Eine wahre Geschichte

Hamburg war’s, glaub ich.
Ja, das kann sein.
Ich glaub, es war Hamburg, oder vielleicht
auch irgendwo anders, oder vielleicht
auch ganz sicher Hamburg.
In der Markthalle, im Juni 2001, nur
wirken präzise Erinnerungen an diese Zeit
immer irgendwie unglaubwürdig,
weshalb ich so tue,
als müsste ich überlegen.

Na, jedenfalls..

Es war schon zu früh,
um noch spät zu sein
und alles und alles klebte an mir,
Kleider und Luft und Blicke und
BASS, BASS, BASS, BASS und
ich musste mal pissen, oder vielleicht
wollte ich auch nur mal pissen müssen,
weil man auf Pillen nie pissen musste und
weil es irgendwie falsch war, nicht pissen zu müssen.
So verließ ich Luft, Blicke, Bass und
nur meine Kleider
folgten mir aus der Halle.

Na, jedenfalls..

Vor den Toiletten
kreischte hässliches Licht
aus hässlichen Lampen,
floss schauderhaftes Wasser
unter der Tür der Toiletten
und der Bass und der Bass und der Bass
verließ mich nach hinten,
als ich darauf zu glitt.
Und vor der Tür stand einer,
der starrte nach unten
ins hässliche Wasser,
als fragte er sich,
wie er dort hin oder vielleicht
auch wieder weg kommen sollte.

Na, jedenfalls...

Er schaut mich an und
ich schaue ihn an und
er sagt: Besorg uns Golfschuhe! sagt er,
Unmöglich, sagt er, in diesem Schlick zu laufen!
Und ich sage: Ich kann hier nicht anhalten,
das ist Fledermausland!
Und er nickt und ich nicke und
gleite vorbei, denn damit war irgendwie
schon alles gesagt.

Na, jedenfalls..

Die schauderhafte Tür
der schauerhaften Toiletten
stieß ich natürlich mit meinem Fuß auf,
nicht als Gebaren, versteht sich,
sondern rein aus Gründen der Hygiene.
Dahinter versuchte schauderhaftes Wasser
immer höher und höher und höher zu stapeln,
und
mittendrin stand einer wie ein Leuchtturm im Meer,
während
um ihn herum
allerlei
Gestalten
geschäftig
umhertrieben.

Na, jedenfalls...

Oh, denke ich, der sieht nicht gut aus.
Sein Gesicht trägt er über den Schädel gespannt,
wie nasses, hauchdünnes, gebleichtes Glattleder.
In tiefen Höhlen schwimmen
sinnlos blaue Augen.
Alle Kiefer mahlen
mit erschöpfender Sturheit ins Nichts.
Sein Blick ist nicht leer,
doch geht er ins Leere,
und seine Gedanken
folgen ihm nach.

Na, jedenfalls...

Man ignoriert einfach nicht,
wenn jemandes Hirn
an den Grenzen
des Realitätsspektrums gärt,
also frag ich, Hey Mann, frag ich ihn,
Alles cool bei Dir?
Und er hebt seinen Blick und er hebt seine Hand,
zwischen den Fingern
ein gerolltes Stück Papier,
vielleicht ein Flyer oder sonst ein Stück Abfall,
und er zieht daran, als wäre es eine Zigarette,
und sein Blick geht glatt
durch mich durch wie durch Glas
als er sagt:
Klaaaarmaaann... die EC-Karte is' zwar weg,
aber ich hab' die gleich bei Euch sperren lassen.
Und ich sage, Okay.
Und ich denke: Ja, dann,...
Da hat er ja noch mal
Glück gehabt.

Na, jedenfalls..

Auf dem Weg in die Halle
fand mich mein Anwalt.
Wo warst Du? fragt er.
Bankgeschäfte, sag ich.
Und er nickt wissend und gibt mir 'ne Kippe,
dazu Omegas und Blitze, eine höllische Kombi,
und das ist auch gut so, denn bei klarem Verstand
wäre das alles schier unerträglich.
Und wir schlendern in die Halle,
auf der Suche nach Bass, Bass, Bass, BASS
und etwas, um die Dinger
runterzuspülen.

Na, jedenfalls,..
Hamburg war‘s, glaub ich,
da bin ich ganz sicher,
oder vielleicht,
auch irgendwo anders,
doch ich bin ganz sicher,
es ganz genau so
erlebt zu haben.

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