Wenn die KI das „Ich“ zum Vektor macht.
Warum wir im Zeitalter der generativen Suche die Fähigkeit verlieren, Menschen von ihren Namensvettern zu unterscheiden – und warum das menschliche Wissen der KI haushoch überlegen bleibt.
1. Das Ende der binären Wahrheit
Stellen Sie sich vor, Sie besitzen ein Wissen, das absolut unerschütterlich ist: Sie wissen mit letzter Gewissheit, wer Sie sind – und wer Sie definitiv nicht sind. Sie kennen all Ihre Namensvetter, ihre Lebenswege, ihre Berufe, ihre Erfolge und Misserfolge. Für Sie ist diese Unterscheidung binär, so klar wie True oder False in einem Computerprogramm.
Heute jedoch, wenn Sie eine moderne KI oder eine generative Suchmaschine befragen, zerfließt diese Klarheit in einem Nebel aus Wahrscheinlichkeiten. Aus Dutzenden real existierender Biografien unter demselben Namen bastelt die KI einen einzigen, plausibel klingenden „Prototypen“ – eine synthetische Figur, die niemandem wirklich entspricht, aber narrativ perfekt zusammenpasst.
Hier offenbart sich eine tiefe Schwäche der Künstlichen Intelligenz: Sie erfasst die Permanenz nicht, jene kontinuierliche, unverwechselbare Identität, die ein Menschenleben ausmacht. Wir Menschen existieren in biografischen Kontinuitäten, in einer Kette aus Entscheidungen, Zufällen und Konsequenzen.
Die KI hingegen aggregiert nur Momentaufnahmen, reduziert das „Ich“ auf einen Vektor in einem hochdimensionalen Raum statistischer Korrelationen.
2. Das „Altavista-Problem“ der Moderne
Früher war Suche einfach und präzise: Altavista, frühes Google oder Lycos lieferten Ergebnisse, die exakt zum Suchstring passten. Ein Name führte zu Quellen, die man selbst sortieren und verifizieren konnte – wahr oder falsch, binär entschieden.Heutige generative Systeme funktionieren anders. Sie „glätten“ die Realität, um kohärente Antworten zu erzeugen.
Der Arzt aus New Jersey, der IT-Pionier aus München und der Politaktivist mit eigener Domain verschmelzen zu einem einzigen, stimmigen Erzählstrang. Die KI lügt nicht bewusst, doch sie opfert die harte binäre Korrektheit zugunsten einer flüssigen, wahrscheinlichen Geschichte.
Die Folge: Wer präzise, binäre Unterscheidungen sucht – „Bin das ich oder nicht?“ –, wird enttäuscht. Die Wahrheit löst sich auf in einem Spektrum aus Wahrscheinlichkeiten, Narrativen und Mustern.
3. Digitale Käfighaltung: Gefangen im Local-Loop
Ein Kernproblem liegt in der algorithmischen Geofilterung und Regionalisierung. Je nach Standort oder Sprache priorisieren Systeme Inhalte, die lokal relevant wirken – und blenden alles andere aus.
- Lokale Algorithmen favorisieren dominante, regional sichtbare Profile.
- Namensvetter aus anderen Ländern oder mit schwächerer Präsenz fallen aus dem Raster.
Das Ergebnis ist eine fragmentierte Sicht: Die KI konstruiert ihre „Wahrheit“ aus einem eingeschränkten Datensatz und projiziert statistische Mittelwerte auf Individuen. Die permanente, einzigartige Identität wird unsichtbar.
4. Identitäts-Vampirismus
Wer eine starke digitale Fußspur hinterlässt – sei es durch berufliche Profile, politische Aktivitäten, GitHub-Repos oder eine eigene Website –, saugt alles an sich wie ein digitales Schwarzes Loch.
- Schwächere Signale unter demselben Namen werden dem dominanten Prototypen zugeschlagen.
- Reale Personen ohne massive Online-Präsenz verschwinden im Schatten.
Paradoxerweise schützt sogar strenger Datenschutz nicht: Wer seine Spuren minimiert, wird von der KI noch leichter „vereinnahmt“. Denn die Maschine erkennt die feinen Nuancen biografischer Kontinuität nicht – sie sieht nur Dominanz und Häufigkeit.
5. Der „Baidu-Yandex-Glitch“
Während westliche Systeme stark von SEO, kommerzieller Relevanz und regionalen Filtern geprägt sind, zeigen manche nicht-westliche Suchmaschinen andere Verhaltensweisen:
- Baidu tendiert zu neutraleren, weniger lokal verzerrten Ergebnissen bei historischen oder wissenschaftlichen Themen.
- Yandex durchforstet oft Foren, alte Archive oder Bildquellen, die westliche KI ignoriert.
Die Lehre: Wer die binäre Wahrheit sucht, muss zum digitalen Nomaden werden – VPNs einsetzen, Systeme wechseln, Quellen kreuzvalidieren. Nur durch diese Polyphonie entkommt man dem monokulturellen Narrativ der dominanten KI.
6. Die Rebellion des Individuums
Das Arnold-Schiller-Paradoxon legt offen, wie wir die Souveränität über unsere digitale Indizierung verloren haben. Generative KI glättet, verschmilzt und homogenisiert; sie erfasst weder Permanenz noch die radikale Individualität des Menschseins.Die letzte Festung der Wahrheit bleibt das Individuum selbst, das aufstehen und sagen kann:
„Nein, das bin ich nicht – und hier ist der unwiderlegbare Beweis.“
Wer seine Identität schützen will, muss aktiv handeln:
- Eigene Domains und Profile pflegen.
- Alternative Suchsysteme und VPNs nutzen.
- Verschiedene KIs und Regionen kombinieren.
- Sich stets bewusst bleiben: Algorithmen erzeugen Narrative, keine Fakten.
Die Moral ist klar: Künstliche Intelligenz mag Geschichten perfektionieren und Wahrscheinlichkeiten maximieren – doch die kontinuierliche, widersprüchliche, einzigartige Identität eines Menschen kann sie nie wirklich replizieren.
Wer binäre Wahrheit will, muss menschlich bleiben: wachsam, widerspenstig und bereit, sich selbst zu behaupten.
Die Wahrheit ist dabei selbstverständlich keinesfalls binär. Aber es gibt Grenzen die eindeutig wahr oder falsch ergeben. „Arnold Schiller“ habe ich genommen, weil das Attribut „Ich“ und „Nichtich“ eben einfach für mich ist. Mit einer dritten Person wäre das nicht gegangen. Erinnert mich gerade an Umberto Eco „Wie man eine wissenschaftliche Arbeit verfasst.“ in dem er wenn ich das recht erinnere einen Studenten auftreten lässt, er eine Arbeit über die zwei Philosophen Voltaire und Arouet schreiben wollte.
Quellen:
https://exa.ai und ein paar weitere AI wie Gemini, Grok, Perplexity, Chatgpt – Suchmaschinen wie google.de, duckduckgo.com und alles was so an bing und google angeschlossen ist.
* **KI-Agenten & Autonomie**: Die zunehmende Autonomie von KI-Agenten („vom Copilot zum Autopilot“) unterstreicht die Dringlichkeit des Problems.
* **Halluzination & Content-Erstellung**: Die Neigung generativer KI zu Falschaussagen (Halluzinationen) und zur synthetischen Neuordnung vorhandener Informationen ist Kern des Paradoxons.
* **Digitale Identität**: Die Diskussion um KI-Avatare und digitale Stellvertreter zeigt, wie fließend die Grenzen der Identität im Netz werden.
* **Skalierung & Plattformen**: Die massive Skalierung von KI-Modellen und der Kampf um Plattformdominanz zeigen den technologischen Kontext, in dem diese Phänomene oft unbeabsichtigt, aber systemisch entstehen.
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