Während Arbeitgeberpräsidenten den Karenztag fordern, zeigen die Daten: Das eigentliche Problem ist ein anderes

Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, dass die Behauptung „Besserverdiener sind seltener krank” auf Luft gebaut ist – weil die entsprechenden Daten schlicht nicht erhoben werden und gemessene Krankheitstage vor allem Anreizsysteme abbilden, keine tatsächliche Morbidität.

Doch es gibt Daten, die in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Und diese Daten sind hart, präzise und wissenschaftlich eindeutig belegt.

Was das Robert Koch-Institut misst

Das Robert Koch-Institut (RKI) – Deutschlands oberste Bundesbehörde für Infektionskrankheiten und öffentliche Gesundheit – beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit. Die Ergebnisse sind eindeutig.

RKI-Präsident Lars Schaade formulierte es beim Kongress „Armut und Gesundheit” 2024 ohne Umschweife: „Armut macht krank.”

Die Zahlen dahinter: Frauen in der höchsten Einkommensgruppe haben eine mehr als vier Jahre längere Lebenserwartung als Frauen der niedrigsten Gruppe. Bei Männern beträgt diese Differenz mehr als acht Jahre. Acht Jahre – das ist kein statistisches Rauschen. Das ist der Unterschied zwischen einem langen und einem abgekürzten Leben, abhängig vom Kontostand.

Eine neuere RKI-Studie, veröffentlicht im Journal of Health Monitoring im März 2025, verschärft das Bild noch: In der Periode 2020 bis 2022 lag die Lebenserwartung in den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Regionen für Frauen 4,3 Jahre und für Männer 7,2 Jahre unter der in den wohlhabendsten Regionen. Und diese Lücke wächst: In der Periode 2003 bis 2005 betrug der Unterschied bei Männern noch 5,7 Jahre – inzwischen sind es 7,2.

Wer stirbt vor der Rente?

Besonders erschütternd sind die Zahlen zur vorzeitigen Sterblichkeit, also zum Tod vor dem 65. Lebensjahr. Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen:

Von Männern der niedrigsten Einkommensgruppe sterben 27 Prozent vor Vollendung des 65. Lebensjahres. In der höchsten Einkommensgruppe sind es 14 Prozent – also etwa halb so viele.

Bei Frauen: 13 Prozent der niedrigsten gegenüber 8 Prozent der höchsten Einkommensgruppe.

Anders formuliert: Wer arm ist, erreicht statistisch gesehen die Rente deutlich seltener. Die politische Brisanz dieser Zahl verdient einen Moment der Stille: Arme Menschen zahlen ein Leben lang in Rentenkassen ein – und sterben überdurchschnittlich häufig, bevor sie davon profitieren können.

Krank, weil arm – oder arm, weil krank?

Eine naheliegende Gegenfrage lautet: Ist es nicht umgekehrt? Vielleicht werden Menschen arm, weil sie krank sind – nicht krank, weil sie arm sind.

Beides kommt vor, und die Wissenschaft ist sich dessen bewusst. Aber Längsschnittdaten des SOEP zeigen: Der Einfluss von Einkommensarmut auf die Gesundheit ist deutlich stärker als der umgekehrte Effekt. Armut macht krank. Krankheit macht ärmer. Aber der erste Pfeil ist der stärkere.

Die Mechanismen dafür sind gut erforscht:

Ernährung. Gesunde Ernährung kostet mehr. Wer wenig Geld hat, kauft kalorienreichere, nährstoffärmere Lebensmittel – nicht aus Unwillen, sondern weil es die günstigere Option ist.

Wohnverhältnisse. Beengte, feuchte oder lärmbelastete Wohnungen erhöhen das Risiko für Atemwegserkrankungen, Schlafstörungen und psychische Belastungen.

Bewegung und Umfeld. Wie das RKI betont: Mehr Sport zu treiben funktioniert in sozioökonomisch benachteiligten Stadtvierteln auch nach Plakatkampagnen nicht, wenn es dort kaum Grünflächen oder Spazierwege gibt oder kein Sportverein erreichbar ist.

Stress. Chronischer Geldmangel ist ein dauerhafter Stresszustand. Dauerstress erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Immunschwäche.

Zugang zur Versorgung. Armutsbetroffene werden von der Regelversorgung schlechter erreicht. Facharztwartzeiten, Zuzahlungen, fehlendes Krankengeld – all das baut strukturelle Hürden vor der Gesundheitsversorgung auf.

Was das mit dem Karenztag zu tun hat

An dieser Stelle kehren wir zur eigentlichen Debatte zurück. Arbeitgeberverbände fordern die Abschaffung der Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag – mit dem Argument, Arbeitnehmer würden zu leichtfertig zuhause bleiben.

Aber die Datenlage zeigt: Das Problem ist nicht, dass Geringverdiener zu oft krank zuhause bleiben. Das Problem ist, dass sie kränker sind und früher sterben.

Der Karenztag würde genau diese Gruppe am härtesten treffen: Menschen in körperlich belastenden, schlecht bezahlten Berufen – also genau jene, die nach den vorliegenden Daten ohnehin das höchste Krankheitsrisiko tragen. Sie könnten sich einen bezahlungslosen ersten Krankheitstag schlechter leisten als gut verdienende Bürokräfte. Sie würden krank zur Arbeit gehen – mit allen Konsequenzen für ihre eigene Gesundheit und für die Ansteckungsgefahr ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Wenn man die Datenlage des RKI ernst nimmt, müsste die politische Schlussfolgerung eine ganz andere sein: nicht weniger Absicherung für Geringverdiener, sondern mehr. Denn wer wenig verdient, lebt nicht nur ärmer – er lebt kürzer.

Die eigentliche Frage

Angesichts dieser Zahlen stellt sich eine Frage, die in der Karenztag-Debatte kaum jemand stellt:

Wenn Armut nachweislich die Lebenserwartung um bis zu acht Jahre verkürzt – ist dann das Ziel, Lohnfortzahlung zu streichen, wirklich das dringlichste Problem auf der gesundheitspolitischen Agenda?

Oder wäre es sinnvoller, die Bedingungen zu verbessern, unter denen Menschen arbeiten, wohnen und leben – damit sie erst gar nicht so viel häufiger krank werden?

Die Datenlage hat eine klare Meinung. Die politische Debatte tut so, als gäbe es sie nicht.

Quellen: Robert Koch-Institut, Journal of Health Monitoring (März 2025); RKI-Pressemitteilung „Armut macht krank” (März 2024); Bundeszentrale für politische Bildung, Datenreport 2021, Einkommen und Gesundheit; SOEP-Daten, zit. nach Lampert et al. 2019; Hans-Böckler-Stiftung, Böckler Impuls „Ungleichheit kostet Lebensjahre”

Erster Teil: Sind Besserverdiener gesünder?

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