Ein Kommentar zur Aufweichung der Impfreihenfolge in Bayern

Nach der desaströsen Verschleppung aller möglichen Probleme bei der  Krisenbewältigung befinden wir uns nun in einer Phase der Pandemie, die  immer mehr von Verteilungskämpfen gezeichnet ist. Zu Beginn des Jahres  waren es die FFP2-Masken, die knapp waren und bis heute sind sie nicht  für alle erschwinglich. Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten  nutzen daher oft herkömmliche OP-Masken und sind damit selbst nicht vor  Infektionen geschützt. Auch um Schnelltests lieferte sich manch eine*r  Schlachten beim Discounter, denn es existiert zwar angeblich eine  Teststrategie, die zugehörigen Tests sind aber leider nicht verfügbar.  Nichtsdestotrotz wurde die „Taskforce Testlogistik“ aus Spahn und  Scheuer wieder auf Eis gelegt, da sie ihre Aufgaben erfüllt habe, wie  vergangene Woche bekannt wurde.

Die beiden härtesten Schlachten werden in der Pandemie um das  Kontaktbudget und um die Impfstoffe geführt. Um das Kontaktbudget, da  jeder Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter ins Büro zwingt, irgendwo  anders Menschen ihrer Kontaktmöglichkeiten beraubt. Denn, wenn der  R-Wert nicht weiter steigen soll, dann muss die Anzahl der Kontakte in  der Gesellschaft unterm Strich gleichbleiben oder reduziert werden. Jede  Maske, die im Arbeitsalltag nicht getragen wird und jedes gemeinsame  Mittagessen unter Kolleg*innen gehen also auf Kosten eines Kindes, das  nicht in die Schule gehen kann oder von Großeltern, die ihre inzwischen  einjährigen Enkel noch nie persönlich getroffen haben (letzteres in der  eigenen Familie für euch ausprobiert).

Dass der Impfstoff zu Beginn der Impfkampagne sehr knapp sein würde,  wurde von Anfang an sehr schlecht kommuniziert. Die Haltung und die  Vorgehensweise der Politik vergangenen Herbst vermittelte vielmehr den  Eindruck, dass die Corona-Krise mit dem Impfstart am 27. Dezember für  Deutschland erledigt sein werde. Dass dem nicht so ist, wurde schnell  klar. Nach all dem schlechten Krisenmanagement und den Entwicklungen  rund um Impf- und PCR-resistente Mutationen, können wir froh sein, wenn  wir die Krise bis Ende dieses Jahres im Griff haben werden. Ich sage „im  Griff“ und nicht „überwunden“, da Kinder voraussichtlich erst im  nächsten Jahr geimpft werden können, so lange geht die Pandemie also für  Kinder und deren Angehörige weiter.

Da Impfstoff nun also ein knappes Gut ist, hat die STIKO gemeinsam  mit dem Deutschen Ethikrat und der Leopoldina eine Impfreihenfolge  erstellt, welche die Verteilung regeln soll. Nach ethischen Kriterien  und nach epidemiologischer Sinnhaftigkeit. Und genau in dieser Zeit, in  der die Dritte Welle sich immer weiter aufbaut und Virolog*innen und  Modellist*innen für Mai vor Horrorszenarien mit mehreren hunderttausend  Neuinfektionen pro Tag warnen, während die Politik weiter tatenlos  zusieht und nichts unternimmt, kommt von der Bayerischen Landesregierung  die Meldung, dass die Impfreihenfolge in Bayern aufgeweicht werden  soll.

Unter dem Deckmantel der Flexibilität und Schnelligkeit, möchte man  nun ab Mitte April in ausgewählten großen Betrieben alle durchimpfen,  ohne Rücksicht auf die Priorisierung, wie sie in der nationalen  Impfstrategie eigentlich vorgeschrieben ist. Das Ganze nennt Söder  „Modellprojekt“. Was soll ich sagen, Modellprojekte haben in diesen  Tagen nicht unbedingt den besten Ruf. Während also vulnerable Gruppen,  Risikopatient*innen und unsere Eltern Ü 70, die seit einem Jahr zu Hause  sitzen und aus Angst vor einer schweren Erkrankung kaum mehr das Haus  verlassen, weiter warten, möchte Söder jetzt also genau jene Wirtschaft  mit einem großzügigen Impfangebot bedenken, die seit einem Jahr durch  Opfer vieler gesellschaftlicher Gruppen (seien es Künstler*innen,  Kleinunternehmer*innen oder Familien) immer weiter Profite einfahren  konnte (der Dax hatte erst unlängst ein Rekordhoch von 15.000 Punkten zu  verbuchen).

Bereits die Verteilung der Lasten in der Pandemie ist eine  Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit. Sie geht auf Kosten der  Ärmeren, die sich häufiger Infizieren und häufiger schwer erkranken und  somit natürlich auch häufiger an Corona sterben. Sie geht auf Kosten von  Risikopatient*innen und Schattenfamilien, die seit einem Jahr in  Isolation leben. Sie geht auf Kosten von Familien, wobei die Kinder  Monate lang nicht in Schulen und Kita gehen dürfen und Eltern –  insbesondere Frauen – sich zu Hause zwischen Homeoffice, Kinderbetreuung  und Homeschooling zerreißen. Sie geht auf Kosten von Kunst und  Gastronomie, die sich seit November ohne Pause im Lockdown befinden. All  das zugunsten „der Wirtschaft“, die bis heute keine Homeoffice-Pflicht  kennt und vielerorts noch nicht mal zum Masken tragen angehalten wird.

Wenn jetzt auch noch all die gefährdeten und belasteten Gruppen ihre  Impfdosis an eine*n Mitarbeiter*in in einem großen Konzern abtreten  müssen, unter dem Vorwand, man wolle die Impfung beschleunigen (man  sollte lieber zusehen, wie man den Stoff schneller zu den  Risiko-Patienten bekommt), dann sehe ich den sozialen Frieden in diesem  Land inzwischen ernsthaft gefährdet. Denn die Pandemie fühlt sich mehr  und mehr nach Klassenkampf an. Da kommt Margarete Stokowskis  Streik-Aufruf in der Spiegel-Kolumne gerade zur rechten Zeit. Denn, was  soll ich sagen Herr Söder, man kann in diesen Tagen nicht jede  Unterwanderung von gesellschaftlichen Vereinbarungen als „Modellprojekt“  maskieren. Auch dann nicht, wenn einem nahestehende Personengruppen  dann schneller an eine Impfung kommen.

Söders jüngster Vorstoß, nun auch jüngere Politiker*innen an der  Priorisierung vorbei zu impfen, um die Funktionsfähigkeit der Parlamente  angesichts steigender Gefahr durch die neuen Corona-Varianten zu  gewährleisten, mutet da schon fast skurril an. Denn man muss es sich mal  auf der Zunge zergehen lassen: Diejenigen, die nichts unternehmen  wollen, um die Bürger*innen zu schützen, sollen jetzt, ob der größer  werdenden Gefahr, priorisiert geimpft werden.

Foto: Robert Metz

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