Der Dauerlockdown nervt. Hart. Dass gefühlt nichts voran geht, alle Parteien, alle Ministerpräsidenten herumtänzeln und versuchen möglichst gar nichts zu entscheiden, um ja an nichts schuld zu sein, nervt. Hart. Dass derweil immer mehr Menschen schwer erkranken und sterben – nein, das nervt nicht: das macht nur noch fassungslos. Das alle Hilferufe der Notfall- und Intensivmedizin untätig verhallen: es schockiert.

Was aktuell in unserem Land vorgeht zu kritisieren ist richtig und wichtig.
Wenn nun aber 53 Schauspieler, und bekanntere Schauspieler noch dazu, hingehen und mit der Aktion #allesdichtmachen fast schon in den Bereich der "Schwarzen Wahrheiten" vorstossen, dabei das ganze als "Satire" labeln, ist das noch berechtigte Kritik? Oder echte Satire?

Ein besonderes Geschmäckle bekommt die Aktion, wenn man das Wirken einiger Protagonisten beachtet. Der im Impressum genannte Betreiber der Seite, "Bernd Wunder" meint mehr über Ansteckungsmöglichkeiten in Kinos zu wissen, als – wait for it – ein Epidemiologe. Jan Josef Liefers tut sich seit Beginn der Pandemie auf all seinen Kanälen damit hervor, nicht nur die Pandemiemaßnahmen anzuzweifeln. Er zieht auch jedes weitere Register der Verharmlosung und nennt das noch zynisch 'Aufklärung', fordert mit Til Schweiger zusammen Menschen auf, nach Malloca zu reisen – die Inzidenzen der Insel haben es ihnen gedankt – oder ins Kino zu gehen. Alles, nur sich nicht so verhalten, als wäre man in einer Pandemie, also.  

Dietrich Brüggemann findet den Vorstoß des 'Wirtschaftsethikers' (mehr Wirtschaft als Ethik) Christoph Lütge, ein Verbot von Lockdowns ins Grundgesetz aufnehmen zu lassen, retweetenswert. Ebenso wie den Tweet, der Christian Drosten als 'abgehoben' bezeichnet, weil er die Experten der pseudowissenschaftlichen Great Barrington Declaration eines neoliberalen Thinktanks – nun – als Pseudoexperten bezeichnete. Darüberhinaus behauptet er einen saisonalen Effekt, den es schon in Florida, Brasilien und jetzt Indien nicht gab.

Alles jedenfalls auffällige Behauptungen oder Forderungen, die die Existenz des Virus ignorieren und die genau eines nicht tun: für bessere Verhältnisse für Künstler in der Pandemie zu streiten.

Aber darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen, sondern darum, wie man sich dem Thema Pandemie eigentlich hätte satirisch nähern können. Es ist ja nicht so, dass es keine Anlässe für das Lachen gäbe, das einem dann im Halse stecken bleiben kann:


Man hätte wirklich super Satire über die derzeitige Coronapolitik schreiben können.  

Man hätte sich an der Mutlosigkeit der Ministerpräsidenten abarbeiten können, Entscheidungen zu treffen, die jemand doof finden könnte.

Man hätte thematisieren können, dass Teile der Wirtschaft finden, so ein bisschen Sterben müsse jetzt aber mal hingenommen werden.

Man hätte satirisch überspitzt zeigen können, wie wir diese Pandemie auf dem Rücken der Pflege, der Mediziner nicht regeln.

Es hätte sicher einen sehr schwarzhumorigen Witz gegeben, unsere Politiker im Wettstreit mit anderen Ländern um die beste Mutation zu zeigen. "Wir sind besser als Brasilien! Nicht nur im Fußball!"

Man hätte zeigen können, wie Pandemiemaßnahmen ausgehöhlt werden, um die Wirtschaftsbereiche nicht zu behindern, die massiv auf Wanderarbeiter setzten.  "Pandemie? Spargel muss gestochen werden!" – "Geben wir denen dann wenigstens eine Krankenversicherung?" – "Haha, nein."

Man könnte Witze drüber machen, dass wir nachts Ausgangssperren haben, aber Firmen ihre Mitarbeiter immer noch nicht ins Homeoffice schicken oder mit Masken versorgen müssen.

Man hätte thematisieren können, das Wahlkampf wichtiger ist, als Pandemiebekämpfung.  Aber worüber machen 53 Schauspieler 'Satire'? Hahaha, wegen einem harmlosen Virus sperren die uns alle ein und ihr glaubt auch noch dran."

#allesdichtmachen und zuerst den eigenen Verstand, ja.


Was wir statt dessen bekommen haben, ist Pseudosatire, für die es den erwartbaren Beifall aus der rechten und der Querdenker-Szene gibt.

Inzwischen ist die Webseite von #allesdichtmachen nicht mehr zu erreichen und die ersten beteiligten Künstler bemerken, dass sie mit ihrer Satire, die sich gegen die Maßnahmen richtet, aber nicht gegen die Fehler der Maßnahmen, dezent ins Klo gegriffen haben.

80.000 Pandemieopfer in Deutschland und ihre Angehörigen werden es ihnen danken. Nicht.

Teile des Artikels erschienen zuerst auf Twitter.


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