainischen Grenzen.

Diese Transporte sind aus militärischer Sicht geplante Routine, aus politischer Sicht aber eine klare "Message" an Kiew: Moskau lässt die selbst erklärten Donbass-Republiken nicht fallen. Obwohl der offizielle Kreml eher wenig Konkretes über die eigenen Reaktionsoptionen aussagt, zeigen die Aussagen von russischen Parlamentariern deutlich, wie die politische Stimmung in Moskau derzeit ist. Russland nehme sich das Recht vor und werde es auch umsetzen, seine Bürger im Donbass zu beschützen, so Stellungnahmen aus der Duma, dem russischen Parlament. In den letzten Jahren haben nämlich Hunderttausende Donbass-Bewohner die russische Staatsbürgerschaft angenommen.

Gerade angesichts dieser klaren Ansagen und der demonstrativen Truppentransporte könnte die Chance bestehen, dass der Krieg eben NICHT ausbricht. Sollte es in Kiew die Illusion gegeben haben, dass Moskau im Falle einer ukrainischen "Operation nach dem Karabach-Szenario" untätig bleiben wird, dürfte sie nun vorbei sein. Diese Offensive, von der die Falken in Kiew seit Monaten fabulieren, wäre höchstwahrscheinlich ein politischer und militärischer Selbstmord, das dürfte nun deutlich geworden sein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich der Westen äußerst zurückhaltend verhält. Außer allgemeinklingenden Solidaritätsbekundungen und mittlerweile ausgeleierten Sanktionsdrohungen kam eher wenig Konkretes. Der Westen zeigt, dass er kaum bereit ist, für die Ukraine in einen Krieg zu ziehen. So ähnlich, wie er auch nicht bereit war, im Jahr 2008 für Georgien in den Krieg zu ziehen, als es Südossetien angriff und einen verheerenden russischen Gegenschlag provozierte.

Diesen verheerenden Krieg 2008 hatte Georgien, angestachelt von USA, begonnen – das musste später auch der Westen einsehen. Selenski sollte den Fehler von Saakaschwili nicht wiederholen.

Wie George W. Bush den Saakashwili zu einem Krieg gegen Russland überredete...und wie es endete

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