Warum so viele Menschen in die Schuldenfalle tappen – und warum es keine Frage des Versagens ist

Es gibt eine Gruppe von Menschen in Deutschland, über die kaum jemand  spricht. Nicht weil es sie nicht gibt – sondern weil sie selbst am  lautesten schweigen.

Sie stehen morgens auf, fahren zur Arbeit, bringen die Kinder zur  Schule, kaufen ein, bezahlen ihre Rechnungen – soweit es geht. Sie sehen  aus wie alle anderen. Sie wollen sein wie alle anderen. Aber  abends, wenn die Kinder schlafen, sitzt die Angst am Küchentisch. Die  Kontoauszüge werden nicht mehr geöffnet. Der Dispokredit ist seit  Monaten voll. Das Auto läuft auf Pump. Und niemand, wirklich niemand  darf es wissen.

Diese Menschen sind überschuldet. Nach aktuellen Schätzungen sind in Deutschland rund 5,7 Millionen Erwachsene betroffen1 – ein erheblicher Teil davon taucht in keiner Statistik auf, bekommt keine Hilfe, spricht mit niemandem.

Und wenn du gerade denkst: „Das bin ich“ – dann ist dieser Text für dich geschrieben.

Warum wir alle mitspielen wollen

Lass uns von vorne anfangen. Mit etwas, das jeder Mensch kennt: dem Wunsch dazuzugehören.

Der ist nicht schwach. Der ist nicht peinlich. Der ist zutiefst  menschlich. Wir sind soziale Wesen. Unser Gehirn ist buchstäblich darauf  ausgelegt, Ausgrenzung als Schmerz wahrzunehmen. Wer nicht dazugehört,  ist in Gefahr – das hat die Evolution so verdrahtet, als wir noch in  kleinen Gruppen lebten und Ausschluss den Tod bedeuten konnte.

Heute bedeutet Ausschluss etwas anderes. Er bedeutet: kein Auto, wenn  alle anderen eins haben. Keine Urlaubsfotos, wenn der Feed der anderen  voll davon ist. Kein Smartphone der neuesten Generation, wenn das Kind  in der Schule ausgelacht wird. Kein Abendessen im Restaurant, wenn die  Kollegen nach der Arbeit hingehen.

Und so fangen Menschen an, Dinge zu kaufen, die sie sich nicht  leisten können. Nicht aus Dummheit. Nicht aus Gier. Sondern aus einem  ganz verständlichen, ganz menschlichen Bedürfnis: Ich möchte dazugehören.

Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen nannte das vor über hundert Jahren „demonstrativen Konsum“2. Wir kaufen nicht, was wir brauchen – wir kaufen, was wir sein wollen. Das Auto ist kein Transportmittel. Es ist eine Aussage: Ich bin einer von euch. Ich bin in Ordnung. Ich habe es geschafft.

Die Falle schnappt leise zu

Das Tückische ist: Es passiert nicht mit einem großen Knall. Die  Falle schnappt nicht in dem Moment zu, in dem man den Kreditvertrag  unterschreibt. Sie schnappt in tausend kleinen Momenten zu, über Monate  und Jahre.

Erst ist es der Ratenkredit für das Auto. Dann die neue Waschmaschine  auf Rechnung. Dann der Urlaub, den man sich „eigentlich nicht leisten  kann, aber irgendwie doch“. Dann der Dispo, der ein bisschen weiter  ausgereizt wird. Dann die Kreditkarte.

Und irgendwann sitzt man da, mit einem Einkommen, das vor drei Jahren  noch ausgereicht hat – und heute reicht es nicht mehr. Nicht wegen  Luxus. Sondern weil die Miete gestiegen ist. Weil Lebensmittel teurer  geworden sind. Weil man damals, als alles noch gut war, Entscheidungen  getroffen hat, die heute wie Ketten wirken.

Das ist keine Frage des Charakters. Das ist Mathematik. Und es ist eine Frage der Gesellschaft, in der wir leben.

Der Spiegel, der nicht lügt

Jetzt kommt der Teil, über den kaum jemand sprechen möchte.

Wer selbst in dieser Situation steckt, der braucht oft ein Ventil für  die Scham. Und dieses Ventil öffnet sich häufig in eine ganz bestimmte  Richtung: nach unten.

Menschen, die selbst knapp über dem Rand stehen – die nicht wissen,  wie sie den nächsten Monat überbrücken sollen, aber um Himmels willen  nicht zum Amt wollen – diese Menschen sind oft diejenigen, die am  lautesten über Bürgergeldempfänger herziehen. Über „die, die nichts  tun“. Über „die, die auf unsere Kosten leben“.

Das klingt widersprüchlich. Ist es aber nicht. Es ist menschlich.

Der Soziologe Pierre Bourdieu hat beschrieben, wie soziale Gruppen  sich nicht nur nach oben orientieren, sondern sich gleichzeitig nach  unten abgrenzen3.  Wer knapp über dem sozialen Rand steht, hat das stärkste Motiv, diesen  Rand sichtbar zu machen. Denn der Abstand nach unten ist das Einzige,  was die eigene Position noch stabilisiert. Wenn ich auf jemanden zeigen  kann, der „noch schlimmer dran“ ist, beweise ich mir selbst: Ich bin nicht wie die. Ich bin noch in Ordnung.

Aber hier ist die bittere Wahrheit: Der Mensch, der wütend auf den  Bürgergeldempfänger ist und selbst kaum über die Runden kommt, kämpft  gegen den falschen Gegner. Der Bürgergeldempfänger ist nicht der Grund  für die eigene Lage. Er ist nur jemand, der – aus welchen Gründen auch  immer – einen anderen Weg gegangen ist.

Wer den eigenen finanziellen Absturz als persönliches Versagen  erlebt, kann diese Wahrheit kaum ertragen. Also sucht man jemanden, der  noch mehr „versagt“ hat.

Es ist nicht deine Schuld – aber es ist deine Verantwortung

An dieser Stelle möchte ich direkt mit dir reden. Mit dir, wenn du vielleicht erkennst, dass das hier deine Geschichte ist.

Du hast keine falschen Entscheidungen getroffen, weil du dumm bist.  Du hast Entscheidungen getroffen, die in deiner Situation verständlich  waren – und die eine Gesellschaft dir täglich nahegelegt hat. Auf jedem  Plakat, in jeder Werbung, in jedem Instagram-Feed, in jedem Gespräch mit  Kollegen steckt dieselbe Botschaft: Kauf das. Hab das. Sei das.

Und du wolltest dazugehören. Das ist kein Fehler. Das ist, wer wir Menschen sind.

Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man anfangen muss,  hinzuschauen. Nicht um sich zu bestrafen. Sondern weil die Falle nicht  aufgeht, solange man wegschaut.

Die Scham, die dich davon abhält, mit jemandem zu sprechen – sie  schützt dich nicht. Sie hält dich fest. Schuldnerberatungsstellen in  Deutschland sind kostenlos, vertraulich, und die Menschen dort haben  alles schon gehört. Wirklich alles. Du wirst sie nicht schockieren. Du  wirst sie nicht enttäuschen. Du wirst ihnen zeigen, dass du bereit bist,  einen anderen Weg zu gehen.4

Was diese Gesellschaft verstehen sollte

Diese Menschen sind keine Verlierer. Sie sind das Ergebnis einer  Gesellschaft, die Konsum als Teilhabe definiert, gleichzeitig die Schere  zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet – und dann von individueller  Verantwortung spricht, wenn Menschen in die Falle tappen, die überall  ausgelegt ist.

Verdeckte Armut – also Armut, die sich hinter funktionierender  Fassade versteckt – ist kein Randphänomen. Studien zeigen, dass allein  beim Bürgergeld rund ein Drittel der Anspruchsberechtigten die Leistung  nicht beantragt5. Die häufigsten Gründe: Scham, Unwissenheit, Angst vor Stigmatisierung.

Empathie kostet nichts. Aber sie könnte jemandem das Leben retten.


Fußnoten

  1. Deutschlandatlas des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und  Raumforschung (BBSR), Daten des SchuldnerAtlas 2023: 5,7 Millionen  überschuldete Erwachsene, entspricht 8,2 % der Bevölkerung ab 18 Jahren.  
  2. Thorstein Veblen: The Theory of the Leisure Class,  1899. Veblen prägte den Begriff „conspicuous consumption“  (demonstrativer Konsum) für den Kauf von Gütern zum Zweck der sozialen  Statusdarstellung.
  3. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft,  1979 (frz. Original), deutsche Ausgabe Suhrkamp 1982. Bourdieus Konzept  der sozialen Distinktion beschreibt, wie Gruppen ihren Status durch  Abgrenzung nach unten sichern.
  4. Eine kostenlose Schuldnerberatungsstelle in der Nähe findet sich über das gemeinsame Portal der Wohlfahrtsverbände: schuldnerberatung.de. Beratung ist kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht.
  5. Wilke/Sielaff, Universität Jena (2023), zitiert nach Focus  Online (Januar 2024): Schätzung, dass nur ca. 65 % der  Bürgergeldberechtigten die Leistung tatsächlich beziehen – rund 2,1  Millionen Menschen verzichten auf ihnen zustehende Leistungen.

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