Wie Washingtons Abkehr von der Weltordnung Deutschland in seine gefährlichste Lage seit 1945 zwingt
Für Deutschland war die liberale Weltordnung nie eine abstrakte Idee. Sie war ein konkretes Geschäftsmodell: amerikanische Sicherheitsgarantien im Tausch gegen deutsche Zurückhaltung. Jahrzehntelang funktionierte dieser Deal. Die USA garantierten Stabilität und offene Märkte; Deutschland konzentrierte sich auf Exporte, verzichtete auf Großmachtpolitik und betrieb Sicherheit auf Pump. Dieser „große Handel“ war die Grundlage des deutschen Wohlstands – und er ist nun, mit einem politischen Kurswechsel in Washington, faktisch aufgekündigt.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Kagan, einer der einflussreichsten außenpolitischen Denker der USA, liefert in seinem Essay „America vs. the World“ die schonungslose Diagnose: Die Vereinigten Staaten ziehen sich nicht zurück, weil sie dazu gezwungen wären, sondern weil sie es politisch wollen. Sie demontieren aktiv die von ihnen selbst geschaffene Ordnung – in der Annahme, in einer Welt ungezügelter Machtpolitik und klar abgegrenzter Einflusssphären besser dazustehen. Die Folge ist keine Rückkehr zu einem „normalen“ Zustand, sondern der Sturz in eine Vergangenheit, die für Europa Synonym für Krieg und Katastrophe ist: das 19. Jahrhundert.
Die historische Illusion: Warum das „Konzert“ der Mächte zum Inferno wird
Der vermeintliche „Realismus“, zu dem die Trump-Administration zurückkehren will, ist ein historischer Trugschluss. Das vielbeschworene multipolare 19. Jahrhundert war keine Ära stabiler Diplomatie, sondern von wiederkehrenden Großmachtkriegen geprägt. Fast jedes Jahrzehnt zwischen 1815 und 1914 endete in bewaffneten Konflikten – vom Krimkrieg mit Hunderttausenden Toten bis zum deutsch-französischen Krieg.
Kagan betont dabei einen entscheidenden Unterschied zur Gegenwart: Die damaligen Mächte, etwa Bismarcks späteres „saturiertes“ Deutschland oder Metternichs Österreich, waren überwiegend status-quo-orientiert. Sie wollten bewahren, nicht expandieren. Die heutigen Herausforderer der Ordnung – Russland und China – beschreibt Kagan hingegen als revisionistische, „unersättliche“ Mächte, die die bestehende Landkarte nicht akzeptieren. Ein neues „Konzert“ mit ihnen zu schließen, hieße nicht Stabilität zu schaffen, sondern territoriale Unterwerfung – der Ukraine unter Russland, Taiwans unter China – zu legitimieren und die Grundlage für weitere Forderungen zu legen.
Deutschlands Zeitenwende: Vom Protegé zum geopolitischen Spielball
Für Deutschland ist diese Entwicklung existenziell. Die Bundesrepublik ist das vielleicht reinste Produkt der alten Ordnung: eine post-nationale Macht, die ihre Sicherheit ausgelagert und Konflikte verrechtlicht hat. Dieser strategische Luxus ist vorbei. Aus Kagans Analyse lassen sich für Europa – und damit für Deutschland – zwei grundlegende Optionen ableiten:
Anpassung und Bedeutungsverlust:
Europa zerfällt in Einflusszonen – einige unter amerikanischer, andere unter russischer, möglicherweise auch chinesischer Dominanz. Politische Souveränität schwindet, Volkswirtschaften werden verwundbar, strategische Entscheidungen zunehmend außerhalb Europas getroffen.
Selbstbehauptung und strategische Eigenständigkeit:
Europa baut – getragen von Staaten wie Deutschland, Frankreich und Polen – eine glaubwürdige, eigenständige Verteidigungsfähigkeit auf. Das schließt nicht nur konventionelle Aufrüstung ein, sondern auch die heikle Frage nuklearer Abschreckung, industrielle Resilienz und die Fähigkeit, wirtschaftliche Interessen notfalls machtpolitisch zu verteidigen.
Beide Wege sind unbequem. Der erste bedeutet schleichende politische Bedeutungslosigkeit. Der zweite ist eine monumentale Aufgabe, die tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen erfordert – und die Gefahr birgt, alte nationale Reflexe wiederzubeleben. Genau diese Dynamiken, so Kagan, werden durch eine US-Politik verstärkt, die europäische Einigkeit untergräbt, die EU schwächt und offen Sympathien für rechtspopulistische Kräfte zeigt.
Die unbequeme Wahrheit: Wer zahlt die Zeche?
Kagans Warnung richtet sich nicht nur an Europa, sondern auch an die USA selbst. Er hält die Vorstellung für gefährlich, Amerika könne die globalen öffentlichen Güter – sichere Seewege, verlässliche Bündnisse, offene Märkte – einfach abschaffen, ohne selbst einen Preis zu zahlen. Die Vereinigten Staaten riskieren ihr größtes strategisches Kapital: ein Netzwerk von Verbündeten, das ihre Macht legitimiert und vervielfacht hat.
Die Folge könnte eine Welt sein, in der Amerika nicht nur Rivalen, sondern auch ehemalige Partner gegen sich hat – ein aufgerüstetes, entfremdetes Europa und ein strategisch autonomes, möglicherweise nuklear bewaffnetes Ostasien.
Deutschland steht damit vor der härtesten außenpolitischen Prüfung seit der Gründung der Republik. Die Frage lautet nicht mehr, ob zwei Prozent des BIP für Verteidigung ausreichen. Sie lautet, ob das Land bereit ist, die volle Verantwortung und die Kosten strategischer Souveränität zu tragen – in einer Welt, in der niemand mehr garantiert, dass deutsche Sicherheit kostenlos zu haben ist.
Die Ära des Sicherheitsrabatts ist vorbei. Die Rechnung liegt auf dem Tisch.
Die Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung hat es offiziell gemacht: Die von Amerika dominierte liberale Weltordnung ist vorbei. Nicht deshalb, weil die Vereinigten Staaten materiell außerstande gewesen wären, sie aufrechtzuerhalten. Vielmehr ist die amerikanische Ordnung vorbei, weil die Vereinigten Staaten entschieden haben, dass sie ihre historisch beispiellose Rolle als Garant globaler Sicherheit nicht länger spielen wollen. Die amerikanische Macht, die die Weltordnung der vergangenen 80 Jahre getragen hat, wird nun stattdessen dazu genutzt werden, sie zu zerstören.
Die Amerikaner treten in die gefährlichste Welt ein, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg gekannt haben – eine Welt, die den Kalten Krieg wie ein Kinderspiel und die Zeit nach dem Kalten Krieg wie ein Paradies erscheinen lassen wird. Tatsächlich wird diese neue Welt derjenigen vor 1945 sehr ähnlich sehen, mit mehreren Großmächten sowie wucherndem Wettbewerb und Konflikt. Die USA werden keine verlässlichen Freunde oder Verbündeten haben und vollständig auf ihre eigene Stärke angewiesen sein, um zu überleben und zu prosperieren. Das wird mehr Militärausgaben erfordern, nicht weniger, denn der offene Zugang zu ausländischen Ressourcen, Märkten und strategischen Stützpunkten, den die Amerikaner bislang genossen haben, wird nicht länger als Nebenprodukt der Allianzen des Landes verfügbar sein. Stattdessen wird er gegen andere Großmächte erkämpft und verteidigt werden müssen.
Die Amerikaner sind auf diese Zukunft weder materiell noch psychologisch vorbereitet. Acht Jahrzehnte lang lebten sie in einer liberalen internationalen Ordnung, die von Amerikas vorherrschender Stärke geprägt war. Sie haben sich daran gewöhnt, dass die Welt auf eine bestimmte Weise funktioniert: überwiegend kooperative und militärisch passive europäische und asiatische Verbündete arbeiten mit den Vereinigten Staaten in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen zusammen. Herausforderer der Ordnung wie Russland und China werden durch den vereinten Reichtum und die Macht der USA und ihrer Verbündeten begrenzt. Der globale Handel ist im Allgemeinen frei und nicht durch geopolitische Rivalitäten behindert, die Ozeane sind sicher befahrbar, und Atomwaffen werden durch Abkommen über ihre Produktion und ihren Einsatz begrenzt. Die Amerikaner sind so sehr an diese im Wesentlichen friedliche, wohlhabende und offene Welt gewöhnt, dass sie dazu neigen, sie für den Normalzustand internationaler Beziehungen zu halten, der sich auf unbestimmte Zeit fortsetzen werde. Sie können sich nicht vorstellen, dass sie auseinanderfällt – geschweige denn, was dieses Auseinanderfallen für sie bedeuten wird.
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