"Unsere Energiewende: sicher, sauber, bezahlbar." Mit diesem Slogan wirbt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, das auch für die heimische Energiepolitik verantwortlich ist, für die Energiewende. Dass keines der drei genannten Adjektive die Realität widerspiegelt, muss sich die Politik einmal mehr von einem international renommierten Ökonomen erklären lassen, welcher von der - in ihrer gesinnungsethischen Traumwelt gefangenen - Regierungskoalition gekonnt ignoriert wird.

Die Wortneuschöpfung "Flatterstrom" ist wohl eines der beliebtesten Wörter im Wortschatz des ehemaligen Präsidenten des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, wenn er sich wiederkehrend mit den Irrungen und Wirrungen der deutschen Energiepolitik befasst. Dieser Begriff allein widerlegt praktisch schon durch seine implizite Beschreibung des größten Problems regenerativer Energieerzeugung die These der "sicheren" Energiewende.

Ist "unsere" Energiewende sicher?

Betrug der Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix 2022 lediglich 17,2 % (Steigerung um 0,6 % im Vergleich zum Jahr 2020), so soll dieser Anteil bis 2045 auf 100 % ansteigen, um konventionelle Energieträger wie Kohle, Öl, Gas und, nicht zu vergessen, die verteufelte Kernenergie zu substituieren. Ende 2021 gingen die Meiler Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen vom Netz. So konnten die übriggebliebenen AKWs ex post im vergangenen Jahr knapp 50 % weniger Energie liefern als das 2021 der Fall war. Gelinde gesagt begehen wir mit dieser Energiepolitik des Doppelausstiegs aus Kohle- und Atomstrom die gesinnungsethisch-getriebene Deindustrialisierung der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Hält nichts von bundesrepublikanischen Sonderwegen: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn, Präsident a.D. des ifo Instituts und einer der schärfsten Kritiker der deutschen Energiewende. (Foto: Romy Vinogradova)

Nur um die Träume einer "grünen" Energieversorgung einmal in Relation zu setzen: Um den Primärenergieverbrauch des Landes von 402 Mio. t SKE (Steinkohleeinheiten) im Jahr 2022 durch Windenergie zu ersetzen, bräuchte es einen Zubau von rund 300.000 Windkraftanlagen. Zum Vergleich: Aktuell stehen in Deutschland ca. 10 % davon, rund 28.000 Anlagen. Wohl gemerkt muss dieser Turboausbau schon in den kommenden 22 Jahren vonstattengehen, um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Ziemlich utopisch.

Und selbst diese Menge an Anlagen würde nur im Optimalfall die benötigte Energie liefern; Windflauten müssten, so wie viele andere Dinge in der Bundesrepublik, verboten werden. Rechnet man dann noch die Planungs- und Genehmigungsverfahren für die Errichtung mit ein, die im Schnitt vier bis fünf Jahre dauern, und bedenkt man zudem die recht kurze Betriebszeit einer Windkraftanlage von 20 Jahren sowie das große Recyclingproblem, das auf die schlechte Wiederverwertbarkeit der zur Funktionsfähigkeit relevanten Verbundwerkstoffe zurückzuführen ist, fällt einem die seit Jahren selbstbewusst vor dem eigenen Körper moralisierend umhergetragene grüne Monstranz vor Schreck aus den Händen. Womit wir auch schon beim nächsten Versprechen des Wirtschaftsministeriums wären:

Ist "unsere" Energiewende sauber?

Die Kohle bleibt im Revier und die Brennelemente kühlen ab. Neue Photovoltaik- und Windparks geben unserem Land einen grünen Anstrich. Ist das nun echter Klimaschutz oder doch nur gute PR? Wie sauber sind die Maßnahmen zur regenerativen Energieerzeugung wirklich und bedarf es da nicht einer Korrektur alter Entscheidungen?

Dass auch die oft gepriesene Windkraft ihre Tücken im Hinblick auf Recycling hat, habe ich bereits beschrieben. Werfen wir stattdessen also einmal einen Blick auf die Solar- und Wasserkraft. Die gute Nachricht zuerst: Solarpanels können nach aktuellem Stand der Technik ohne größere Probleme recycelt werden. Die Hauptkomponenten, bestehend aus Aluminium, Glas und verschiedenen Kunststoffen, können zerlegt und gut wiederverwertet werden. Zu beachten ist bei Solarzellen jedoch der vergleichsweise geringe Wirkungsgrad von 15 - 25 % je nach Technologie. Moderne Steinkohlekraftwerke kommen auf rund 45 %, Wasserkraftwerke sogar auf 90 % Wirkungsgrad. Zudem gibt es auch beim Sonnenstrom nächtliche Flauten, in Mittel- und Nordeuropa auch häufig untertags. Eine Grundlastfähigkeit, die jener konventioneller Kohle- oder Atomkraftwerke entspricht, ist so also nicht zu erreichen. Für die deutsche Chemie- und Stahlproduktion, die 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche produziert, käme die Energieversorgung einer Lotterie gleich.

Dann also Wasserkraft! Aufgrund der Topografie, so heißt es häufig, wird in Frankreich, Norwegen, in der Türkei und in Russland mehr als zwei- bzw. dreimal so viel Leistung in Gigawatt durch den Einsatz von Wasserkraft erzielt wie in Deutschland. In Bayern deckt die Wasserkraft aktuell 15 % des Stromverbrauchs. Im bergigen Freistaat erbringen 67 Laufwasser- und Pumpspeicherkraftwerke mehr als 10 Megawatt pro Anlage. Durch weiteren Zubau oder Maßnahmen wie einen höheren Wasseraufstau könnte so in Zukunft noch einmal mehr Strom erzeugt werden. Dafür, dass diese Vorstellungen nur Wunschdenken bleiben, setzen sich weniger die Alpenromantiker - wie ich es einer bin - ein, dafür umso mehr Umweltinitiativen, Naturschützer und Anrainer wie zuletzt im Fall des Wasserkraftwerks Türkheim. In der Gemeinde sollte ein höherer Aufstau in Zukunft 600.000 Kilowattstunden zusätzlichen Strom liefern. 120 im Rathaus des Marktes abgegebene Einwände, die z. B. eine besondere Fischart in Gefahr sehen, durchkreuzen diese Pläne aktuell.

Also vielleicht doch Kernkraft? "Die Kernenergie, die zum Erreichen der Klimaneutralität beiträgt, ist eine wichtige Energiequelle für kohlenstoffarmen Strom und Wärme." Dieser Satz stammt nicht vom Politischen Aschermittwoch der CSU oder vom Dreikönigstreffen der FDP, sondern aus einem Papier der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE). Aus der Analyse geht unter anderem hervor, dass seit 1971 rund 74 Gigatonnen an CO2-Emmissionen durch den Einsatz von Kernenergie vermieden werden konnten, wohingegen übrige Erzeugungsformen (exklusive fossiler Energieträger) wie Wind, Solar oder Biomasse lediglich 15 Gigatonnen vermieden. Einzig Wasserkraft toppt dieses Ranking mit 98 Gigatonnen. Deutschland hat zu diesen beeindruckenden Werten jedoch recht wenig beigetragen. Seit jeher hatte weder die Wasserkraft noch die Kernenergie in unserem Land ein gutes Image. Produzierte Deutschland im Jahr 2020 ca. 12 % seiner benötigten Energie mithilfe der Kernkraft, so waren es in Frankreich 70 %. Mittlerweile stellt man ohne große Verwunderung fest, dass Deutschland das einzige Industrieland zu sein scheint, das die Atomkraft mit dem "Machtwort" des Bundeskanzlers Ende vergangenen Jahres endgültig über den Jordan schickt. In China werden währenddessen 16 neue Meiler errichtet und auch unsere europäischen Freunde in Großbritannien, in Frankreich, den Niederlanden und der Slowakei bauen munter neue Anlagen.

Der heilige Gral des Klimaschutzes ist die Kernkraft freilich nicht. Auch hier stehen wir vor bisher ungelösten Problemen im Hinblick auf die Endlagerfrage. Atomstrom leistet allerdings einen nicht unerheblichen Beitrag zum Ziel "Net Zero", sodass der im Aktionismus getroffene Entscheid über den endgültigen Atomausstieg insbesondere von Seiten der SPD und der Grünen erneut überdacht werden sollte.

Wie man es am Ende auch sieht, eines steht fest: Energie kostet Geld. Doch was ist nun lohnender? Die konventionelle oder regenerative Energieerzeugung?

Ist "unsere" Energiewende bezahlbar?

Wenn es ums Geld geht, hören wir besser auf den Ökonomen. In seiner Weihnachtsvorlesung ging Sinn auf das hier bereits angerissene Problem des Flatterstroms ein. Er argumentierte, wie einige Politiker und Wissenschaftler auch, mit der Möglichkeit der Speicherung von überschießenden Stromspitzen im Netz, um Sonnen- und Windflauten ausgleichen und so überschüssigen Strom im späteren Verlauf trotzdem nutzen zu können. Somit würden grundlastfähige Kern- oder Kohlekraftwerke obsolet und man könnte sich über 100 % regenerativ-erzeugten Strom in Form von 21 Terrawattstunden in der Spitze freuen. Dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, machte Sinn mit Verweis auf ein Paper der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina deutlich. Am Beispiel der Pumpspeicherkraftwerke und Batteriespeicher wird hier erklärt, dass die Finanzierung solcher Projekte unrealistisch sei. Um die 21 TWh Grünstrom speichern zu können, bräuchte es einen Batteriespeicher, der aktuell 10 Billionen Euro, also das Zweieinhalbfache des Bruttoinlandsprodukts der Bundesrepublik, kosten würde.

Im Wortlaut sagt die Leopoldina hierzu:

"Mit einem kontinuierlichen weiteren Ausbau von Anlagen zur Stromerzeugung aus volatilen Quellen – Sonne und Wind – wird es zunehmend Zeiten geben, in denen die aktuelle Stromerzeugung die Summe aller Stromverbräuche übersteigt. Kurzzeitspeicher wie Pumpspeicherkraftwerke und Batteriespeicher können helfen, derartige Überschüsse teilweise auszugleichen. Es ist aber völlig unrealistisch und selbst bei stark sinkenden Kosten für Batteriespeicher nicht bezahlbar, so große Mengen Kurzzeitspeicher zu installieren, dass auch längere Phasen einer hohen Stromproduktion aus Sonne und Wind gespeichert werden können."

Diese Summen sind für ein Land wie Deutschland nicht stemmbar. Insbesondere dann nicht, wenn man sich die weiteren drängenden Herausforderungen in anderen Ressorts ansieht: eine veraltete Infrastruktur, immense Sozialstaatsausgaben finanziert mit Steuermitteln, eine unterfinanzierte Bundeswehr, erhebliche Bildungsdefizite bei Schülern, fehlende Fachkräfte in allen Branchen, die durch die Silvesterausschreitungen in Berlin und Frankfurt noch einmal vor Augen geführten Migrations- und Integrationsprobleme und vieles mehr.

Hohe Ausgaben für die Energiewende würden auch zwangsläufig höhere Preise für Stromkunden nach sich ziehen. Dabei zahlen die Deutschen aktuell schon mit 0,32 Euro pro Kilowattstunde die zweithöchsten Strompreise weltweit. (Stand 09/2021) Fließen hier die Daten des Jahres 2022, in welchem der russische Machthaber Putin Deutschland und Europa den Gashahn zudrehte, mit ein, so ergibt sich ein noch deutlicheres Bild. Im Herbst 2022 schoss der Strompreis für Neukunden auf 0,50 bis 0,60 Euro in die Höhe. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.

Ganz konkret würde uns die Energiewende mit ambitionierten Klimazielen bis zu 3 Billionen Euro kosten, lässt man die utopischen Ideen rund um Batteriespeicher außer Acht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Modellrechnung des ifo Instituts, die auf Grundlage der hier bereits zitierten Leopoldina-Studie „Sektorkopplung – Optionen für die nächste Phase der Energiewende“ angestellt wurde. Besonders der Umbau des Energiesystems, verbunden mit Investitionen in neue Kraftwerke und Infrastrukturen, fielen stark ins Gewicht. Das Koppeln der Energiewende an bestimmte Energiewandler, wie Solarzellen, Windkraftanlagen oder Wasserkraftwerke, würde laut der Studie die Finanzierung dieses Großprojekts noch einmal erschweren. Vielmehr plädieren Wissenschaftler für einen technologieoffenen und innovationsfreundlichen Umbau der heimischen Energielandschaft, um Opportunitätskosten zu verringern und die Kassen der Industrie und der Privathaushalte nicht vollends zu leeren.

Was also bleibt vom Versprechen der sicheren, sauberen und bezahlbaren Energiewende?

So wie die Energiewende aktuell ausgestaltet ist, bliebe sicherlich nicht viel übrig. Vor allem bliebe nicht viel vom Wirtschaftsstandort Deutschland. Ohne eine grundlastfähige Energieversorgung bliebe wenig Strom und Wärme in den Nächten, Wintermonaten oder bei Windstille. Ohne Energie bliebe wenig erhalten von unserem Wohlstand. Ohne Wohlstand bliebe wenig erhalten von den sozialstaatlichen Leistungen und vom Subsidiaritätsprinzip. Ohne diese Maxime bliebe wenig von unserer Demokratie, von unseren Werten, von unserem Leben.

Frei nach Hölderlin hoffen wir also, dass die Entscheidungsträger in Deutschland nicht tatenarm und gedankenvoll bleiben, sondern der Realität ins Auge blicken. Damit wir eines Tages - wenn wir schon einmal bei großen Dichtern angelangt sind - Heinrich Heine zitieren können:

Anfangs wollt ich fast verzagen,
Und ich glaubt’ ich trüg’ es nie,
Und ich hab’ es doch getragen, –
Aber fragt mich nur nicht, wie?


Am 12. Dezember 2022 lud das ifo Institut in München zum mittlerweile 15. Mal zur öffentlichen Weihnachtsvorlesung ihres ehemaligen Präsidenten Hans-Werner Sinn in die Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Hörer erlebten einen sachlichen Vortrag eines zusehends resigniert wirkenden Professors ob der verfehlten Fiskal- und Energiepolitik Deutschlands und Europas. Der Vortrag ist in voller Länge über die Website des ifo Instituts abrufbar.


Literatur:
https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Dossier/energiewende.html

https://www.ifo.de/publikationen/2018/aufsatz-zeitschrift/vom-gruenen-paradoxon-zum-flatterstrom-hans-werner-sinns

https://unece.org/sites/default/files/2021-08/Nuclear%20power%20brief_EN_0.pdf

https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2017_11_14_ESYS_Sektorkopplung.pdf

https://www.rnd.de/wirtschaft/atomkraftwerke-weltweit-karte-und-grafiken-standorte-laufzeit-verbrauch-UMQFPX42VBBG3C3Z5SSM3RIOBQ.html

https://www.ndr.de/nachrichten/info/Watt-Das-leisten-die-Anlagen-im-Vergleich,watt250.html

https://www.weltenergierat.de/publikationen/energie-fuer-deutschland/energie-fuer-deutschland-2021/energie-in-deutschland-zahlen-und-fakten/

https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-faellt-2022-auf-niedrigsten-stand-seit-der-wiedervereinigung/

https://www.wind-energie.de/themen/zahlen-und-fakten/deutschland/

https://www.ifo.de/medienbeitrag/2019-07-12/was-uns-die-energiewende-wirklich-kosten-wird

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