Manchmal wundert es mich, oft beiße ich etwas frustriert in die Tischkante, wenn das Entweder-oder-Denken zuschlägt.

Beispiele gefällig?

Ich habe viele Jahre unterm Dach gewohnt. Darum haben Paketboten grundsätzlich nicht geklingelt. Sogar, wenn ich einen Zettel ans Klingelschild gemacht habe „Bin sicher da, komme sofort runtergaloppiert!“ wurde heimlich, still und leise eine Karte eingeworfen. Leider nicht angetroffen.

Nun ist die Debatte dazu komplex, und ja, es gibt durchaus nachvollziehbare Gründe, warum Paketzusteller lieber alles im Erdgeschoss loswerden und manchmal nicht mal das versuchen.

Das Thema erhitzt die Gemüter:

Dabei gibt es dann meist zwei Lager – doch ich frage mich, warum hier aufgerechnet wird. Ich kann durchaus sehen, was am gesamten System unfair ist. Ich kann es unmöglich finden und prinzipiell verstehen, warum eine immense Arbeitslast, Zeitdruck und unverschämt lausige Bezahlung begünstigen, dass man nicht klingelt. Gleichzeitig kann ich als Kunde sehr wohl drauf bestehen, dass ein Paketzusteller ein Paket wirklich zuzustellen versucht. Das ist sein Job.

Die Dinge sind immer komplex. Verschiedene Standpunkte sind normal und können uns bereichern. Das Entweder-oder-Denken jedoch führt zu Fronten und Scheuklappen. Es engt ein.

Das Einengen von Optionen

Ein weiteres Gebiet, wo sich viele das Leben unnötig begrenzen, sind Entscheidungen. Früher habe ich viele Entscheidungscoachings gemacht. Auch da ist mir ständig das Entweder-oder begegnet. Gerne zusätzlich aufgeladen mit einer vermeintlich sicheren Konsequenz:


-  Entweder ich mache xy jetzt oder gar nicht!
-  Entweder ich heirate meine Freundin oder trenne mich von ihr.
-  Entweder ich nehme diese Karrierechance wahr oder ich bekomme nie mehr so ein Angebot!


Ein Entweder/oder gaukelt die berühmte Weggabelung vor: Das ist jetzt so. Oder so. Es scheint sonst nichts zu geben. Gerade wenn wir Angst davor haben, etwas falsch zu entscheiden, drängeln sich die entsprechenden Gefühle dazwischen.

Vielleicht denkst du jetzt, Gefühle sind supi, man soll eh lieber auf den Bauch hören, damit Entscheidungen stimmig sind. Nö, sage ich: Für eine gute Entscheidung bist du gut beraten, erst mal den Kopf zu nutzen. Denn der kann – wenn wir ihn lassen – die Sache ausleuchten, weitere Optionen bringen und im ersten Schritt „übersetzen“, was der Bauch so meint. Intuition oder No-risk-no-fun sind dann super, wenn ich weiß, womit ich es zu tun habe, und statt des Entweder/oders eine Was-noch-was-noch-Haltung einnehme, damit ich die Scheuklappen abschütteln kann und meinen Entscheidungs- und Handlungsbereich sehe.

Ein Plädoyer fürs Und/oder

Statt einzuengen oder aufzurechnen sind wir wirklich besser bedient, wenn wir unsere Welt größer machen. Wenn wir Argumente und Ideen reinlassen, wenn wir unseren Informations-, Vorstellungs- und Handlungsspielraum erweitern.

Auf dieser sehr viel größeren Basis kann ich schöpfen: Aussieben, was für mich stimmig ist. Was ich anerkennen mag. Wogegen ich bin. Was ich weiter ausloten möchte.

Ganz nebenbei macht es aufmerksamer und klüger. Kann man gut brauchen für die nächste Diskussion und künftige Entscheidungen.

Foto: oliverlauberger.de

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