Eine Replik

Einleitung

Im Artikel „Einfache Sprache – und die stille Kunst der Verblödung“ warnt
Jörg-Michael Bornemann vor einer Gefahr.

Er schreibt:
Wenn Sprache zu stark vereinfacht wird,
kann das Denken verarmen.
Menschen könnten dadurch leichter lenkbar werden.

Diese Sorge ist ernst zu nehmen.
Sie ist berechtigt, wenn Vereinfachung zum Selbstzweck wird.

Gleichzeitig müssen wir unterscheiden.
Nicht jede Vereinfachung ist ein Verlust.

Die zentrale Frage lautet:
Wo endet notwendige Inklusion?
Und wo beginnt der Verlust von Komplexität?

Dieser Text versteht Einfache Sprache als Einladung.
Aber nicht als Endstation.


Einfache Sprache ist eine Hilfe – aber kein Ersatz

Einfache Sprache soll helfen.
Sie soll Menschen unterstützen,
die lange oder komplizierte Texte schwer verstehen.

Das ist gut.
Und das ist wichtig.

Es gibt Menschen,
die Informationen sonst nicht erreichen.
Für sie ist einfache Sprache eine Brücke zur Teilhabe.


Es gibt einen wichtigen Unterschied

Leichte Sprache und Einfache Sprache
werden oft verwechselt.
Sie sind aber nicht dasselbe.

Leichte Sprache

ist sehr stark vereinfacht

richtet sich an Menschen mit Lernschwierigkeiten

folgt festen Regeln

Einfache Sprache

richtet sich an eine breite Öffentlichkeit

erklärt schwierige Themen verständlich

soll Inhalte korrekt wiedergeben

Das Ziel ist nicht: weniger denken.
Das Ziel ist: besser verstehen.


Wo beginnt das Problem?

Ein Problem entsteht,
wenn einfache Sprache zur Regel wird
und nicht mehr zur Hilfe.

Zum Beispiel dann,
wenn unterschwellig gesagt wird:
„Das ist zu kompliziert für euch.“
Oder:
„Das müsst ihr nicht so genau wissen.“

Dann wird Sprache nicht klarer.
Dann wird sie ärmer.


Sprache formt Denken

Wir denken mit Sprache.
Wir unterscheiden mit Sprache.
Wir verstehen Zusammenhänge mit Sprache.

Wenn Texte nur noch sehr kurze Sätze haben
und wichtige Begriffe vermieden werden,
gehen Werkzeuge des Denkens verloren.

Man kann Inhalte dann leichter aufnehmen.
Aber man kann sie schwerer prüfen.
Und schwerer hinterfragen.


Wer verliert dabei?

Es entsteht die Gefahr einer Spaltung.

Ein Teil der Menschen
liest weiterhin komplexe Texte.
Dieser Teil behält Zugang zu Wissen
und zu politischen Zusammenhängen.

Andere verlieren diesen Zugang langsam.
Nicht, weil sie es nicht könnten.
Sondern weil man es ihnen nicht mehr zutraut.


Einfache Sprache darf keine Abkürzung sein

Einfache Sprache sollte eine Einladung sein.
Keine Abkürzung.
Und keine Endstation.

Sie sollte sagen:
„Komm herein. Wir erklären dir das.“

Sie sollte nicht sagen:
„Das reicht für dich.“


Was wir brauchen

Wir brauchen:

einfache Einstiege

klare Erklärungen

verständliche Beispiele

Aber wir brauchen auch:

schwierige Begriffe, wenn sie nötig sind

Zeit zum Erklären

Mut zur Komplexität

Demokratie lebt davon,
dass Menschen verstehen können,
wie Entscheidungen entstehen
und warum sie schwierig sind.


Zum Abschluss

Einfache Sprache ist wichtig.
Sie ermöglicht Teilhabe.

Aber sie darf nicht ersetzen,
was Denken braucht.

Nicht alles muss leicht sein.
Aber alles sollte erklärbar bleiben.

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