Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Arzt. Er legt Ihnen die Scans hin. Es ist Krebs, Stadium vier, aber operabel. Er sagt Ihnen: „Wenn Sie heute aufhören zu rauchen und diese Therapie machen, haben Sie eine Chance.“ Und Sie? Sie zünden sich im Sprechzimmer eine Zigarette an, beschimpfen den Arzt als arrogante Elite und fordern lautstark das Recht auf Hustenfreiheit.
Genau dort stehen wir im Januar 2026.i
Wir müssen aufhören, so zu tun, als hätten wir ein Erkenntnisproblem. Wir haben kein Wissensdefizit. Wir haben ein massives Problem mit der Selbstbeherrschung. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte der Katastrophen. Alles liegt auf dem Tisch: die schmelzenden Polkappen, die erodierenden Böden, die bröckelnden Demokratien.
Und trotzdem warten wir auf den „Erwachsenen im Raum“, auf den einen visionären Politiker, der uns rettet, ohne dass es wehtut.iiiiiiv
Das ist nicht nur rührend. Es ist unser Todesurteil.
Wir haben uns als Patient gegen die Behandlung entschieden. Die Folgen sind vorhersehbar, der Verlauf dokumentiert. Der Earth4All-Bericht ist nun keine Therapieempfehlung mehr, sondern die letzte Eintragung in der Krankenakte, bevor das Delirium einsetzt.vvi
Die Regression: Zurück in die Höhle
Der Earth4All-Bericht des Club of Rome ist ein Meisterwerk der Vernunft. Er ist präzise, datengetrieben und vollkommen nutzlos. Warum? Weil er eine Grundvoraussetzung hat, die wir im Jahr 2026 längst verspielt haben: die Annahme, dass der Mensch ein rationales Wesen sei.vii
Wer ehrlich hinsieht, erkennt: Wir erleben keine politische Krise, sondern eine psychologische Regression. Ein kollektives Zurückweichen in die Pubertät. Trump, Putin, die religiösen Eiferer und unsere heimischen „Diesel-Dieters“ sind keine Parteien. Sie sind Notfallreaktionen einer überforderten Psyche. Veränderung fühlt sich für uns an wie Kontrollverlust. Und wer Angst hat, greift zur Keule. Nicht, weil sie die Probleme löst, sondern weil sie sich so verdammt vertraut anfühlt.
Das Primat der Angst
Wissenschaft erklärt die Welt, aber sie regiert sie nicht. Macht folgt im 21. Jahrhundert nicht der besten Analyse, sondern der lautesten Mobilisierung. Und mobilisierbar sind keine Balkendiagramme. Mobilisierbar sind Kränkung, Wut und Nostalgie.
In diesem System ist der vernünftige Politiker kein Anführer, sondern ein Störgeräusch. Er ist der Verkehrsplaner, der mit Simulationen zur Sicherheit wedelt, während die Insassen beschlossen haben, das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzudrücken – aus purem Trotz gegen die Leitplanken.
Die Medien befeuern diesen Irrsinn, weil Einsicht sich nicht monetarisieren lässt. Empörung hingegen klickt hervorragend. Wir haben eine Aufmerksamkeitsökonomie erschaffen, die denjenigen belohnt, der das Haus anzündet, statt denjenigen, der das Fundament saniert.
Drill, Baby, Drill: Die Droge der Machtlosigkeit
Wenn der mächtigste Mann der Welt „Drill, baby, drill“ ruft, ist das kein Energiekonzept. Es ist eine Droge. Es ist das Versprechen, sich für einen Moment wieder stark fühlen zu dürfen, während die Welt um einen herum zerfällt.viiiixx
Es ist emotionale Selbstmedikation für eine Spezies, die technisch zwar Satelliten bauen und Gene editieren kann, aber emotional auf dem Niveau eines Kindes hängen geblieben ist, das die Hand auf die Herdplatte legt, nur um dem Vater zu zeigen, dass es sich nichts sagen lässt.
Das Museum der Zukunft
Vielleicht ist das die ehrlichste Diagnose: Earth4All ist kein Zukunftsplan mehr. Es ist ein Autopsiebericht.
Nicht über eine tote Zivilisation, sondern über eine, die die lebensrettende Operation ablehnt, weil sie Angst vor der Narkose hat.
Wir gehen nicht unter, weil wir zu dumm sind. Wir gehen unter, weil wir zu feige sind, unsere eigenen Instinkte zu beherrschen. Wir sind die erste Spezies, die ihren eigenen Untergang live streamt, ihn mit Werbeunterbrechungen garniert und sich in den Kommentaren darüber streitet, wer schuld ist.
Die Obduktion zeigt keine Überraschungen: Die Todesursache ist eindeutig. Kein Fremdverschulden, kein unerklärlicher Systemfehler. Suizid durch freiwillige Atemlähmung bei vollständig klarem Bewusstsein.
Wir sind die erste Spezies, die ihre eigene Intensivstation abreißt, um aus den Rohren eine Tröte zu basteln – und darauf pfeift, bis die Monitore flachlinieren. Das letzte, was auf den Bildschirmen zu sehen sein wird, ist unser verzogenes Grinsen: Endlich haben wir uns nichts mehr sagen lassen müssen.
Willkommen im Museum der Zukunft. Nehmen Sie Platz. Die Exponate sind wir selbst.
Zwei Seiten der Apokalypse: Die notwendige Erwiderung
Die Antithese: Ich und die Arroganz der Endzeit-Propheten
Der Anfang „Autopsie einer unbelehrbaren Spezies“ ist ein Paradebeispiel für das, was in diesem Land schiefläuft. Ich so könnte man behauten, liefere keine Analyse, ich würde ein Urteil liefern. Wer meinem apokalyptischen Pfad nicht folgt, wird kurzerhand pathologisiert. Es ist die ultimative Form der Ausgrenzung: Dissens wird zum Krankheitsbild erklärt.
1. Die elitäre Couch-Psychologie Ich reduzierte komplexe Sorgen – die Angst um den Arbeitsplatz in der Automobilindustrie, die Sorge vor explodierenden Energiepreisen oder die Skepsis gegenüber einer übergriffigen Migrationspolitik – auf eine „psychologische Regression“. Wer den Diesel retten will, ist dann für mich kein Bürger mit berechtigten Interessen, sondern ein „infantiles Trotzkind“ in der „Höhle“. Diese Herablassung ist genau der Treibstoff, der die Spaltung befeuert. Es ist der Blick derer, die es sich leisten können, moralisch zu sein, auf diejenigen, die zusehen müssen, wie sie ihre Miete bezahlen.
2. Ideologie statt Ingenieurskunst Ich als Autor feierte „Earth4All“ als „Meisterwerk der Vernunft“. Doch welche Vernunft ist gemeint? Eine, die jede Abweichung als Suizid brandmarkt. Wenn ein Donald Trump „Drill, baby, drill“ ruft, sähe ich nur „Drogenabhängigkeit“. Ich würde dabei die wirtschaftliche Realität übersehen: Energieunabhängigkeit und Versorgungssicherheit sind das Rückgrat jeder Nation. Während ich von „Transformationsschmerz“ schwadroniere, fordern Realisten den Ausbau von Kernkraft oder Fracking – Lösungen, die Wohlstand sichern könnten, anstatt ihn auf dem Altar einer globalistischen Utopie zu opfern.
3. Die Doppelmoral der Aufmerksamkeits-Ökonomie Ich attackiere die „Affenhorde“ und die Medien, die Wut monetarisieren. „Doch was tut er selbst?“ könnte man mir vorwerfen. Ich nutzte eine hochemotionale, fast schon hysterische Rhetorik, um Klicks zu generieren. Ich predigte Selbstbeherrschung, betreibe aber radikale Moralisierung. Wer nicht für den „Großen Sprung“ ist, wird als emotional unterentwickelt denunziert. Das ist kein Debattenbeitrag, das ist ein Exkommunikations-Dekret.
Ich spinne eine emotionale Autopsie, die mehr über eine eigene Weltangst verrät als über die Realität da draußen. Für mich ist die Menschheit ‚unbelehrbar‘, weil sie nicht nach meiner Pfeife tanzt. Meine ‚Vernunft‘ ist nur das Echo meiner eigenen Angst. Diese Art von Hysterie-Journalismus untergräbt das Vertrauen in den Diskurs – denn er führt ihn nicht, er beerdigt ihn.
Jenseits von Hochmut und Hysterie: Die Architektur unserer Angst
Wer nun Teil 1 und und Teil 2 nebeneinanderlegt – den Vorwurf der kollektiven Regression gegen den Vorwurf der elitären Arroganz –, der erkennt schnell: Wir stecken in einer Sackgasse fest, deren Wände aus gegenseitigem Unverständnis gemauert sind. Doch die Wahrheit liegt weder im bloßen Datenblatt der Wissenschaftler noch im trotzigen Beharren auf dem Gestern. Sie liegt in der Erkenntnis, wie tief unsere materielle Existenz mit unserer emotionalen Sicherheit verzahnt ist.xi
1. Das Missverständnis der Regression
Wenn ich von „Regression“ spreche, meine ich kein moralisches Urteil. Es ist kein Fingerzeig auf „Dinosaurier“, die zu dumm für die Zukunft sind. Es ist der Versuch, einen psychologischen Schutzmechanismus zu beschreiben, der uns alle betrifft.xii
Angst ist kein rationales Gefühl. Wenn ein Facharbeiter in Rüsselsheim sieht, wie sein Lebenswerk durch die Verlagerung der Produktion nach Kénitra oder durch den Aufstieg chinesischer Giganten entwertet wird, dann reagiert er nicht auf eine CO2-Statistik. Er reagiert auf den drohenden Verlust seiner Identität. Die „Regression“ ist der Versuch, sich an das zu klammern, was einem einmal Sicherheit und Würde verliehen hat. Das ist zutiefst menschlich.xiiixiv
2. Die Spirale: Wenn Angst die Vernunft frisst
Das Problem ist nicht der einzelne Mensch, sondern die Systemdynamik. Ökonomische Angst und emotionale Interpretation schaukeln sich gegenseitig hoch.xv
Wenn die Politik Transformation nur als technische Notwendigkeit predigt, ohne die soziale Fallhöhe abzufedern, erzeugt sie Widerstand.
Wenn Medien diesen Widerstand als „Ewiggestrigkeit“ herabwürdigen, erzeugen sie Trotz.
Und wenn Populisten diesen Trotz in Wählerstimmen verwandeln, blockieren sie am Ende genau die Lösungen, die den langfristigen Wohlstand sichern könnten.
Es entsteht ein Teufelskreis: Je prekärer die Lage wird, desto lauter wird der Ruf nach einfachen, destruktiven Lösungen.xvi
3. Die Vernunft braucht ein Zuhause
Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die aus Earth4All sind wie Baupläne für ein neues Haus. Aber niemand wird sein altes, baufälliges Haus verlassen, solange das neue Haus nur als abstrakte Skizze existiert – und man zudem das Gefühl hat, man dürfe darin nur als Bittsteller wohnen.xvii
Die Synthese bedeutet: Wir müssen anerkennen, dass Fakten allein niemanden bewegen. Vernunft braucht eine emotionale Heimat. Eine Politik, die Menschen erreichen will, darf nicht nur Emissionen senken, sie muss die Angst vor der Bedeutungslosigkeit ernst nehmen. Wir müssen über materielle Sicherheit sprechen, um über ökologische Notwendigkeit streiten zu können.
4. Das Ende der Affenhorde-Metapher
Vielleicht war der Begriff der „Affenhorde“ im ersten Text selbst ein Symptom jener Spaltung, die wir überwinden müssen. Er entsprang der Frustration über die offensichtliche Irrationalität. Doch echte Erkenntnis beginnt dort, wo wir aufhören, den anderen als „unbelehrbar“ abzutun und anfangen zu fragen: Was genau verteidigst du da eigentlich mit so viel Wut?
Wir sind keine unbelehrbare Spezies. Wir sind eine verängstige Spezies. Der Weg aus der Krise führt nicht über die moralische Belehrung, sondern über die Wiederherstellung von Vertrauen in die Gestaltbarkeit der Zukunft. Der Fiat Tris in Marokko ist vielleicht nur ein kleines Fahrzeug, aber er ist ein Symbol für etwas Greifbares: Produktion, Arbeit, Mobilität. Er ist eine Antwort auf ein echtes Problem.
Fazit: Wir müssen die Transformation vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht, indem wir die Wissenschaft ignorieren, sondern indem wir ihr ein menschliches Gesicht geben. Die Autopsie der Zivilisation muss nicht ihr Ende bedeuten – sie kann auch der Beginn einer radikalen Selbstkenntnis sein.
- i Zeitdiagnose / politisch-psychologischer Kontext
- ii Schmelzende Polkappen
- iii Erodierende Böden
- iv Bröckelnde Demokratien
- v Earth4All – Überblick
- vi Bericht an den Club of Rome
- vii Club of Rome – Earth4All
- viii „Drill, baby, drill“ – Ursprung
- ix Politische Umsetzung 2026
- x Begriffsgeschichte
- xi Earth4All und Wohlergehensökonomie
- xii Wuppertal Institut zu sozial-ökologischer Transformation
- xiii Earth4All Deutschland und soziale Spannungen
- xiv Arnold Schiller zu Industrie und Realitäten
- xv Earth4All-Zusammenfassung zu Ungleichheit und Transformation
- xvi Earth4All als Vision und Hebel
- xvii Earth4All als Vision und Hebel
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