Schluss mit den Tabus: Eine neue Generation feiert die sexuelle Selbstbestimmung. Doch wie offen ist unsere Gesellschaft wirklich? Ein Blick auf die sexpositive Bewegung, ihre Partys, ihre Politik – und was der "Sexy City Index" über uns verrät.

Die Bässe wummern, Körper bewegen sich im Stroboskoplicht. Die Luft ist erfüllt von einer Mischung aus Schweiß, Parfüm und einer spürbaren Energie, die weit über die reine Partystimmung hinausgeht. Es ist eine Atmosphäre der Freiheit, der Akzeptanz, des gegenseitigen Respekts. Willkommen auf einer sexpositiven Party, einem der sichtbarsten Zeichen einer kulturellen Bewegung, die leise, aber bestimmt unsere Gesellschaft verändert.

Was vor einigen Jahren noch als Nischenphänomen in den queeren Underground-Szenen Berlins begann, hat längst den Mainstream erreicht. Von Hamburg bis München, von Köln bis Leipzig entstehen neue Räume, in denen Sexualität nicht als schambehaftetes Geheimnis, sondern als integraler Bestandteil des menschlichen Seins zelebriert wird. Doch was genau verbirgt sich hinter dem schillernden Begriff der "Sex-Positivität"? Und wie schlägt sich diese neue Offenheit im Alltag und in der Kultur unserer Städte nieder?

Mehr als nur freie Liebe: Die Philosophie der Sex-Positivität

Im Kern ist die sexpositive Bewegung eine soziale und philosophische Strömung, die eine grundlegende Neubewertung von Sexualität fordert. Sie basiert auf der Überzeugung, dass Sexualität in all ihren vielfältigen Ausdrucksformen eine natürliche und gesunde Kraft im Leben eines Menschen ist. Der Begriff, der oft dem umstrittenen Psychoanalytiker Wilhelm Reich zugeschrieben wird, steht im direkten Gegensatz zu einer "sex-negativen" Haltung, die Sexualität als problematisch, gefährlich oder sündhaft betrachtet.

Die zentralen Säulen der Sex-Positivität sind Konsens, Kommunikation und Diversität. Jede sexuelle Handlung muss auf freiwilliger und enthusiastischer Zustimmung aller Beteiligten beruhen. Offene Kommunikation über Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse wird nicht nur gefördert, sondern als unerlässlich angesehen. Gleichzeitig feiert die Bewegung die Vielfalt sexueller Orientierungen, Identitäten und Praktiken – von Hetero- bis Homosexualität, von Monogamie bis Polyamorie, von Vanille-Sex bis BDSM.

Es geht darum, die eigene Sexualität frei von Scham und gesellschaftlichem Druck zu erforschen und auszuleben.Diese Haltung ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Die sexuelle Revolution der 1960er-Jahre, die feministischen Debatten der 1980er-Jahre – bekannt als die "Feminist Sex Wars" – und die unermüdliche Arbeit von Aktivistinnen und Theoretikerinnen wie Carol Queen oder Gayle Rubin haben den Boden für die heutige Bewegung bereitet. Sie kämpften gegen Zensur, für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und dafür, die weibliche Lust aus der Tabuzone zu holen.

Vom Darkroom in den Diskurs: Sex-positive Räume heute

Heute manifestiert sich diese Kultur in vielfältiger Weise. Am bekanntesten sind wohl die bereits erwähnten sexpositiven Partys, die längst nicht mehr nur in Metropolen wie Berlin stattfinden. Auch in Städten wie Stuttgart erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit, wie der Erfolg von Veranstaltungsreihen wie dem "KitKatClub" in wechselnden Locations zeigt.

Diese Events sind mehr als nur hedonistische Exzesse. Sie sind sorgfältig kuratierte Räume mit strengen Einlasskriterien und Verhaltensregeln. Ein sogenanntes "Awareness-Team" achtet darauf, dass Grenzen respektiert und Übergriffe verhindert werden. Es geht um die Schaffung eines sicheren Raumes ("Safer Space"), in dem sich alle frei entfalten können.Doch die Bewegung wirkt weit über das Nachtleben hinaus. Workshops zu Themen wie BDSM, Kommunikation in Beziehungen oder weibliche Ejakulation ziehen ein breites Publikum an. Erotik-Boutiquen, die sich als Institute für sexuelle Bildung verstehen, wie "Frau Blum" in Stuttgart, erleben einen Aufschwung.

Online-Communities und feministische Pornografie-Plattformen schaffen neue, ethische Alternativen zur kommerziellen Pornoindustrie. Sexualität wird zunehmend als ein Kulturgut begriffen, das es zu pflegen und zu erforschen gilt.

Sexy Cities: Ein Ranking der Lust?

Die Frage, wie sexpositiv eine Gesellschaft oder eine Stadt tatsächlich ist, ist schwer zu beantworten. Einen interessanten, wenn auch nicht unumstrittenen Versuch einer Quantifizierung unternimmt der "Sexy City Index", der von dem Erotikportal Erotik.com veröffentlicht wurde. Die Studie analysiert und vergleicht Städte anhand verschiedener Kriterien, die als Indikatoren für eine offene und liberale Atmosphäre in Bezug auf Sexualität gelten. Dazu gehören beispielsweise die Dichte an Sexshops und Nachtclubs, die Anzahl an LGBTQ+-freundlichen Orten, die Häufigkeit von Suchanfragen nach erotischen Themen und die Zugänglichkeit von Informationen zur sexuellen Gesundheit.Das Ranking, das in der Vergangenheit oft von Metropolen wie Berlin oder Hamburg angeführt wurde, bietet Anlass zur Diskussion.

Was macht eine Stadt "sexy"? Ist es die schiere Anzahl an Partymöglichkeiten oder doch eher eine tief verankerte Kultur der Toleranz und Aufklärung? Der Index kann als ein Gradmesser verstanden werden, der zeigt, wo die sexpositive Infrastruktur bereits gut ausgebaut ist und wo es noch Nachholbedarf gibt. Er verweist auf die komplexen Zusammenhänge zwischen urbanem Leben, sexueller Freiheit und gesellschaftlichen Normen. Wer sich für die detaillierten Ergebnisse und die Methodik interessiert, findet die vollständige Studie im Blog von Erotik.com.

Die Grenzen der Freiheit

Trotz aller Fortschritte steht die sexpositive Bewegung auch vor Herausforderungen. Kritiker warnen davor, dass der Fokus auf individuelle Freiheit und Lust die potenziellen Gefahren und Machtungleichgewichte im sexuellen Miteinander ausblenden könnte.

Die Debatte um die Auswirkungen von Pornografie auf das reale Sexualverhalten ist nach wie vor aktuell. Zudem muss sich die Bewegung immer wieder der Frage stellen, wie inklusiv sie wirklich ist. Werden die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, von älteren Menschen oder von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft ausreichend berücksichtigt?Die Antwort liegt, wie so oft, in der kontinuierlichen Auseinandersetzung und im Dialog. Eine wahrhaft sexpositive Kultur ist keine, in der alles erlaubt ist, sondern eine, in der die Grenzen des Einzelnen respektiert werden und in der einvernehmliche Lust als positive und lebensbejahende Kraft anerkannt wird. Es ist ein Weg, der gerade erst begonnen hat. Die neue Lust an der Freiheit ist mehr als ein flüchtiger Trend – sie ist ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel, der unsere Beziehungen, unsere Städte und letztlich uns selbst verändert.