Warum der IPCC immer hinterherhinkt — und warum das gefährlicher ist als gedacht
In konservativen Kreisen wird gerade gefeiert. Auf Social Media, in Podcasts, auf den Seiten klimaskeptischer Blogs verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: RCP 8.5 ist tot. Das schlimmste Klimaszenario, jahrelang als Grundlage für düstere Prognosen genutzt, wurde offiziell aus dem neuen Modellrahmen der Klimawissenschaft gestrichen. Die Wissenschaft habe gelogen, heißt es. Die Klimakatastrophe sei ein Mythos gewesen. Alles halb so schlimm.
Die Schlussfolgerung ist falsch. Aber um zu erklären, warum, muss man verstehen, wie Klimawissenschaft eigentlich funktioniert — und warum das weltweit wichtigste Klimagremium strukturell immer zu spät kommt.
Was der IPCC ist — und was nicht
Der Weltklimarat IPCC, gegründet 1988, veröffentlicht alle sieben bis acht Jahre einen sogenannten Sachstandsbericht. Der letzte, AR6, erschien zwischen 2021 und 2023. Der nächste, AR7, wird seine Arbeitsgruppen-Berichte ab 2028 vorlegen, den Synthese-Abschluss 2029.
Der IPCC erfindet keine Wissenschaft. Er bewertet sie. Tausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sichten, gewichten und verdichten die weltweit erschienene Fachliteratur zu einem Konsens-Dokument. Das klingt nach einer Stärke — und ist es auch. Aber es hat einen Preis.
Nur bereits peer-reviewte Literatur darf einfließen. Der Literatschluss für AR6 lag ungefähr Anfang 2022. Die Berichte mussten dann von Regierungsvertretern aus fast 200 Staaten Satz für Satz abgestimmt werden, bevor sie erscheinen durften. Das Ergebnis ist ein Dokument, das — im besten Fall — den Wissensstand von vor drei bis fünf Jahren abbildet.
Der IPCC ist kein Frühwarnsystem. Er ist ein Archiv.
Und in einem sich beschleunigenden Klimasystem wird dieses Archiv mit jedem Zyklus relevanter und gleichzeitig veralteter.
RCP 8.5: Was wirklich passiert ist
RCP 8.5 war ein Emissionsszenario — eine Modellrechnung, die fragte: Was passiert, wenn der globale Kohle- und Ölverbrauch massiv weiter steigt, Klimapolitik kaum greift und die Weltbevölkerung explodiert? Das Ergebnis war eine Erwärmung von etwa 4–5 Grad bis 2100. Dieses Szenario wurde von einem Teil der Forschungsgemeinschaft jahrelang als „Business as usual" bezeichnet, also als das, was ohne Gegenmaßnahmen passieren würde. Diese Bezeichnung war problematisch — und wurde seit Jahren kritisiert.
Jetzt hat die Koordinierungsgruppe für das neue Klimamodell-Ensemble CMIP7 das Szenario aus ihrem Standardrahmen gestrichen. Die Begründung: Die Kosten für erneuerbare Energien sind drastisch gefallen, Klimapolitik hat sich weltweit verbreitet, und reale Emissionstrends weichen zu stark vom RCP-8.5-Pfad ab. Das neue höchste Standardszenario der CMIP7-Reihe führt noch zu etwa 3,3 Grad Erwärmung bis 2100.
Das ist eine echte wissenschaftliche Revision — und sie ist gut. Die Wissenschaft korrigiert sich selbst. Aber was bedeutet sie?
Sie bedeutet: Die schlimmste aller modellierten Zukunften ist weniger wahrscheinlich geworden. Sie bedeutet nicht: Alles ist gut.
Denn selbst das neue „mittlere" CMIP7-Szenario liegt bei einer Erwärmung, die weit über den Zielen des Pariser Abkommens liegt. Climate Action Tracker, der unabhängig die globalen Klimapolitiken beobachtet, schätzt die Erwärmung unter aktuellen Politiken auf 2,6 Grad bis 2100. Das IEA-Referenzszenario kommt auf etwa 2,5 Grad. Und 2024 haben wir — als Jahresdurchschnitt — erstmals 1,52 Grad über dem vorindustriellen Niveau gemessen. Das verbliebene Kohlenstoffbudget für das 1,5-Grad-Ziel wird bei gleichbleibenden Emissionen in gut drei Jahren aufgebraucht sein.
RCP 8.5 ist tot. Die Klimakrise lebt.
Das AMOC-Beispiel: Wie der AR6 bereits beim Erscheinen veraltet war
Nirgends wird die strukturelle Schwäche des IPCC-Prozesses deutlicher als beim Atlantischen Umwälzsystem — dem AMOC, oft vereinfacht als Teil des Golfstroms bezeichnet. Der AMOC ist eine der wichtigsten Klimamaschinen der Erde: Er transportiert warmes Wasser aus den Tropen Richtung Norden, kühlt Europa, versorgt Teile Afrikas mit Regen und hält den Meeresspiegel an Nordamerikas Küsten im Gleichgewicht.
Im AR6 hieß es — mit „mittlerer Konfidenz" —, ein abrupter AMOC-Kollaps vor 2100 sei unwahrscheinlich.
Was seitdem passiert ist, lässt sich kaum beschönigen.
Im April 2026, also keine drei Jahre nach Erscheinen des letzten Berichts, veröffentlichte ein internationales Forscherteam in Science Advances eine Studie, die Klimamodelle mit realen Ozeandaten — Temperatur und Salzgehalt — kombinierte. Ergebnis: Der AMOC wird bis zum Jahrhundertende um mehr als 50 Prozent nachlassen. Das ist eine Verlangsamung, die 60 Prozent stärker ist als der Durchschnitt aller bisherigen Klimamodelle vorhergesagt hatte.
Stefan Rahmstorf, Ozeanograph am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der weltweit führenden AMOC-Forscher, kommentierte das so: Die pessimistischen Modelle seien „leider die realistischen" — und er sei zunehmend besorgt, dass die Welt bereits in der Mitte dieses Jahrhunderts einen Punkt überschreiten könnte, ab dem ein vollständiger AMOC-Kollaps nicht mehr aufzuhalten sei. Frühere Schätzungen sahen das Kollaps-Risiko bei etwa 5 Prozent. Neue Erkenntnisse deuten auf über 50 Prozent hin.
Und das, so Rahmstorf, sei möglicherweise noch eine Unterschätzung — weil die meisten Modelle das Schmelzwasser des grönländischen Eisschildes nicht berücksichtigen. Das Schmelzwasser wird die Ozeane weiter auffischen und den AMOC schneller destabilisieren, als die Modelle abbilden können.
Forscher, die IPCC-Modelle über das Jahr 2100 hinaus verlängerten, zogen eine klare Schlussfolgerung: Die Einschätzung im AR6 „entspricht nicht mehr einem Ereignis mit geringer Wahrscheinlichkeit" — und müsse im kommenden AR7 überarbeitet werden.
Ein Muster, kein Einzelfall
Der AMOC ist das prägnanteste Beispiel, aber kein Einzelfall. Es ist ein Muster.
Grönland verliert Eis 20 Prozent schneller als die Modelle berechnet hatten. Zeitweise schmilzt es 17-fach schneller als der langjährige Mittelwert. Der Meeresspiegel steigt rascher als AR6 projiziert. Der Permafrost — das dauerhaft gefrorene Erdreich in der Arktis, das gewaltige Mengen Kohlenstoff speichert — taut auf eine Weise, die aktuelle Klimamodelle schlicht nicht korrekt abbilden können. Die Arktis erwärmt sich fast viermal schneller als der globale Durchschnitt. All das sind keine Szenarien. Es sind Beobachtungen.
Das Permafrost-Problem verdient besondere Aufmerksamkeit: Wenn dieser Boden auftaut, setzt er CO₂ und Methan frei — und verstärkt damit die Erwärmung weiter. Dieser Rückkopplungseffekt ist in keinem Emissionsszenario vollständig erfasst. Er läuft unabhängig davon, ob wir RCP 8.5 oder das neue CMIP7-Mittelfeld als Ausgangspunkt nehmen. Die Szenarien modellieren, was Menschen tun. Sie modellieren nur unvollständig, was die Erde dann selbst tut.
Warum das so ist — und warum es kein Vorwurf an den IPCC ist
Man könnte meinen, die Lösung sei einfach: Der IPCC muss schneller werden. Doch das verkennt die Funktion des Gremiums.
Der IPCC ist politisch tragfähig, weil er konservativ ist. Weil Regierungen zustimmen müssen. Weil er nur zeigt, was die Mehrheit der peer-reviewten Literatur belegt — nicht, was die jüngste aufregende Studie nahelegt. Diese Konservativität ist sein Schutzschild gegen Angriffe von Klimaskeptikern. Und sie ist ein strukturelles Handicap in einer Welt, in der das Klima schneller kippt als die Wissenschaftsbürokratie schreiben kann.
Das Problem liegt nicht im IPCC. Das Problem liegt darin, wie Öffentlichkeit, Politik und Medien mit ihm umgehen — als wäre er das letzte Wort, nicht das vorletzte.
Was das bedeutet
Wenn also das nächste Mal jemand sagt, RCP 8.5 sei tot und die Klimawissenschaft sei widerlegt, lautet die Antwort: Richtig, das Extremszenario war zu extrem. Aber schau, was stattdessen gerade wirklich passiert.
Die 1,5-Grad-Marke wurde 2024 als Jahresdurchschnitt zum ersten Mal überschritten. Das AMOC schwächt sich schneller ab als gedacht. Grönland schmilzt schneller als gedacht. Der Permafrost taut auf eine Weise, die unsere Modelle nicht vollständig erfassen. Und der nächste IPCC-Bericht wird all das — mit dem üblichen Verzug von mehreren Jahren — irgendwann bestätigen.
Bis dahin läuft die Wirklichkeit voraus.
Quellen: IPCC AR6 (2021–2023); Portmann et al., Science Advances (April 2026); IPCC News Comment zu CMIP7-Szenarien (Mai 2026); Climate Action Tracker (2026); UNEP Emissions Gap Report (2025); Brovkin et al., Surveys in Geophysics (2025); Deutloff et al., Earth System Dynamics (2025)
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