Für mich haben die Texte von Künstlern wie Trettmann einen größeren Wert als Goethes Werke, wobei ich hier den Wert anders bemesse. Natürlich übersteigen Goethes Texte in ihrer literarischen Bedeutung die eines Trettmanns um ein Vielfaches. Aber, wie viele Menschen erreicht Goethe überhaupt noch mit seinen Worten (zumindest freiwillig)? Unabhängig davon, ob das jetzt gut oder schlecht ist, ist es nun mal Fakt, dass heute viele, vor allem jüngere Menschen, einen Tretti besser verstehen können als einen Goethe. Zudem sind immer mehr Menschen immer weniger dazu in der Lage, sich so auszudrücken wie sie gerade fühlen und denken – zumindest ist das in Deutschland der Fall. Künstler wie Trettmann können demnach Worte für unterschiedlichste Sachverhalte finden, für die einem selbst oft die Worte fehlen.

Sowohl Goethe als auch Trettmann beschäftigen sich dabei (je nach Lebensphase mal mehr und mal weniger) mit der Frage nach der Beziehungsfähigkeit eines Menschen. Und, wenn ich mir mal so die Texte der beiden durchlese, habe ich nicht unbedingt das Gefühl, dass sie eine Antwort auf diese immerwährende Frage finden konnten. Auch, wenn sich die Beziehungsverhältnisse über die letzten 200 Jahre stark verändert haben, das Grundproblem ist immer dasselbe. Also liegt diese Schwierigkeit sich zu binden, sich in gewisser Weise zu finden, vielleicht weniger an unserer Generation, sondern handelt es sich hier nicht vielmehr um eine generelle Behinderung des Menschen? Ist der Mensch von Natur aus nicht beziehungsfähig? Weil es womöglich seiner Natur nicht entspricht? Ich bin kein Biologe und kann diese Fragen demnach nicht beantworten (zumal ich es schwierig finde so zu argumentieren, da ich solch deterministische Denkweisen ohnehin nicht als zielführend erachte). Aber wenn ich in meinem Leben etwas gelernt habe, dann die Notwendigkeit zunächst einmal bei sich ganz allein anzusetzen und sich zu fragen, ob es vielleicht an einem selbst liegen könnte, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und daran anschließend nach in seiner Macht liegenden Lösungen zu suchen – und im Grunde liegt sehr viel in unserer Macht. Wir müssen es halt nur mal machen und aufhören nur darüber nachzudenken. Wir müssen aktiv werden.

Das Suchen und Finden beschränkt sich für mich aber nicht nur auf Beziehungen. Ganz im Gegenteil habe ich an diesen Kontext anfangs eigentlich überhaupt nicht gedacht bis mich ein paar Leute nach meiner Umfrage auf Instagram, ob einem persönlich das Suchen oder das Finden wichtiger ist, darauf angesprochen haben. Das zeigte mir aber auch, wie grundlegend diese Frage eigentlich in so vielen unterschiedlichen Lebensbereichen ist. Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass wir uns im Grunde unser ganzes Leben lang irgendwo zwischen den beiden Eckpfeilern des Suchens und des Findens hin und her bewegen und uns hier in einem komplexen Geflecht aus unterschiedlichsten Variablen ständig neu zu positionieren versuchen. Klingt vielleicht gerade ein wenig kompliziert, aber das Leben ist nun mal auch kompliziert. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es einfacher wird.

Gleichzeitig fühlt es sich aber irgendwie so an, dass immer mehr Menschen begreifen, dass es nur besser werden kann, wenn man aktiv etwas unternimmt und handelt. Weltweit gehen Menschen auf die Straßen. Es finden Massenbewegungen statt, die es in dieser Form lange nicht mehr gab. Schaut man nach Lateinamerika oder Hongkong sieht man viele junge Menschen, die trotz einer harten Politik und drohenden Inhaftierungen für ihre Rechte und vor allem für ihre Werte unermüdlich kämpfen. Natürlich kann man die Lebensumstände und die politische sowie wirtschaftliche Lage in diesen Regionen nicht mit der in Deutschland vergleichen, aber muss man erst immer so lange warten bis es knallt und es deutlich schwieriger wird, etwas zu unternehmen und umzukehren? Ist es vor allem nicht ein bisschen egoistisch erst dann aktiv zu werden, wenn es einen selbst direkt betrifft (vor allem betreffen uns viele globale Probleme ja auch schon jetzt indirekt, auch wenn wir privilegierten Deutschen davon noch nicht so viel merken, zumindest die Mittel- und Oberschicht nicht in dem Maße davon etwas mitbekommt). Man müsste aber nur mal die Augen öffnen, um zu sehen, dass auch in Deutschland einiges schief läuft und an vielen Fronten Handlungsbedarf besteht und sich insbesondere politisch eine Entwicklung abzeichnet, die Sorgen bereiten muss. Aber gerade Letzteres ist so absurd. Uns geht es eigentlich immer noch im internationalen Vergleich mehr als gut (und im nationalen Vergleich besser als je zuvor) und trotzdem wählen immer mehr Menschen eine zum Großteil rechtsextreme Partei. Und das hauptsächlich nur wegen der ominösen, bösen Ausländer (von denen es in den Regionen, in denen die Rechten die meisten Stimmen bekommen, ironischerweise kaum welche gibt). Man erschafft so Probleme, die es eigentlich auch nicht gibt, während man die tatsächlich existierenden Probleme nicht konsequent genug angeht. Es muss also ein strukturelles Problem in diesem Land vorliegen, das uns von den Menschen in Lateinamerika oder Hongkong grundlegend unterscheidet.

Ich glaube es hat viel mit der Geschichte, mit dem Umgang mit dieser und mit der Einstellung vieler hier lebenden Menschen zu tun (und noch mit tausend anderen Dingen, die hier allerdings gerade nicht so entscheidend sind und die in meinen vorherigen Texten auch schon eingehend thematisiert wurden). In anderen Ländern brauchen die Menschen weniger, um glücklich zu sein. Gleichzeitig werden die Menschen aktiv, wenn ihnen so viel genommen wird, dass es immer schwieriger wird, ein glückliches Leben führen zu können. Und sie bleiben dann auch so lange aktiv, bis sich etwas ändert. Hier in Deutschland allerdings geht es vielen, glaube ich, einfach viel zu gut – oder eben nicht, je nachdem aus welcher Perspektive man das betrachtet. Anstatt aber die Fehler bei sich zu suchen und aktiv zu werden, ist es bequemer, andere für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich zu machen oder es wird halt einfach wie immer nichts getan – bis was passiert, wovon im Nachhinein aber natürlich wieder niemand etwas gewusst haben will. Du denkst ich ziehe Parallelen, wo es keine Parallelen gibt? Weißt du was? Es gibt nicht nur Parallelen, ich erkenne sogar eine Konstante: Einen Deutschen Sonderweg.

Was ist mit dir los Deutschland? Ich denke du hast ein ernsthaftes Problem, was dir aber nicht so recht bewusst zu sein scheint. Dieses Problem ist so tiefverwurzelt, so komplex und so deutsch, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, wie du das jemals dauerhaft in den Griff kriegen sollst. Du hast schon wieder vergessen, worum es eigentlich geht, fühlst dich aber auch einfach nicht davon betroffen bzw. dafür zuständig. Ist ja auch, wie die Vergangenheit, alles (noch) sehr weit weg und dir geht es ja auch noch gut. Dir wird es als Deutscher vermutlich auch noch recht passabel gehen, wenn die AfD an die Macht kommen sollte, zumindest am Anfang. Aber ist das nicht eine ziemlich egoistische und schwache Haltung? Ich meine Hitler kam damals auch durch die Passivität, das Schweigen und das Wegschauen eines Großteils der deutschen Bevölkerung an die Macht und im Nachhinein konnte da auch niemand verstehen, wie das nur passieren konnte in einem schon damals so vergleichsweise fortschrittlichen und aufgeklärten Land, wie Deutschland, einem Land der Dichter und Denker. Niemand von den unzähligen schweigenden, feigen Mitläufern wollte davon wissen. Niemand wollte darüber reden. Am liebsten würde man dieses Kapitel aus der deutschen Geschichte einfach streichen, so als wenn es nie passiert wäre. Aber ich erzähle dir jetzt mal was: Ich war Anfang letzten Jahres in Auschwitz-Birkenau und ich habe gesehen, gehört, gespürt und verstanden, was passiert ist. Wozu Menschen fähig sein können. Das hat mich und meine Einstellungen nachhaltig verändert. Auch wenn ich selbst nach einer 6-stündigen Tour durch diesen für mich persönlich schlimmsten Ort auf Erden nicht im Entferntesten dazu in der Lage sein kann, zu greifen, was passiert ist, so habe ich verstanden, was passiert ist, und verstanden, dass es immer wieder passieren kann, solange es Menschen gibt. Weil Menschen dazu fähig sind und weil Menschen so etwas schon einmal nicht verhindert haben und auch aktuell vielerorts nicht verhindern. Klar, kann sich das hier in Deutschland niemand vorstellen, aber meint ihr die syrische Bevölkerung konnte sich vor einigen Jahren vorstellen, was nun seit Jahren in ihrem Land vor sich geht und Realität geworden ist? Oder meint ihr die Uiguren konnten sich vorstellen, dass sie vor den Augen der restlichen Welt in chinesischen Lagern festgehalten werden, während sich unsere Regierungen nur heuchlerischer Floskeln bedienen, um bloß keine wirtschaftlichen Einbußen befürchten zu müssen? Und es ist auch schon hier passiert. Vor noch nicht einmal 80 Jahren. Genau hier in Deutschland. Inmitten Europas. Und es passiert immer wieder und wird auch niemals aufhören, solange es Menschen gibt.

Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (2019). Quelle: https://taz.de/Rechtsextremismus-in-Goettingen/!5633790/

Und dass gerade du Deutschland jetzt damit anfängst deine Vergangenheit und die von vielen für tot gehaltenen Geister wieder heraufzubeschwören, während ein anderer großer Teil wieder nur vor sich hin schweigt, wo es das Mindeste wäre etwas dagegen zu sagen, etwas dagegen zu unternehmen, ist mir unbegreiflich. Gleichzeitig passt es aber auch irgendwie zu diesem Land und seinem besonderen Weg. Aber bitte erzähle deinen Kindern dann später nicht wieder diese Märchengeschichten, in denen du dich fragst, wie es nur sein konnte, dass so etwas wieder passiert ist und dass du ja nichts davon mitbekommen hättest usw. Du bekommst es mit, tagtäglich. Du schaust einfach nur nicht hin. Aus Bequemlichkeit, Feigheit, Desinteresse, Scham, Dummheit, Naivität, ich weiß es nicht, aber du wirst deine Gründe haben. Vielleicht findest du die aktuellen politischen Entwicklungen hier aber auch gar nicht so schlimm, vielleicht begrüßt du sie ja sogar. Dann sei aber bitte wenigstens so ehrlich und besitze den Anstand es deinen Kindern später auch genauso zu sagen. Und zwar, dass du aus Überzeugung geschwiegen hast.

Vielleicht hast du aber auch einfach nur Angst, bist unsicher und weißt nicht, was du sagen und tun sollst. Ich frage mich, wovor hast du Angst? Hast du Angst davor, was die anderen womöglich von dir denken könnten, wenn du deine Meinung aussprichst? Hast du Angst davor Freunde oder Follower zu verlieren, wenn du für deine Werte einstehst, Haltung zeigst und Stellung beziehst? Hast du deswegen am besten einfach gar keine Meinung, bevor es womöglich die falsche ist? Versteckst du dich deshalb hinter deinen sich stets wiederholenden Posts und Stories, die nichts weiter als eine Fassade sind, die allmählich zu bröckeln beginnt? Deine Beiträge spiegeln nicht dich, sondern etwas ganz anderes wider. Etwas, was nicht mehr viel mit Mensch-Sein zu tun hat. Und das ist auch einer der Gründe dafür, warum Menschlichkeit für viele immer mehr zum Fremdwort wird. Dieser Zustand ist ein günstiger Nährboden für Parteien, wie die AfD, da er ihnen erst ermöglicht zu wachsen. Zum Glück gibt es aber sehr viele Menschen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und gegen dieses Wachstum ankämpfen, auch wenn es einem von den deutschen Behörden immer schwieriger gemacht wird. Aber sie kämpfen für ihre Werte. Sie haben Werte. Und was hast du?  

Albaniplatz Göttingen (ehemals „Adolf-Hitler-Platz“ und Ort der studentischen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933). Zitat stammt aus Heinrich Heines Tragödie „Almansor“ (1821)

Du musst ja jetzt für den Anfang keine Weltrevolution herbeiführen, aber fang doch zumindest mal an aktiv zu werden. Das kann man bereits im Kleinen tun und gerade das ist unglaublich viel wert. Jede noch so kleine Tat kann einen größeren Stein ins Rollen bringen, der wiederum einen noch größeren Stein ins Rollen bringen kann. Bitte werde dir dessen bewusst. Und das ist auch keine Frage von Zeit, sondern vielmehr eine Frage von Priorität und Einstellung. Wenn du dich aber bewusst dafür entschieden hast zu schweigen, weil du Höcke und seiner rechtsextremen Anhängerschaft zu folgen beabsichtigst, bitte ich dich darum mir das auch so ins Gesicht zu sagen. Dann muss dieses oberflächliche Getue auch nicht mehr sein und wir können anfangen, offen und ehrlich zu reden. Ich würde mir deinen Standpunkt auch gerne mal anhören, das aber auch nur, wenn du es (im Gegensatz zu vielen Politikern der AfD) aushältst, dir danach auch meine Argumente anzuhören, ohne dich direkt angegriffen zu fühlen. Könnte doch eine spannende und vielleicht sogar für beide Seiten gewinnbringende Diskussion werden? Vielleicht könnte daraus sogar eine freundschaftliche Beziehung entstehen? Denn ich bin davon überzeugt, dass selbst ein Björn Höcke nach einem gemütlichen Abend mit mir, bei einem Bierchen oder noch besser sehr viel Vodka, nie wieder etwas mit der AfD zu tun haben wollen würde. Wäre das nicht voll schön? Okay, ich träume schon wieder. Aber jetzt habe ich zumindest den Faden wiedergefunden und mache weiter mit mehr oder weniger angenehmeren Themen im zweiten Teil – und der Frage nach der Beziehungs(un)fähigkeit eines Menschen vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Frauen- und Männerbildes in unserer Gesellschaft.

(Dieser Text hier fühlt sich aber ohnehin ein bisschen so an, wie ein großes sich wandelndes Fettnäpfchen. Macht aber auch irgendwie Spaß, so ist nicht, auch wenn mir danach vermutlich wieder nach einem Gedicht oder Reiseliteratur zumute sein wird. Nur habe ich das Gefühl, dass es gerade einfach wichtigeres gibt, auch wenn es vielleicht nicht so viel Spaß macht, sowas zu lesen und darüber zu reden. Im Übrigen auch zu schreiben! Aber es muss einfach sein. Und das mehr als je zuvor. Auch wenn du das zu diesem Zeitpunkt womöglich noch nicht so richtig nachvollziehen kannst und die Dinge vielleicht anders siehst).

Kommentar: Wenn ich vor zwei Jahren das KZ Auschwitz-Birkenau nicht spontan auf dem Rückweg aus meinem Auslandssemester in Finnland besucht hätte, wäre dieser und weitere Texte auf meinem Blog wohl so nicht entstanden. Es zeigt mir, wie wichtig Erinnerungskultur und irgendwo auch Konfrontation ist. Und ich glaube, dass es im Nachkriegsdeutschland noch zu keinem Zeitpunkt wichtiger war, daran zu erinnern und sich dem zu stellen. Auch, wenn dies scheinbar vielen ein Dorn im Auge zu sein scheint. Umso wichtiger ist es aber dafür zu sensibilisieren, was im Hitler-Deutschland passiert ist. Und nein, wir sind nicht dafür verantwortlich, was passiert ist. Aber wir sind dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder passiert. Und man kann nicht die ganze Zeit die Augen davor verschließen, was passiert ist und – noch schlimmer – so tun, als wenn es nie passiert wäre. Es ist passiert und man kann etwas erst überwinden, vor allem den Hass, wenn man sich ihm stellt und die Konfrontation sucht. Alles andere ist Verdrängung, die wie in jedem anderen Fall auf Dauer zu einer ungesunden Dysbalance der psychischen Konstitution führen kann. Ob bei einem Einzelnen oder einer ganzen Nation.

Aus diesem Grund ist es mir ein besonderes Anliegen, diesen Text heute mit euch teilen zu können – zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die sowjetische Rote Armee. Irgendwo hat es auch mir ein wenig dabei geholfen, den Besuch vor zwei Jahren zu verarbeiten, da es wirklich nichts für schwache Nerven ist – insofern man der Stätte respektvoll und demütig begegnet. Auf jeden Fall hat es mich, vor allem rückblickend, einiges gelehrt und ich sehe es nun als meine Pflicht an, das an euch weiterzugeben.


(Bei dem Text handelt es sich um den 1. Teil einer Reihe, wobei sich die weiteren beiden Texte grundlegend von diesem unterscheiden. Ihr findet sie auf meinem Blog www.bibliothek-der-träume.de.)