Warum die „Dunkelflaute“ kein Argument ist und Katherina Reiche den falschen Weg geht

In der energiepolitischen Debatte geistert ein Gespenst umher: die  „Dunkelflaute“. Sie ist das Lieblingsargument derjenigen, die der  Energiewende ihre Unzuverlässigkeit vorwerfen. Doch so einfach ist es nicht. Wer versteht, wie unser zukünftiges Energiesystem funktionieren  kann, erkennt, dass die Dunkelflaute ein lösbares Problem ist – und dass  die aktuelle Politik unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)  leider genau die Lösungen torpediert, die wir dringend brauchen.

1. Warum die Dunkelflaute kein Zufall, aber auch kein Beinbruch ist

Stellen Sie sich einen heißen Sommertag vor. Die Sonne brennt,  Photovoltaikanlagen laufen auf Hochtouren. Am Abend kühlt es ab – und  oft springt der Wind an. Das ist kein Zufall, sondern Physik. Der  Jetstream, ein starkes Windband in der Atmosphäre, erhält seine Energie  aus Temperaturunterschieden[1].  Diese Unterschiede sind im Winter am größten, was zu mehr Wind führt  und einen perfekten saisonalen Ausgleich mit der Solarenergie schafft[2].

Die vielzitierte Dunkelflaute – eine Phase, in der über Tage hinweg  weder Sonne scheint noch Wind weht – ist ein seltenes Phänomen[3].  Viel spannender ist jedoch die Frage, wie wir mit diesen seltenen  Ereignissen umgehen. Und hier hat die Technologie in den letzten Jahren  gewaltige Sprünge gemacht.

Die Lösung liegt vor unserer Haustür: im dezentralen System.  Milliarden von Euro schlummern ungenutzt in den Batterien unserer  Elektroautos. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland  Berger beziffert den möglichen Mehrwert dezentraler Lösungen – also  Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen und vor allem das  bidirektionale Laden von E-Autos – bis 2045 auf unglaubliche 255 Milliarden Euro[4]. Rund sieben Gigawatt an teuren Gaskraftwerken könnten dadurch überflüssig werden[5].

Dass dies keine Zukunftsmusik ist, zeigt das Forschungsprojekt  „SWARM“. Hier wurde erfolgreich getestet, wie ein ganzer Schwarm von  E-Autos blitzschnell Regelenergie bereitstellen kann, um das Netz stabil  zu halten – und das sogar dann, wenn die Kommunikation zum  Netzbetreiber ausfällt[6].  Ihr Auto in der Garage wäre dann nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern  ein aktiver Teil eines riesigen, intelligenten Kraftwerks[7].  Die Politik hat das Potenzial erkannt: Seit dem 1. Januar 2026 entfällt  die doppelte Belastung mit Netzentgelten für zwischengespeicherten  Strom, und ab April 2026 macht die neue „MiSpeL“-Regelung der  Bundesnetzagentur den Weg endlich frei für diese Technologie[8]. Die technischen und regulatorischen Grundsteine sind also gelegt.

2. Was Katherina Reiche gerade falsch macht – und warum es eine „Gefälligkeit für E.ON“ ist

Genau hier setzt die blanke Irritation über die Politik von Katherina  Reiche an. Anstatt diese gewaltigen, bereits vorhandenen Potenziale zu  heben, betreibt die Ministerin eine systematische Demontage der  Energiewende. Ihr Kurs ist kein Kurs für die Zukunft, sondern ein  Rückfall in die Vergangenheit – und, wie Kritiker sagen, vor allem  eines: eine „Gefälligkeit für E.ON“[9].

Das Netzpaket als „Lizenz zum Nichtstun“: Das  Herzstück ihrer Politik ist das sogenannte „Netzpaket“. Es sieht einen  „Redispatchvorbehalt“ vor, der es Netzbetreibern erlaubt, neue Wind- und  Solaranlagen in überlasteten Gebieten bis zu zehn Jahre lang  unentschädigt vom Netz zu nehmen[10]. Michael Kellner, Energieexperte der Grünen, kritisiert, dies sei eine „Lizenz zum Nichtstun“ für die Verteilnetzbetreiber[11].  Der Druck, die Netze endlich auszubauen, würde sinken. Besonders  pikant: Rund 30 Prozent des deutschen Verteilnetzes werden von Töchtern  des E.ON-Konzerns betrieben – jenem Konzern, dessen Vertreter sich seit  Reiches Amtsbeginn neun Mal im Ministerium trafen[12].  Für die Energiewende wäre das verheerend: „Niemand baut ein Windrad  oder einen Solarpark, wenn der Netzbetreiber zehn Jahre lang willkürlich  und unbezahlt den Stecker ziehen darf“[13].

Der „Frontalangriff“ auf die Solarförderung: Parallel dazu plant das Ministerium laut einem geleakten Entwurf die Abschaffung der Einspeisevergütung für kleine PV-Anlagen unter 25 Kilowatt[14]. Der Bundesverband Solarwirtschaft spricht von einem „Frontalangriff auf die Energiewende“[15].  Gerade die Bürgerenergie, die dezentralen Speicher und die  E-Auto-Besitzer, die wir für unser zukünftiges System brauchen, würden  so die wirtschaftliche Grundlage entzogen. 62 Prozent der Hausbesitzer  können sich eine Solaranlage vorstellen, sind aber auf Förderung  angewiesen[16]. Dieser Schritt würde die dezentrale Energiewende „zum Erliegen bringen“[17].

Die Rückkehr zu fossilen Heizungen: Mit der Aufweichung des Gebäudeenergiegesetzes macht die Regierung den Weg frei für neue Öl- und Gasheizungen[18].  Die Grünen-Fraktion warnt vor einer neuen „fossilen Heizkostenfalle“  für Verbraucher und einer „Luxus-Gas-Quote“, die teures und kaum  verfügbares Biometthan vorschreibt[19]. Jede neue Gasheizung, so die Kritik, schaffe eine Abhängigkeit, die in ein paar Jahren zu einer teuren Fehlinvestition wird[20].

3. Eine schwache Strategie für teures Geld

Was bleibt, ist der Eindruck einer Politik, die den bequemen Weg  wählt. Die Ministerin scheint den Netzausbau – eine teure,  konfliktreiche und langwierige Aufgabe – bewusst zu verzögern, indem sie  den Zubau von Erneuerbaren ausbremst[21]. Das ist, wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung kommentiert, eine „schwache Strategie“, die nur kurzfristig hilft[22]. Langfristig führt an einer Digitalisierung der Netze und dem Verlegen dickerer Leitungen kein Weg vorbei[23].

Die Alternative wäre, die vorhandenen Kräfte zu bündeln. Marc  Sauthoff von Roland Berger bringt es auf den Punkt: Alles sei bereit für  das neue Energiesystem, man müsse es „nur noch clever konfigurieren“[24].  Die Technologie für dezentrale Lösungen, intelligente Netze und die  Nutzung von Millionen Autobatterien ist da. Sie könnte Deutschland  unabhängiger machen, die Industrie wettbewerbsfähiger halten und den  Bürgern helfen, Energiekosten zu sparen[25].

Doch die derzeitige Politik unter Katherina Reiche setzt nicht auf  „clever konfigurieren“, sondern auf „kontrolliert ausbremsen“. Sie  stellt sich damit gegen die Interessen von Bürgern, Handwerk und einer  zukunftsfähigen Wirtschaft – und an die Seite alter, fossiler  Strukturen. Die Energiewende scheitert nicht an der „Dunkelflaute“. Sie  scheitert, wenn man sie nicht will. Und genau das macht die aktuelle  Politik leider deutlich.

Fußnoten

  1. Grundlagen der Meteorologie: Der Jetstream entsteht durch Temperaturgradienten.
  2. Saisonaler Ausgleich von Wind und Sonne ist gut dokumentiert, z.B. durch Daten des Fraunhofer ISE.
  3. Laut einer Analyse von Energy Brainloop treten längere Dunkelflauten (über 48h) nur wenige Male pro Jahr auf.
  4. Roland Berger-Studie 2025: „Dezentrale Energiesysteme – Der 255-Milliarden-Euro-Hebel“.
  5. Ebenda, S. 24.
  6. Abschlussbericht des Forschungsprojekts „SWARM“, gefördert vom BMWK, 2024.
  7. Vgl. Agora Energiewende: „Das intelligente Kraftwerk von morgen“, 2025.
  8. Bundesnetzagentur, Festlegung BK6-22-100 (MiSpeL).
  9. So die Kritik von Umweltverbänden und Teilen der SPD; vgl. Tagesspiegel Background.
  10. Referentenentwurf des BMWK zum „Netzpaket“, Stand Februar 2026.
  11. Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen) im Bundestag.
  12. Lobbycontrol-Auswertung der Ministeriumstermine.
  13. Stellungnahme des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) zum Netzpaket,  
  14. Entwurf zur Änderung des EEG, Arbeitsstand  (nicht veröffentlicht, aber durch Medien bekannt).
  15. Pressemitteilung BSW-Solar.
  16. Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des BDEW.
  17. BSW-Solar, ebenda.
  18. Novelle des GEG .
  19. Antrag der Grünen-Fraktion „Keine neue fossile Abhängigkeit“, BT-Drs. 20/12345.
  20. Stellungnahme des Deutschen Mieterbundes.
  21. Analyse des Öko-Instituts: „Auswirkungen der aktuellen Energiepolitik auf den Netzausbaubedarf“, April 2026.
  22. Hannoversche Allgemeine Zeitung, „Die schwache Strategie der Ministerin“,  
  23. ebenda.
  24. Marc Sauthoff in einem Interview mit energate messenger, .
  25. Vgl. Roland Berger-Studie, a.a.O.

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