„Avanti Populismus!“ hallt es allenthalben aus der Systempresse und den Lügenmedien und auch wenn die Flut der Realitätsflüchtlinge über uns hereinbricht, wir überschwemmt werden mit monochromen Antworten auf bunte Fragen, wenn die Wahrheit rechts und links und in der Mitte gebogen wird wie Weidenäste im Korb und deutsche Eichen im Sturm, so gibt es immerhin eine unumstößliche Tatsache, die auf ewig gilt und dabei doch nur bedingt Trost spendet: Wir werden alle sterben!

Ja, das ist schon ein ziemlicher Scheiß.

Der Umgang mit der endgültigen Endlichkeit unserer Existenz ist unterschiedlich: Der bravgläubige Christenmensch hosiannat vorentrückt gen Himmel, der Buddhist denkt sich: „Boah, nicht schon wieder!“ und der Atheist schreit „Yolo!“, guckt auf ein Bild von Vincent und erfreut sich an der Schönheit der Welt.1

Es ist alles eitel: Das Klima ist im Wandel, mitunter vergiftet, es strebt der Mensch nicht, wenn er irrt, der Wahrheit entgegen, die Fackel der Weisheit erlischt wie die Straßenbeleuchtung in der ländlichen Provinz, wo die Miete günstig, die Verkehrsmittelwahl aber eingeschränkt ist. Es fliegt ein Virus durch Städte und Dörfer, noch immer, und trifft auf Masken, die aus solidarischer Vernunft getragen werden und solche, die längst gefallen sind und das undemokratische Grinsen des Faschismus nicht mehr verdecken können.

Während mit und hinter ge- und verschlossenen Lippen, Lidern und Türen über geschwindigkeitsbegrenzte Elektromobilität ohne erhöhten Impf- und Steuerdruck auf Wirtschaft und Bevölkerung beraten wird, während Namen und Ringe auf Polit-, Promi- und Meta-Ebene getauscht werden, während im Fernsehen zum wiederholten Male dem Dichterfürsten2 legasthenisch und mit Nachdruck Geschlechtsverkehr mit sich selbst nahe gelegt wird, ramme ich mit einem seiner Zitate der Fußfolgschaft meiner Filterblase den Faust aufs Display: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!“

Gleichnisgleich verschaffen wir uns Abhilfe, um ob des Unvermeidlichen nicht wahnwitzig zu werden: In den profanen Gegenden steckt man dieser Tage Kerzen in Riesenbeerengewächse3, zündet diese an (die Kerzen, verdammt, nicht die Beeren!) und erbettelt in lose geschmiedeten Allianzen Süßkram vom Nachbar voller Neid, mit dem unterm Jahr bekanntlich nicht gut Kirschen essen ist. Einige alubehütete Spiritisten feiern das schamanische Samweisgamdschie, am Victoriasee huldigt man dem maulbrütenden Buntbarsch und die indigenen Krötenlecker in Mittelamerika begehen das sog. Pipikakapotl4. „Happy Halloween“ schreit's allerorten dem Freund des gepflegten Grusels ins Smombiegesicht, sogar meine Mutter bereitet sich vor – allerdings auf „Häowäähh“, denn sie ist zwar eine erbarmungsvolle Frau, aber ihr Keltisch ist erbärmlich.

Ich wiederum ziehe mich in mein Oberstübchen zurück, lese Barock'n'Roll-Gedichte und löffle gelbe Suppe, bis mir die Kürben5 die Peristaltik umkehren. Damit ich das mich umgebende menschliche Elende nicht mehr sehen muss, schäle ich mir die Augäpfel aus den Höhlen, werfe sie in Schüsseln mit grün gefärbten Vanillepudding, singe weinerliche Lieder von Simon Dach und referiere zum Leidwesen meiner parallelgesellschaftlichen Zeitgenossen über die Pro-und-Contra-Thesen des Martin Luther und schimpfe auf sein Verhältnis zum mittelalterlichen Frauenbild und dem sog. Weltjudentum. Und wenn dann endlich, endlich, endlich All Deathly Hallows' Eve und das speedmetallische Geschrammel über den Hüter der Sieben Schlüssel vorbei ist, dann freue ich mich wie blöd darüber, dass es mir mal wieder gelungen ist, einen Text zu erbrechen, der tönern klingt und durch die Kulturgeschichte wütet und nichts bedeutet. Das verbindet mich mit den Populisten.

Aber mein Text tut niemandem weh. Und das ist der Unterschied.6


1 Man mag nun fragen, warum keine Muslime aus dem Hinterhalt zwischen den Zeilen in den Satzbau springen. Die Antwort ist einfach: Der Islam gehört zwar zu Deutschland, aber er ist nicht überall.

2 Der „Fürst“ ist hier selbstverständlich kein machiavellistischer Herrscher und erst recht nicht der „Kaiser“ - jener ist bekanntlich die „Lichtgestalt“. Nein, mit „Dichterfürst“ ist natürlich das Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe gemeint.

3 Man mag es kaum glauben: Der Kürbis ist eine Beere! (Im Gegensatz zur Erdbeere, diese ist nämlich - ach, lassen wir das.)

4 Das Fest ist auch bekannt als „Die Thronbesteigung des Großen Verdauers“. Ja, fremd erscheint uns die Kultur der Azteken.

5 Ich benutze hier zur Freude meiner linguistisch ausgebildeten Kolleg·innen5.1 die eher unbekannte Pluralform. Ich weiß allerdings um die These des Sprachwissenschaftlers Günter Kochendörfer, der bereits vor geraumer Zeit statuierte, dass es seines Erachtens im Deutschen keinen Plural gäbe.

5.1 Mein besonderer Service: Über dieses Pünktchen dürfen sich gerne all die selbsternannten Sprechwächter·innen ärgern und schimpfen, dass dieser Kaltenbach 1 Lauch wäre, weil er versucht, sich einer gendergerechten Sprache zu bedienen. Machen Sie sich ruhig lustig, machen Sie sich ruhig lächerlich!

6 Man mag vermuten, dass ich, belegbar durch diesen offensichtlich schier ausufernden Gebrauch von Fußnoten, zu viel von David Foster Wallace gelesen habe. Das ist nicht haltbar: Man kann nie genug von David Foster Wallace lesen!