Es ist der 08. Mai, der "Tag der Befreiung", wie man vielerorts liest. Aber wer wurde da eigentlich von wem befreit?

08. Mai 1945

Es ist der 08. Mai 1945. Das Deutsche Reich ist umfänglich durch die Alliierten Streitkräfte besiegt worden, Adolf Hitler ist seit mehr als einer Woche tot. In der Nacht vom 06. auf den 07. Mai wurde im Hauptquartier der Alliierten Expeditionskräfte nach erfolglosen Versuchen der deutschen Verhandlungsteilnehmer, eine Teilkalkapitulation gegenüber den westlichen Alliierten zu erreichen, die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs vereinbart. Am 08. Mai 1945 um 23.01 Uhr sollten die Kampfhandlungen eingestellt werden. Großadmiral Karl Dönitz, letzter deutscher Reichspräsident und späterer Hauptangeklagter in den Nürnberger Prozessen, bevollmächtigte die Unterzeichnung per Funk.

Am 08. Mai 1945, 23:01 Uhr war der zweite Weltkrieg in Europa beendet. Zwar setzten einige deutsche Teilstreitkräfte die Kämpfe gegen die Sowjetunion in geringem Ausmaß für einige Tage fort, dennoch steht der 08. Mai bis heute für den "Tag der Befreiung".

Eklat in Bonn

Der 08. Mai spielte in der jungen Bundesrepublik Deutschland im Gegensatz zur DDR lange keine große Rolle. Erst am 08. Mai 1970 gab die Sozial-Liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt eine offizielle Regierungserklärung anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Bundesrepublik heraus. Die CDU/CSU-Fraktion versuchte vehement, dies zu verhindern: "Niederlagen feiert man nicht", "Schande und Schuld verdienen keine Würdigung". Und allein an diesen Aussagen kann man sehen, wie ambivalent das Verhältnis der jungen Republik zum 08. Mai war - und nach wie vor ist, denn bis heute gibt es heftige Debatten um die Frage, ob der 08. Mai ein gesetzlicher Feiertag werden sollte.

Wer wurde eigentlich befreit?

Eine zentrale Frage um die Debatte ist, wer eigentlich befreit wurde. 1945 dürfte es unglaublich viele verschiedene Meinungen dazu gegeben haben: natürlich wurden verfolgte Gruppen befreit, die Shoah endgültig beendet. Aber wurde - wie es häufig heißt - denn auch das deutsche Volk "befreit"?

Die Kapitulation

Ein zentraler Teil deutscher Erinnerungskultur ist, das deutsche Volk sei "verführt worden" von Nationalsozialist:Innen. Dieser Mythos geht Hand in Hand mit der Legende, man habe von nichts gewusst und war für die Bundesrepublik Deutschland lange Zeit identitätsstiftend. Eine echte Aufarbeitung der schrecklichen Verbrechen deutscher Streitkräfte, Beamter aber eben auch der Zivilbevölkerung fand, wenn sie denn überhaupt stattgefunden hat, erst spät statt und ist - wie die jüngsten Prozesse gegen NS-Verbrecher wie der gegen Bruno D. im Jahr 2019, der Wachmann in einem Konzentrationslager war - lange nicht abgeschlossen. Und häufig wird unterschlagen, dass die NSDAP die Weimarer Republik nicht etwa durch einen Putsch, sondern durch demokratische Wahlen und durch demokratische Abstimmungen im Reichstag selbst in eine Diktatur verwandelte.

Die Banalität des Bösen

Hannah Arendt, die selbst vor der NS-Diktatur fliehen musste, prägte den Begriff der "Banalität des Bösen", der die bürokratische Kälte Adolf Eichmanns beschreibt, die er bei der Planung und Koordination der Deportation und industriellen Vernichtung von Jüd:Innen und seiner Schilderung dessen während seines Prozesses in Israel an den Tag legte. Aber der Begriff kann viel weiter gefasst werden.

Hannah Arendt 

Es waren eben nicht nur einige wenige, die an Massenmord und Kriegsverbrechen beteiligt waren: Es waren Millionen. Es waren Millionen von Menschen, die sich durch aktives tun, aber auch durch das Unterlassen von Widerstand, fraglos mitschuldig gemacht haben. Und genau das ist der Kern, der in der deutschen Erinnerungskultur viel zu kurz kommt: Die Verbrecher:Innen des Nationalsozialismus waren keine mythischen Monster, keine in Trance handelnde Verführte, es waren vernunftbegabte und denkende Menschen. Menschen wie ich.

Es ist passiert, also kann es wieder passieren

Primo Levi, ein Shoah-Überlebender und ehemaliger KZ-Häftling, prägte den Satz "Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen" - und erst wenn wir uns das klarmachen, wenn in Deutschland eine Erinnerungskultur vorherrscht, die den Nationalsozialismus nicht als abstrakte Idee einer wahnsinnigen Clique, die ein ganzes Land verführt hat, verstehen, lässt sich überhaupt erhoffen, dass es eben nicht wieder geschehen kann. Wir müssen uns bewusst machen, dass vollkommen normale Menschen die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verantworten hatten. Und dass jeder Einzelne dafür ebenso anfällig ist, wie es unsere Großeltern waren.

Wer nicht feiert, hat verloren

Ich, für mich ganz persönlich, reklamiere den 08. Mai als Tag der Befreiung. Ich wurde befreit. Die Privilegien, die ich genieße, haben alliierte Streitkräfte, zu denen selbstverständlich auch sowjetische Soldat:Innen gehören, erkämpft. Millionen haben dafür mit ihrem Leben bezahlt, Millionen Menschen, die jünger waren, als ich es jetzt bin. Und ich bin dankbar dafür, denn ich möchte mir kein Leben im NS-Staat für mich vorstellen. Und zu dieser Dankbarkeit gehört sowohl, dass ich begreife, dass auch ich - wie Millionen vor mir - zu schrecklichem fähig wäre, als auch zu feiern, dass ich in der privilegierten Position bin, das nicht zu müssen. Und genau deshalb wird es Zeit, den 08. Mai zu einem Feiertag zu machen.

Bildquellen:
Wikimedia/Public Domain

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