Warum der einfache Strompreisvergleich uns in die Irre führt – und was wirklich zählt
Sie haben es schon tausendmal gelesen: „Atomstrom kostet 11 Cent pro Kilowattstunde“, „Windstrom ist bei 5 Cent“, „Solar bei 4“. Diese Zahlen tauchen in Talkshows auf, in Zeitungskommentaren, auf Wahlplakaten. Sie suggerieren Klarheit. Sie suggerieren: Man kann Technologien wie Äpfel und Birnen vergleichen.
Kann man nicht.
Eine internationale Forschergruppe um Henrik Lund von der Universität Aalborg hat im Fachjournal Energy eine Methode vorgelegt, die den üblichen Vergleich als das entlarvt, was er ist: eine Milchmädchenrechnung. Ihr Instrument heißt SLCOE – System Levelized Cost of Energy. Auf Deutsch etwa: systemischer Stromgestehungspreis. Das klingt sperrig. Aber die Botschaft ist einfach: Eine Kilowattstunde ist nicht gleich eine Kilowattstunde.
Wer nur den reinen Erzeugungspreis (LCOE) vergleicht, blendet aus, was ein Kraftwerk wirklich kostet – nämlich das, was nötig ist, um es in ein funktionierendes, stabiles Stromnetz zu integrieren. Und da liegen Welten zwischen den Technologien.
Die 4-Cent- und die 10-Cent-Welt
Die Studie rechnet mit den offiziellen Kostenannahmen der Internationalen Energieagentur (IEA) für Europa im Jahr 2050. Das sind keine grünen Träumereien, sondern das, was die Branche selbst für realistisch hält.
Im reinen Erzeugungspreis (LCOE) sieht das Bild so aus:
- Solarstrom: etwa 3,5 Cent pro kWh
- Wind offshore: etwa 3,5 Cent
- Wind onshore: etwa 5,5 Cent
- Atomstrom: etwa 11 Cent
Auf den ersten Blick: Die Erneuerbaren sind günstiger – aber nicht dramatisch günstiger. Atom bei 11 Cent, Solar bei 3,5. Wer die Differenz auf die Jahresstromproduktion eines Landes hochrechnet, kommt auf Milliardensummen. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit.
Denn der LCOE des Atomkraftwerks geht von einer Betriebszeit von 80 Prozent der Jahresstunden aus – also fast durchgehend. Was aber, wenn das ganze Land nur von einem einzigen AKW versorgt werden soll? Dann braucht es Reserven für die 20 Prozent Ausfallzeit (Wartung, Störfälle). Und für die Spitzenlast. Das kostet. Bei Solar und Wind ist das Problem viel größer: Sie liefern nur, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Also braucht man entweder riesige Speicher oder Reservekraftwerke.
Der LCOE ignoriert das alles. Der SLCOE rechnet es ein.
Der Systempreis: Wo die Erneuerbaren davonziehen
Die Forscher haben zwei Szenarien durchgerechnet:
- Ein „nur-Strom“-System – das entspricht in etwa unserem heutigen Strommarkt mit wenig Sektorkopplung.
- Ein klimaneutrales Energiesystem der Zukunft – mit Elektroautos (die intelligent laden), Wärmepumpen, Power-to-X (Strom zu Wasserstoff) und all den Flexibilitäten, die ein modernes System bietet.
Das Ergebnis ist eindeutig.
Im heutigen Stromsystem (also mit wenig Flexibilität) sind die Systemkosten für alle Technologien hoch. Selbst Atomkraft braucht dann Reservelösungen. Aber die Erneuerbaren haben hier noch einen Nachteil: Sie brauchen viel Speicher oder Überkapazität.
Im klimaneutralen System der Zukunft aber kippt das Bild komplett. Denn die ganzen neuen Verbraucher – E-Autos, Wärmepumpen, Elektrolyseure – können so gesteuert werden, dass sie dann laufen, wenn viel Wind und Sonne da sind. Das senkt die Systemkosten der Erneuerbaren dramatisch.
Konkret: Die Systemkosten (also die Zusatzkosten für Speicher, Backup, Netze) fallen bei Wind und Solar auf wenige Cent pro kWh. Im Fall der Studie sind es zwischen 0,9 und 5,4 Cent pro kWh je nach Technologie – zusätzlich zu den ohnehin niedrigen Erzeugungskosten.
Bei der Atomkraft bleiben die Systemkosten höher, weil das AKW nicht flexibel auf Angebot und Nachfrage reagieren kann. Es muss entweder durchlaufen (und Überschuss irgendwo hin) oder abgeregelt werden – beides teuer.
Die Rechnung der Autoren: Im vollständigen System liegt der SLCOE von erneuerbaren Kombinationen (Wind + Solar) bei etwa 4–6 Cent pro kWh. Der SLCOE von Atomkraft liegt bei über 10 Cent – selbst mit optimistischen Annahmen.
Das Endlager-Problem: Die vergessene Milliarde
Und dann ist da noch das, was in keiner IEA-Kostenrechnung auftaucht: die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle.
Die Studie selbst schließt diese Kosten ausdrücklich aus. Das ist wissenschaftlich sauber – aber politisch verheerend. Denn die Entsorgung radioaktiver Abfälle ist kein Randproblem. In Deutschland suchen wir seit Jahrzehnten nach einem Endlager. Die Kosten werden auf mindestens 50 bis 100 Milliarden Euro geschätzt, allein für die bereits angefallenen Abfälle. Für neue AKW kämen weitere hinzu. Und das sind nur die heute absehbaren Kosten – für eine Lagerung, die eine Million Jahre sicher sein muss.
Kein Versicherungsunternehmen der Welt würde das decken. Also übernimmt es der Steuerzahler. Rechnet man diese Risiken ein – auch nur grob – dann liegt der echte Preis des Atomstroms eher bei 15 bis 20 Cent pro kWh.
Die Erneuerbaren haben dieses Problem nicht. Ihre Abfälle (Module, Rotorblätter) sind zwar auch nicht trivial, aber technisch beherrschbar und vor allem nicht über geologische Zeiträume giftig.
Was also lernen wir?
Die nächste Diskussion über Strompreise sollten Sie mit einer Gegenfrage beginnen: „Rechnen Sie da die Systemkosten mit ein – oder nur den reinen Erzeugungspreis?“
Denn wer nur den LCOE vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Wer den SLCOE vergleicht, sieht:
- Erneuerbare Energien sind nicht nur in der Herstellung günstig – sie werden im Verbund mit intelligenten Verbrauchern und Speichern auch im System immer günstiger. Die Studie zeigt: 4 bis 6 Cent pro kWh sind realistisch, selbst mit allen Zusatzkosten.
- Atomkraft ist nicht nur im Erzeugungspreis teurer (11 Cent) – ihre Systemkosten sind höher, weil sie unflexibel ist. Und die nicht versicherten Endlagerkosten treiben den realen Preis auf ein Vielfaches.
- Wer heute ein klimaneutrales Energiesystem baut, baut es mit Wind, Sonne, Speichern und Sektorkopplung – nicht mit Atomkraft. Das ist keine Ideologie. Das ist das Ergebnis einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung.
Die Studie von Lund und Kollegen ist keine grüne Kampfschrift. Sie arbeitet mit den Zahlen der Internationalen Energieagentur, die eher konservativ rechnet. Und selbst mit diesen Zahlen gewinnen die Erneuerbaren – klar, sauber, und ohne endlose Lagerprobleme.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360544226009837
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