Hin und wieder begegnet man jemandem von damals: Alte Schulkameraden, frühere Nachbarn, jemand, mit dem man mal gearbeitet hat. Läuft sich beim Einkaufen über den Weg, sitzt zufällig im selben Café oder der U-Bahn.

Und dann ist da noch das Internet: Da meldet sich nach 25 Jahren der Brieffreund aus Teenagerzeiten oder die Schwester der besten Freundin aus der 7. Klasse.

Es folgt: Smalltalk. Oder, wie es in der Fernsehserie Curb your Enthusiasm heißt, ein stop & chat.

"Lange nicht gesehen."

"Ja, ..."

Das ist mitunter befremdlich, manchmal sogar ganz nett. Früher oder später rutscht einem von beiden ein „Wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen!" raus.

Ging mir früher genauso.

Hab ich abgestellt.

Ich verbiete mir diesen Impuls ganz bewusst.

Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich mein Gegenüber nicht mag. Im Gegenteil! Häufig freue ich mich sogar aufrichtig, jemanden wiederzusehen – erst recht, wenn man sich früher gern mochte und einige Zeit näher miteinander zu tun hatte.

Lieber noch mal nachdenken!

Die Verabredung, sich persönlich - oder nach einer Zufallsbegegnung erneut - zu treffen, ist so eine Sache: Manchmal findet man den Kontakt eh nicht so toll, dann schlägt die Höflichkeit zu. Doch auch wenn es vielleicht ganz nett wäre, habe ich gelernt: Lieber vorher noch mal nachdenken und nicht gleich enthusiastisch zusagen.

Als ich mich noch vorschnell verabredet habe, habe ich allzu oft gemerkt, dass man praktisch nichts mehr gemeinsam hat. Dass dieser Mensch, sogar wenn er mir früher noch so nahestand, einfach dorthin gehört: nach früher.

  • Weil wir seinerzeit andere Menschen waren, irgendeine gemeinsame Basis hatten. Oft die einzige Gemeinsamkeit die Arbeit oder ein damaliges Interesse, wie der Sport, war.
  • Weil wir heute in einer anderen Situation sind. Ich habe mein Leben. Ich habe meine Verpflichtungen, meinen Rhythmus, meine Freunde und ein bestimmtes Kontingent an freier Zeit.
  • Weil es schon viiiiel zu lange her ist, man im Sandkasten oder in der gleichen Schulklasse war.

Womit wir bei Klassentreffen wären. Vor einigen Jahren bekam ich die Einladung zu einem Jahrgangstreffen der ersten Klasse. ERSTE KLASSE! Da war ich sechs Jahre alt! Abgesehen davon, dass ich „Jahrgangstreffen“ schon nicht so attraktiv finde, weil da zwei Drittel von Leuten rumlaufen, die ich überhaupt gar nicht kenne – selbst meine eigenen MitschülerInnen von damals sagen mir Null. Ich kann mich mit Müh und Not vielleicht an drei, vier Namen erinnern. Ich weiß überhaupt nichts mehr von damals. NIX! Und es interessiert mich nicht, welchen Lebensweg diese mir unbekannten Leute hinter sich haben.

Mit den Realschul-Klassentreffen ist das anders. Da habe ich viele Erinnerungen, war mehrere Jahre mit den meisten zusammen und hatte das große Glück, dass wir eine harmonische Klasse waren. Unser erstes Klassentreffen nach zehn Jahren war superschön. Es gab viele Gemeinsamkeiten, lustige Anekdoten und wir waren sogar fast vollzählig.

Doch diese einzelnen Zufallsbegegnungen mit „lass uns mal treffen“, das war meiner Erfahrung nach nie so der Bringer. Es blieb bei einem Treffen. Selbst wenn es ganz nett war, war es halt auf Smalltalk-Weißt-du-noch-und-was-machst-du-jetzt-Basis. Mitunter fand ich es enttäuschend, dass gerade bei engen Verbindungen heute einfach nichts mehr da war oder sich der andere verändert hat – manchmal eher enttäuschend, wenn merkwürdige Ansichten oder Verhaltensweisen zum Vorschein kamen. Das hat dann die Erinnerung eher irgendwie beschädigt.

Wenn mir also im Überschwang ein „Wir sollten uns unbedingt mal treffen!“ auf die Zunge rutscht, beiße ich drauf.

Selbst wenn mein Gegenüber enthusiastisch nach einem Treffen fragt, heißt es „immer langsam mit den jungen Pferden“. Wenn ich sicher weiß, dass ich ganz bestimmt kein Treffen möchte, sage ich das klar und deutlich. Wenn ich überlegen möchte, bleibe ich erst mal unverbindlich.

Kategorisch „nein“ sagen, das klingt so gemein, gell? Doch es geht nicht darum, dass ich das genau so sage – sondern es geht um die klare Botschaft. Ich sage es natürlich freundlich, aber eben eindeutig. Denn Rumeiern oder Ausreden, das bringt nichts. Alle Menschen schätzen Klartext, dazu gehört auch das Nein.

Übrigens heißt das nicht, dass ich mich nicht gerne mit jemandem von früher treffe. Ich mache es nur nicht mehr impulsiv. Manchmal ergibt sich ein richtiger schöner stop & chat. Das reicht meist schon!

Dir gefällt, was Gitte Härter schreibt?

Dann unterstütze Gitte Härter jetzt direkt: