Oder: Warum Ihr Nachbar „Windflaute“ sagt, der Ingenieur aber „positives Residuallast-Ereignis“
Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Weltreise. Sie wollen wissen, wie oft es regnet. Klingt einfach? Nicht ganz. Denn was heißt „Regen“? Reicht ein Nieselregen, oder zählt nur der Wolkenbruch? Dauert er fünf Minuten oder fünf Tage an? Und was ist, wenn Sie einen Sonnenschirm dabeihaben?
Genau dieses Problem haben Forschende, wenn sie die Energiewende planen. Sie wollen wissen: Wie schlimm sind Dunkelflauten wirklich? Also jene Zeiträume, in denen fast kein Wind weht und die Sonne sich tagelang hinter Wolken versteckt. Klingt nach einer einfachen Frage. Aber wie das Paper von Martin Kittel und Wolf-Peter Schill zeigt, ist die Antwort erstaunlich knifflig.
Die gute Nachricht zuerst: Es gibt viele Methoden, eine Dunkelflaute zu messen. Die schlechte: Je nach Methode kommt ein völlig anderes Ergebnis heraus. Die Autoren vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben deshalb verschiedene Ansätze aus der Meteorologie, der Hydrologie (der Lehre vom Wasser) und der Energiewirtschaft seziert – und zeigen, wie man es richtig (und vor allem falsch) macht.
Zwei Welten treffen aufeinander
Die Wissenschaft ist hier zweigeteilt, und das ist das Kernproblem. Die eine Gruppe schaut nur auf die Energiequelle („VRE-Dürre“). Also: Weht der Wind? Scheint die Sonne? Die andere Gruppe schaut auf das Gesamtsystem („Positives Residuallast-Ereignis“). Also: Reicht der Strom aus Wind und Sonne überhaupt aus, um den Bedarf der Menschen zu decken?
Das ist ein himmelweiter Unterschied. Ein sonniger, aber windstiller Tag ist für eine Windkraftanlage eine Katastrophe (VRE-Dürre). Wenn an diesem Tag aber alle in den Urlaub fahren und kaum Strom brauchen, ist das Gesamtsystem vielleicht völlig entspannt. Umgekehrt kann ein bewölkter, aber windiger Tag die Lücke perfekt füllen.
Die größte Falle: Der Schwellenwert
Die meisten Methoden sind sogenannte Schwellenwert-Verfahren (ab Seite 4 im Paper). Man setzt eine Linie: Werden weniger als 20 Prozent der möglichen Leistung erzeugt, ist es eine Dunkelflaute. Klingt logisch, ist aber tückisch.
Der Wert „20 Prozent“ ist willkürlich. Setzt man die Schwelle auf 15 Prozent, gibt es vielleicht nur drei solcher Ereignisse pro Jahr. Setzt man sie auf 25 Prozent, zählt man vielleicht 20 Ereignisse – darunter viele harmlose, zweistündige Wölkchen, die niemanden wirklich interessieren.
Noch kniffliger wird es im Vergleich. Eine Windflaute in der Nordsee ist etwas völlig anderes als eine Solarflaute in Südbayern im Dezember. Im Dezember erreicht die Sonne in Bayern nie auch nur annähernd 20 Prozent ihrer Sommerleistung. Nach dieser Logik wäre also der ganze Dezember eine einzige Dunkelflaute – was physikalisch zwar stimmt, aber systemtechnisch Unsinn ist, weil wir ja wissen, dass der Winter dunkel ist.
Die Lösung der Autoren: Man sollte nicht mit starren, absoluten Prozenten arbeiten, sondern mit relativen Schwellen, die sich am jeweiligen Ort und der jeweiligen Jahreszeit orientieren. Eine Flaute ist dann ein Ereignis, das deutlich schlechter ist als "normal" für diese Region und diese Woche.
Der Zeithorizont: Die zweite große Falle
Messen wir die Dauer einer Flaute? Zählen wir jede einzelne Stunde unter der Schwelle? Oder glätten wir die Kurve?
Beispiel: Es ist eine Woche lang trüb, aber mittags scheint für zwei Stunden kurz die Sonne – also über der Schwelle. Die „Constantly-Below-Threshold“-Methode (strengste Methode) würde sagen: Die Flaute ist vorbei, die Uhr geht zurück auf Null. Das ist realitätsfern, denn die zwei Stunden Sonne reichen nicht aus, um die Batterien für die nächste Nacht zu füllen.
Die Autoren empfehlen daher gleitende Mittelwerte („Moving Average“). Man schaut also nicht auf die einzelne Stunde, sondern zum Beispiel auf den Durchschnitt der letzten 72 Stunden. Das verhindert, dass kurze Sonnenfenster den Ernst der Lage verschleiern. Hier wird der Übergang zur Hydrologie deutlich: Flüsse führen auch dann noch wenig Wasser, wenn es für eine Stunde aufhört zu regnen. Eine Dunkelflaute im Stromsystem ist ein Energie-Ereignis, kein Momentaufnahme.
Der große Wurf: Die Brücke zur Realität
Der wichtigste Punkt des Papers ist der Schritt von der reinen "VRE-Dürre" hin zum Positiven Residuallast-Ereignis (PRL) . Hier wird die Nachfrage (der Stromverbrauch) ins Spiel gebracht.
Stellen Sie sich vor: Eine Windflaute dauert drei Tage. Die Forscher berechnen die sogenannte Residuallast. Das ist die Last, die nach Abzug von Wind- und Solarstrom übrig bleibt – also das, was Gaskraftwerke, Wasserkraft oder Batterien liefern müssen. Ist diese Residuallast positiv, ist die Erzeugungslücke real. Ist sie negativ, produzieren wir sogar mehr Ökostrom als gebraucht wird (dann wäre die Flaute egal).
Das Paper schlägt hier einen cleveren Trick aus der Hydrologie vor, den angepassten Sequent Peak Algorithmus. Damit berechnet man nicht nur, wie lange eine Flaute dauert, sondern auch, wie tief sie ist – also die gesamte Energiemenge, die aus Speichern oder Reserven nachgeliefert werden muss. Zwei Flauten können gleich lang sein, aber die eine erfordert ein riesiges Batterielager, die andere nur ein kleines.
Fazit für den wachen Leser
Dieses Paper ist im Kern ein Weckruf. Es sagt: Hört auf, von der Dunkelflaute zu reden.
Eine Dunkelflaute ist kein Naturereignis wie ein Erdbeben, das man einfach messen kann. Sie ist eine Konstruktion aus Messlatte (Schwellenwert), Zeitfenster (Dauer) und Systemgrenze (Netzlast).
Die goldene Regel für die nächste Diskussion am Stammtisch:
Wenn jemand sagt "Die Dunkelflaute in 2035 wird 14 Tage dauern", fragen Sie freundlich zurück: "Nach welcher Definition? Wird die Nacht mitgezählt? Ist die Schwelle 10 oder 20 Prozent der installierten Leistung? Und wurde der Stromverbrauch an diesen Tagen berücksichtigt?"
Oder wie Kittel & Schill es wissenschaftlich elegant ausdrücken: Es kommt nicht nur auf die Dauer an, sondern auf das Zusammenspiel von Erzeugung, Verbrauch und der Fähigkeit des Systems, Puffer zu schaffen. Die Kunst der Energiesystemanalyse ist es, die Flaute so zu definieren, dass die Definition am Ende auch das Problem löst, das man untersuchen will.
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