
Es gibt Berufe, in denen Unachtsamkeit auffällt. Der Chirurg, der nicht hinschaut. Der Statiker, der eine Stelle überspringt. Der Pilot, der eine Checkliste überfliegt. Wir haben Systeme gebaut, die solche Momente verhindern, weil wir wissen, was sie kosten.
Den Journalisten hat niemand auf diese Liste gesetzt. Dabei formt er täglich etwas, das fragiler ist als Knochen, Beton oder Tragflächen: das Vokabular, mit dem eine Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Und er tut es oft unter Zeitdruck, mit einer Formulierung, die gestern auch gereicht hat, in einem Betrieb, der Geschwindigkeit belohnt und Präzision stillschweigend als Luxus behandelt.
Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beschreibung. Aber Beschreibungen haben Konsequenzen.
Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Wer die Wörter wählt, wählt auch, was gedacht wird. Nicht weil Sprache Gedanken erzwingt, sondern weil sie Bahnen legt. Wer jeden Abend dieselben abgeschliffenen Begriffe liest, denkt irgendwann in ihnen. Und wer in ihnen denkt, stellt bestimmte Fragen nicht mehr. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Gewöhnung.
Das ist das eigentlich Beunruhigende.
Nehmen wir «Es gab Tote auf beiden Seiten.» Dieser Satz steht täglich irgendwo. Er klingt ausgewogen, fast redlich. Er suggeriert Symmetrie zwischen einer Armee mit Kampfflugzeugen, Panzern und Satellitenaufklärung und einer Zivilbevölkerung, die in Kellern stirbt. Beide Seiten. Als wären die Umstände des Sterbens vergleichbar. Als wäre «Tote» ein hinreichend präziser Begriff, solange man nicht benennen muss, wer wen getötet hat. Vermutlich hat die Redaktorin, die diesen Satz geschrieben hat, dabei nicht einmal gezögert. Warum auch, er hat schon so oft gereicht.
«Verschärfte Verhörmethoden.» Das Wort «Folter» existiert. Es steht im Duden. Man darf es schreiben, drucken, sagen. Wer es trotzdem nicht tut, hat entweder nie innegehalten, oder einen Grund dafür. Beides ist ein Problem, aber nur eines davon ist lösbar.
«Zivile Opfer.» Opfer klingt nach Schicksal, nach Tragödie, nach etwas, das sich ereignet wie schlechtes Wetter. Getötete Zivilisten klingt nach jemandem, der getötet hat. Der Unterschied ist grammatikalisch. Die Konsequenz ist politisch. Und der Journalist, der jeden Abend «zivile Opfer» tippt, merkt das irgendwann nicht mehr.
Das ist das Problem mit abgeschliffener Sprache: Sie schleift auch das Denken ab.
Victor Klemperer, der die Sprache des Dritten Reichs jahrelang akribisch dokumentierte, schrieb:
«Die Sprache dichtet und denkt für den Menschen.»
Er meinte das nicht als Kompliment.
Eine Gesellschaft, die «Sicherheitsoperation» hört, denkt anders als eine, die «Angriffskrieg» hört. Wörter sind Weichen. Sie entscheiden, welche Züge abfahren und welche im Depot bleiben, bis die Zeugen tot sind. Wer das für eine akademische Spitzfindigkeit hält, hat das Privileg, noch nie in einem Land gelebt zu haben, dessen Vernichtung als «Massnahme» bezeichnet wurde.
Die Lösung ist nicht ein Regelwerk. Kein Styleguide rettet das Denken. Was es braucht, ist das kurze Innehalten vor dem Absenden, die eine Sekunde, in der man fragt: Beschreibt dieses Wort, was wirklich passiert ist? Oder beschreibt es, was ich bereit bin zu sagen?
Das ist kein hoher Anspruch. Es ist der Mindestanspruch.
Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Das lässt sich nicht oft genug wiederholen. Und wer täglich Werkzeuge benutzt, ohne nachzusehen, was er damit baut, baut trotzdem. Er weiss es nur nicht.
Das ist nicht dämlich. Das ist gefährlich.
Für alle.
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